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und Agate lachte.

Da aber der Name Emanuel von ihm genannt wurde und sein Haus und sein Berg: so breitete die Freundschaft und die Vergangenheit auf dem schönsten Auge, worüber noch ein Augenbraunenbogen, aus einer Schönheitlinie gezogen, floss, einen sanften Schimmer aus, der jeden Augenblick zur Freudeträne werden wollte. Doch musste er zu einer andern werden, als Viktor der Frage um seine Gesundheit, welche Klotilde hoffend an ihn als Kunstverständigen tat, die Antwort der leis' umschriebenen geschichte seines nächtlichen Blutens geben musste. Er konnte den Schmerz des Mitleidens nicht verhehlen, und Klotilde konnte' ihn nicht bezwingen. O ihr zwei guten Seelen! welche Quetschwunden wird euer Herz noch von eurem grossen Freund empfangen!

Wohin anders konnte sie jetzt ihr liebendes und trauerndes Auge als gegen ihren guten Bruder Flamin hinkehren, gegen den ihr Betragen durch den doppelten Zwang, den ihr ihre Verschwiegenheit und seine Auslegungen anlegten, bisher so unbeschreiblich mild geworden war? – Da nun Viktor das alles mit so ganz andern Augen sah; da er seinem armen Freund, der mit seinem gegenwärtigen Glück vielleicht die giftige Nahrung seiner künftigen Eifersucht vergrösserte, offen und heftend in das feste Angesicht schaute, das einst schwere Tage zerreissen konnten; da ihn überhaupt künftige oder vergangne Leiden des andern mehr angriffen als gegenwärtige, weil ihn die Phantasie mehr in der Gewalt hatte als die Sinne: so konnte' er einen Augenblick die herrschaft über seine Augen nicht behaupten, sondern sie legten ihren blick, von mitleidigen Tränen umgeben, zärtlich auf seinen Freund. Klotilde wurde über den Ruheplatz seines Blickes verlegener auch, weil der Mensch sich der heftigsten Zeichen des Hasses weniger schämt als der kleinsten der LiebeKlotilde verstand die kokette Doppelkunst nicht, in Verlegenheit zu setzen oder daraus zu ziehenund die gute Agate verwechselte das letzte immer mit dem ersten... "Frag ihn, was ihm fehlt, Bruder!" sagte Agate zu Flamin...

Dieser lenkte ihn mit ähnlichem Gutmeinen hinter die nächsten Stachelbeerstauden hinaus und fragte ihn nach seiner festen Art, die immer Behauptung für Frage hielt: "Dir ist was passiert!" – "Komm nur!" sagte Viktor und zerrte ihn hinter höhere spanische Wände aus Laub.

"Nichts ist mir" – hob er endlich mit gefüllten Augenhöhlen und lächelnden Zügen an – "weiter passiert, als dass ich ein Narr geworden seit etwa 26 Jahren" – (so alt war er) – "Ich weiss, du bist leider ein Jurist und vielleicht ein schlechterer Okulist als ich selbst und hast wohl wenig in Herrn Janin43 gelesen: nicht?"

Nicht bloss vom Nein wurde Flamins Kopf geschüttelt.

"Ganz natürlich; aber sonst könntest du es aus ihm selber oder aus der Übersetzung von Selle recht schön haben, dass nicht bloss die Tränendrüse unsre Tropfen absondere, sondern auch der gläserne Körper, die Meibomischen Drüsen, die Tränenkarunkel undunser gequältes Herz, setz' ich dazu. – Gleichwohl müssen von diesen Wasserkügelchen, die für die Schmerzen der armen, armen Menschen gemacht sind, sich in 24 Stunden nicht mehr als (wenn es recht zugeht) 4 Unzen abseihen. – – Aber, du Lieber, es geht eben nicht recht zu, besonders bei mir, und es ärgert mich heute, nicht dass du in den Herrn Janin nicht geguckt, sondern dass du meine fatale, verdammte, dumme Weise nicht merkst..." – "Welche denn?" – "Jawohl, welche; aber die heutige mein' ich, dass mir die Augen überlaufendu darfst es kühn bloss einem zu matten Tränenheber beimessen, worunter Petit alle einsaugende Tränenwege befasst –, wenn mir z.B. einer unrecht tut, oder wenn ich nur etwas stark begehre, oder mir eine nahe Freude oder nur überhaupt eine starke Empfindung oder das menschliche Leben denke oder das blosse Weinen selber." – –

Sein gutes Auge stand voll wasser, da er es sagte, und rechtfertigte alles.

"Lieber Flamin, ich wollte, ich wäre eine Dame geworden oder ein Herrnhuter oder ein Komödiantwahrlich, wenn ich den Zuschauern weismachen wollte, ich wäre darüber (nämlich über dem Weinen), so wär' es noch dazu auf der Stelle wahr."

Und hier legt' er sich sanft und froh mit Tränen, die entschuldigt flossen, um die geliebte Brust.... Aber zur Vipern- und Eisenkur seiner Männlichkeit hatte' er nichts als ein "Hm!" und einen Zuck des ganzen Körpers vonnöten: darauf kehrten die Jünglinge als Männer in die Laube zurück.

Es war nichts mehr darin; die Mädchen waren in die Wiesen geschlichen, wo nichts zu meiden war als hohes Gras und betauter Schatten. Die leere Laube war der beste einsaugende Tränenheber seiner Augen; ja ich schliesse aus Berichten des Korrespondenz-Spitzes, dass es ihn verdross. Da die Schwester spät allein wiederkam: so verdross es den andern auch. Überhaupt, sollte sich etwa der Heldwelches für mich und ihn ein Unglück wäremit der Zeit gar in Klotilden verlieben: so wird uns beiden ihm im Agieren, mir im Kopierendie Heldin warm genug machen, eben weil sie selber nicht warm sein will; weil sie weder überflüssige Wärme, noch überflüssige Kälte, sondern allezeit die wechselnde Temperatur hat, die sich mit dem Gespräch-Stoff, aber nicht mit dem Redner ändert; weil sie einem zärtlichen Nebenmenschen alle Lust nimmt, sie zu