wie in einem Zauberspiegel ihren letzten Tag gelesen hätten. Viktor bestritt ihn; er zeigte, die Erklärung der letzten Erscheinung, als könne der Hektiker aus dem regelmässigen stufenweisen Fallen der Lebenskraft leicht die letzte Stufe oder den Gefrierpunkt vorausfühlen, sei falsch, weil Gefühle der Zukunft in der Gegenwart Widersprüche (in adjecto) wären, und weil wir mitten im Leben so wenig den Eintritt des Todes als im Wachen den Eintritt des Schlafes (trotz gleicher Stufenfolge) voraus empfinden könnten. Viktor stellte ihm alles dieses vor; aber er glaubte es selber nicht recht: ihn übermannte der hohe Mensch, der seinen Eintritt in den Todesschatten so zuverlässig wie einen Eintritt des Mondes in den Erdschatten ansagte. – Wir wollen dem Kranken vergeben und uns deswegen nicht für weiser halten, weil er schwärmerischer ist. – Am meisten wurde Viktor durch Emanuels Wahn getröstet, dass ihm vor seinem tod erst sein verstorbner Vater erscheinen werde.
Viktor zögerte und wollte nicht zögern, hinderte als Arzt das Sprechen des Emanuel, um sich die Entschuldigung eines unschädlichen Aufschubs zu machen, und wurde eben, weil er selber wenig zu reden suchte, immer betrübter. – Wie kannst du, guter Viktor, schon heute von ihm eilen, von diesem Engel, der vielleicht über dem nächsten grab verschwindet? – Es muss dir hart fallen, da es schon so schwer ist, vom Maiental voll Blüten, vom Blinden voll sanfter Töne wegzugehen – schmerzlich ist hier der letzte Händedruck, Viktor, und schön jede Verzögerung!
Er beschloss, in der Nacht zu scheiden, weil eine Trennung am Morgen zu lange wehe tut und die Stelle des Herzens, wo sich das geliebte abgerissen, den ganzen Tag fortblutet. Emanuel hätte abends sich wieder ins Stift entfernen sollen, wie gestern: Viktor würde dann seine gefüllten Augenhöhlen, mit denen er immer hinausgehen musste, um den Schmerz hinwegzunehmen, vor dem Blinden, den er um die traurigste Melodie von der Welt gebeten hätte, satt haben strömen lassen können.
Als er abends das letztemal ass und die Abendglokke anfing, wurde seinem Herzen, als wäre von demselben die Brust weggehoben und Eisspitzen würden darauf geweht. Er umschlang voll Liebe den blinden Jüngling, den er nicht als den Gespielen seiner Kindheit erkennen durfte, und der mit seinen Tönen mehr Entzückungen gegeben hatte, als er in seiner Nacht zurückbekam; und liess Tränen ihren Lauf, deren doppelte, vielleicht dreifache Quelle Emanuel nicht erriet: denn der Anblick dieser Augen, die nie mehr zu öffnen waren, tat nun seiner Seele nach Klotildens Wunsche ihrer Heilung viel weher. Emanuel bat er noch mit einer über den Nebensinn hinübereilenden stimme, ihn ein wenig zu so begleiten, bis Maiental verschwunden wäre.
In der dunkeln stillen Gegend draussen blieben alle Schmerzen in der Brust neben ihren Seufzern. "Wenn der Mond in dieses Blütental hereinschimmert," dachte' er, "hab' ich es auf lange verlassen." Bloss die Altarlichter, die Sterne, brannten im grossen Tempel. Er wollte sich von seinem Lehrer auf dem Berge trennen, wo er sich mit ihm vereinigt hatte; aber er ging durch Umwege – Emanuel folgte ihm gern, wohin er ihn führte – hinauf, um das Schweigen und Weinen unter dem Umwege zu überwältigen.
Aber sie kamen an unter der Trauerbirke, und sein Auge und seine stimme hatte noch der Schmerz. "Ach" (dachte' er) "wie freudig war hier die erste Nacht, und wie schmerzhaft ist diese!" Sie ruhten auf der Erde nebeneinander an der Grasbank, einsam, schweigend, trauernd vor dem dunkel schimmernden All. Viktor konnte den belasteten Atemzug der zerstörten Brust vernehmen, und das künftige Grab auf diesem Berge schien sich neben ihm aufzuwühlen. O wenn es bitter ist, neben dem Bette zu stehen, worin ein geliebtes erlöschendes Angesicht mit den Farben des Todes liegt: so ist es noch viel bitterer, mitten in den Szenen der Gesundheit hinter der aufgerichteten teuern Gestalt den leise grabenden Tod zu hören und so oft zu denken, als die Gestalt fröhlich ist: "Ach sei noch fröhlicher, in kurzem hat er dich umgenagt, und du bist vergangen mit deinen Freuden und mit meinen!" – Aber ach, es gibt ja keinen Freund und keine Freundin, bei denen wir das nicht denken müssten! –
Er wusste nicht, warum Dahore so lange still war. – Er sah nicht voraus, dass der Mond den Berg früher bestrahlen werde als die Tiefe. Der Mond, dieser Leuchtturm am Ufer der zweiten Welt, umzog jetzt den Menschen mit bleichen Gefilden, die aus Träumen genommen waren, mit blass schimmernden Auen aus einer überirdischen Perspektive, und die Alpen und Wälder lösete er in unbewegliche Nebel auf – über der halben Erdkugel stand tief der Letefluss des Schlafes, unter der grünen Rinde stand das Totenmeer, und zwei liebende Menschen lebten zwischen dem weiten Schlafe und Tod... Jetzt dachte Viktor zwar noch glühender: hier neben diese Birke, unter diesen kalten Boden wird seine zerfallne Brust auf ewig verborgen, und sie blutet nicht mehr, aber sie schlägt auch nicht mehr – er dachte zwar an trübe Ähnlichkeiten, als die unbeweglichen Sterne auf- und abzusteigen schienen, bloss weil die spielende Erde sich um sie wendet und sie zeigt und deckt – er sah zwar melancholisch von den Irrlichtern weg, die, über Täler rennend, nur an der ernsten Nacht und an den Gräbern hinanhüpften und die um einen einsamen Pulverturm gaukelnde Kreise beschrieben – –
Allein