loben, da sie keinen Sackzehent davon entrichtet, oder sie wenigstens zu beleidigen, da sie keine Ablassbriefe austeilt, und weil man wirklich in der Angst zuletzt annimmt, man könne keine andern Sünden gegen sie begehen als solche gegen den heiligen Geist. Jean Paul, der in solchen Lagen war und oft jahrelang auf einem Platz vor solchen Bergfestungen mit seinen Sturmleitern und Labarums und Trompetern stand und statt der Besatzung selber ehrenvoll abzog, dieser Paul, sag' ich, kann sich eine Vorstellung machen, was hier in Sachen Sebastians contra Klotilden für Aktenpapier, Zeit und Druckschwärze (von ihm und mir) vertan werden kann, bis wirs nur zur Kriegsbefestigung treiben. Es wird einem Mann überhaupt bei einer ganz vernünftigen Frau nie recht wohl, sondern bei einer bloss feinen, phantasierenden, heissen, launenhaften ist er erst zu haus. Durch so eine wie Klotilde kann der beste Mensch vor blosser Angst und achtung frostig, dumm und entzückt werden; und meistens schlägt obendrein noch das Unglück dazu, dass der arme matte Schäker, von dem sich ein solcher irdischer Engel, wie der apokalyptische vom Jünger Johannes, durchaus nicht will anbeten lassen, selten noch die Kräfte auftreibt, um zum Engel zu sagen – wie etwa zu einem entgegengesetzten Engel mit Weltreichen, der das Anbeten haben will –: "Hebe dich weg von mir!" Paul hebt sich allemal selber weg. – –
Viktor tat dies nicht; er wollte jetzt gar nicht aus dem haus, d.h. aus dem dorf. Die Sommertage schienen ihm in St. Lüne wie in einem Arkadien zu ruhen, wehend, duftend, selig; und er sollte aus dieser sanft irrenden Gondel hinausgeworfen werden ins Sklavenschiff des Hofs – aus der pfarrherrlichen Milchhütte in die fürstliche Arsenikhütte, aus dem Philantropistenwäldchen der häuslichen Liebe auf das Eisfeld der höfischen. Das war ihm in der Laube so hart! – und in Tostatos Bude so lieb! – Wenn die Wünsche und die Lagen des Menschen sich miteinander umkehren: so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die Wünsche an. "Er wolle sich selber", sagt' er, "auslachen, aber er habe doch hundert Gründe, in St. Lüne zu zögern, von einem Tage zum andern – es ekle ihn so sehr seine Absicht an, einem Menschen (dem Fürsten) aus andern Beweggründen zu gefallen als aus Liebe – es sei noch unwahrscheinlicher, dass er selber gefalle, als dass es ihm gefalle – er wolle lieber seinen eignen Launen als gekrönten schmeicheln, und er wisse gewiss, im ersten monat sag' er dem Minister von Schleunes Satiren ins Gesicht, und im zweiten dem Fürsten – und überhaupt werde' er jetzt mitten im Sommer einen vollständigen Hof-Schelm schlecht zu machen wissen, im Winter eher, u.s.w."
Ausser diesen hundert Gründen hatte' er noch schwächere, die er gar nicht erwähnte, wie etwa solche: er wollte gern um Klotilden sein, weil er ihr notwendig, gleichsam um sein Betragen zu rechtfertigen – aber welches denn, mein Trauter, das vergangne oder künftige? –, seine Wissenschaft um ihre Blutverwandtschaft mit seinem Freund eröffnen musste. Zu dieser Eröffnung fehlte, was in Paris das Teuerste ist, der Platz; das Exordium auch. Klotilde wer nirgends allein zu treffen. Kenner sagen, jedes Geheimnis, das man einer Schönen sage, sei ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime, und das oft ein zweites Geheimnis gebäre: sollte Viktor etwa darum Klotilden seine Kenntnisse von ihrer Geschwisterschaft so begierig zu zeigen getrachtet haben? –
Er blieb einen Tag um den andern, da ohnehin die Butterwoche der Vermählung erst vorübergehen musste. – Er hatte schon Vermählmünzen in der tasche. Aber er sah Klotilde immer nur in Sekunden; und eine halbe Sekunde braucht man nach Bonnet zu einer klaren idee, nach Hooke gar eine ganze: eh' er also eine ganze Vorstellung von dieser stillen Göttin zusammengebracht hatte, war sie schon fortgelaufen.
Endlich wurden ernstaftere Anstalten gemacht – nicht zur Abreise, sondern zum Vorsatz derselben... Die schönsten Minuten in einem Besuche sind die, die sein Ende wieder verschieben; die allerschönsten, wenn man schon den Stock oder den Fächer in der Hand hat und doch nicht geht. Solche Minuten umgaben unsern Fabius der Liebe jetzt: sanftere Augen sagten ihm: "Eile nicht", wärmere hände zogen ihn zurück, und die mütterliche Träne fragte ihn: "Willst du mir meinen Flamin schon morgen rauben?"
"Ganz und gar nicht!" antwortet' er und blieb sitzen. Ich frage: steckte nicht seinetwegen die Kaplänin ihr Zungen-Richtschwert in die Scheide, weil er nichts so hasste als laute und stille Verleumdungen eines Geschlechts, das, unglücklicher als das männliche, sich von zwei Geschlechtern zugleich gemisshandelt erblickt? – Denn er nahm oft Mädchen bei der Hand und sagte: "Die weiblichen Fehler, besonders böse Nachrede, Launen und Empfindelei, sind Astlöcher, die am grünen Holz bis in die Flitterwochen als schöne marmorierte Kreise gefallen; die aber am dürren, am ehelichen Hausrat, wenn der Zapfen ausgedorret ist, als fatale Löcher aufklaffen."- Agate schraubte jetzt ihr Nähküssen an seinen Schreibtisch und küsste ihn, er mochte zu lustig oder zu mürrisch aussehen. Selber der Kaplan suchte ihm, wenn nicht die letzten Tage, die er bei ihm verträumte, süss zu machen, doch die letzten Nächte, wozu nichts nötig war als eine Trommel und