des ersten Heftleins
Zweites Heftlein
16. Hundposttag
Kartoffeln-Formschneider – Hemmketten in
St. Lüne – Wachs-Bossierungen – Schach nach der
regula falsi – die Distel der Hoffnung – Begleitung
nach Flachsenfingen
Man sollte wie der alte Fritz gern in Kleidern schlafen, sobald man weiss, dass man, wie zuweilen Viktor und ich, im Hemde von den Vampyren der mitternächtlichen Melancholie umzingelt und angefallen wird; sie bleiben aus, wenn man sitzt und alles anhat; besonders erhalten uns Stiefel und Hut das Gefühl des Tages am meisten. –
Eine warme Hand hob Viktors betautes Haupt vom Schlaftisch auf und richtete es der ganzen daherschlagenden Flut des Morgens entgegen. Seine Augen gingen (wie allemal) unbeschreiblich mild und ohne Nachtwolken vor Agaten auf und überstrahlten sie. Aber sie führte ihn mit seinen Strahlen eilig aus der belaubten Schlafkammer hinweg: denn er sollte sich einen Frisierkamm und einen Morgensegen suchen, und zweitens sollte das Tischbett zu einem Teebrett für Klotilden werden, die die warmen Getränke gern an kalten Orten nahm.
Und so steht er draussen zwischen Pfarrhaus und Schloss mitten im Morgen – alles schien ihm erst während seiner Reise gemauert und angestrichen zu sein – denn alles, was darin wohnte, schien sich verändert zu haben und machte ihn wehmütig. "Die Eltern drinnen" (sagt' er zu sich) "haben keinen Sohn – mein Freund hat keine Geliebte, und ich... kein ruhiges Herz." Da er nun endlich in die wohnung trat und wieder ein heller Ehrenbogen des liebenden Familienzirkels wurde; da er mit teilnehmenden und doch belehrten Augen die zärtlichen Täuschungen der Eltern, die grundlosen Hoffnungen seines Freundes und das Aufsteigen der gewitterhaften Tage anschauen musste: so stand sein Auge in einer unverrückten Träne über die Zukunft, und sie wurde nicht kleiner, da seine Adoptiv-Mutter sie durch weiches Anblicken rechtfertigen wollte. – – Zum teil aber wehete auch dieser Flor über seine Seele bloss aus der vorigen Nacht herüber, deren dämmernde Szenen nur durch einen kleinen Zwischenraum aus Schlaf von ihm geschieden waren: denn eine in Empfindungen verwachte Nacht endigt sich allezeit mit einem schwermütigen Vormittag.
Der Kaplan machte gerade Butter-Vignetten; ich meine, er sägte mit keiner andern Ätzwiege als mit einem Federmesser und in keine andre Kupferplatten als in Kartoffeln Buchdruckerstöcke und Schliessquadrätchen ein, die auf die Juliusbutter des Schmuckes wegen zu drucken waren. Man hätte denken sollen, Viktor hätte sich dadurch viel geholfen, dass er Witz hatte und anmerkte, die alten Drucke wären zwar langer Bücher darüber und langer allgemeiner deutschen literarischen Rezensionen der Bücher ganz würdig, aber keines menschlichen Gedankens, und wären zehnmal ungeniessbarer als diese neuesten Butter-Inkunabeln; denn wenn es etwas Elenderes geben könnte als die Weltgeschichte (d.h. die Regentengeschichte), deren Inhalt aus Kriegen, wie das Teaterjournal anderer Marionetten aus Prügeleien, bestände, so wär's bloss die Gelehrten- und Buchdruckerhistorie42. Auch das hätt' ihm zustatten kommen sollen, dass er hinterdrein philosophisch war und verlangte, man sollte den Menschen weder ein lachendes noch vernünftiges Tier nennen, sondern ein putzendes; zu welcher Anmerkung die Kaplänin nichts setzte als die Anwendung davon auf ihre Töchter.
Aber in Menschen seiner Art haben Kummer, Satire und Philosophie nebeneinander Platz. Er erzählte dem Kartoffeln-Medailleur und der Kaplänin, die alle Weiber auf der Erde zu ihren Töchtern zählte und gegen sie ähnliche Strafpredigten hielt, seine Reise mit so vielen Satiren und Rasuren, als für beide Parteien nötig waren; aber als er die Wünsche der Familie hörte, dass der Lord glücklich mit dem geliebten Fürstenkinde zurückkommen möge, und die Nachricht, dass der Regierrat schon alles eingepackt habe, um mit seinem Freunde jede Stunde, die er wolle, in die Stadt zu ziehen: so hatte Viktor nichts zu tun als – die absondernden Tränenwege in seinen Augenhöhlen hinauszutragen....
– Aber in den Garten! – Das war unüberlegt. Flamin ging nach, und sie langten miteinander im LaubKlosett vor den Teetrinkerinnen an. Niemals verschatteten die Zweige desselben ein verlegneres Gesicht, weichere Augen, vollere Blicke und lebhaftere oder schönere Träume, als Viktor darunter mitbrachte. Er dachte sich jetzt Klotilde als ein ganz neues Wesen und dachte also – da er nicht wusste, ob sie ihn liebe – recht dumm; der Mensch achtet allezeit, wenn er den Berg überstiegen hat, den kommenden Hügel für nichts; Flamin war sein Berg gewesen, und Klotilde sein Hügel. – In allen Gespräch-Untiefen, wo man schon halb im Sitzen oder Sinken ist, gibts keine herrlichere Schiffpumpe als eine Historie, die man zu erzählen hat. Man gebe mir Verlegenheit und den grössten Zirkel und nur ein Unglück, nämlich die Anekdote davon, die noch keiner weiss als ich, so will ich mich schon retten.
Viktor brachte also seinen Schwimmgürtel heraus, nämlich sein Schifftagebuch, aus dem er für die Laube einen pragmatischen Auszug machte – ich gesteh' es, ein Zeitungschreiber hätte mehr verfälschen, aber schwerlich mehr weglassen können.
Er tat sich, glaube' ich, wieder Vorschub bei der Kaplänin, und noch mehr Schaden bei Klotilden – so sehr er auch nur aus Wohlwollen für die Zuhörer und aus zu starkem Hass des Hofes gegen Klotildens Satiren-Verbot in ihrem Briefe verstiess – dadurch unbezweifelt, dass er – da überhaupt die Mädchen nur den Spott, nicht die Spötter lieben – die Benefizkomödie der Prinzessin nicht von der erhabenen Seite darstellte, wie ich, sondern von der lustigen: Klotilde lächelte,