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, in dem wir grünen, auf gleiche Weise in die Erde zum künftigen Blühen komme, aber ich konnte doch meine Tränen nicht mehr stillen. – Vergeblich sah ich den heitern Frühling an, der jeden Tag neue Farben, neue Mücken, neue Blumen aus der Erde ziehtich wurde nur betrübter, da er alles verjüngt, aber den Menschen nicht. – Und als ich Herrn von Schleunes von weitem mit einem Froschschnepper auf den Teich zugehen sah, musst' ich mich, weil er von ferne im Vorbeigehen meine Augen sehen konnte, schlafend stellen, um sie nicht zu verraten. – – Aber vor meinem teuersten Lehrer würde' ich sie geöffnet haben, wie jetzt, weil er mir meine Schwächen vergibt.

Klotilde v. L. B."

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Viktor hatte den linken Arm, womit er den Brief hielt, zu nahe ans Herz gelegt; und sein Arm und Brief fingen mit dem pochenden Herzen zu zittern an, und er konnte ihn kaum vor Rührung lesen und fassen. "Ein solcher Lehrer! – eine solche Schülerin!" weiter konnten seine Blicke nichts sagen.

Es war in ihm ein Streit, ob er seinem Freund die Liebe für Klotilden sagen sollte. Für das Geständnis war Emanuels Bitte, mit ihr umzugehensein gleichsam aus Fixsternen alle Kleinigkeiten der Erde beschauendes AugeViktors dankbare Begierde, ein Geheimnis mit dem andern zu vergeltenund am meisten, o! diese Liebe zu seinem Lehrer, diese Liebe seines Lehrers zu ihm....

Und diese siegte auch, so viel auch sonst dagegen war. Denn wenn Viktors ganze natur im Feuer der Freundschaft glühte, so stieg sein Herz immer höher und brannte, sich zu öffnener kämpfte noch mit ihm, und es schwieg noches liebte unendliches hob sich wie von einer unsichtbaren Macht empores brach endlich entzweidie Brust ging wie vor Gott auseinander, und nun, Geliebter! schau hinein, aber verzeih ihm alles.

Er kriegte noch in sich, als der hinter ihrem rücken heraufgehobene Mond ihre beiden Schatten-Kniestükke vor ihnen voraustrieb. – Er wurde durch Emanuels ziehenden Schatten an eine Stelle in seinem Briefe40 erinnert und an sein sieches Leben und frühes Verschwinden... Dieses zerspaltete sein Inneres, er wendete sanft seinen Emanuel gegen den herunterströmenden Mond um und sagte und zeigte ihm allesaber nicht bloss seine Liebe, sondern seine ganze geschichteseine ganze Seelealle seine Fehleralle seine Torheitenalles, er war so beredt in dieser Minute wie ein Engel und ebenso grosssein Herz wallete zerschmolzen in Liebe, und je mehr er sagte, je mehr wollte er zu sagen haben.

Auf dieser Erde schlägt keine erhabnere und seligere Stunde als die, wo ein Mensch sich aufrichtet, erhoben von der Tugend, erweicht von der Liebe, und alle Gefahren verschmäht und einem Freunde zeigt, wie sein Herz ist. Dieses Beben, dieses Zergehen, dieses Erheben ist köstlicher als der Kitzel der Eitelkeit, sich in unnütze Feinheiten zu verstecken. Aber die vollendete Aufrichtigkeit steht nur der Tugend an: der Mensch, in dem Argwohn und Finsternis ist, leg' immer seinem Busen Nachtschrauben und Nachtriegel an, der Böse verschon' uns mit seiner Leichenöffnung, und wer keine Himmeltür an sich zu öffnen hat, lasse das Höllentor zu!

Emanuel hatte die göttliche oder mütterliche Freude, die ein Freund über die Tugend und Veredlung des Freundes empfindet, und vergass über der Freude die verschiedenen Anlasse derselben.

Ungern trenn' ich mich auf eine Nacht von diesem tugendhaften Paar. Möge ich noch viele Tage von Maiental zu malen bekommen und Viktor noch viele da verleben! –

15. Hundposttag

Der Abschied

Ach heute geht er schon! Die bisherigen Rührungen und gespräche hatten die zarte Hülle, die Emanuels schönen Geist wie eine Tulpe die Biene verschliesset, zu sehr erschüttert: blass und wankend stand er auf; und der Blinde war am glücklichsten, der weder diese Blässe, noch das weisse Tuch erblickte, das er zu nachts, statt vollzuweinen, vollgeblutet hatte. Er selber hatte noch das bleiche Abendrot der gestrigen Freude auf dem Angesicht; aber eben diese Gleichgültigkeit gegen seine auslöschenden Tage, dieses schwächere leisere Sprechen machte, dass Viktor die Augen von ihm wegwenden musste, sooft sie lange an ihm gewesen waren. Emanuel sah ruhig, wie eine ewige Sonne, auf den Herbst seines Körpers herab; ja je mehr Sand aus seiner Lebens-Sanduhr herausgefallen war, desto heller sah er durch das leere Glas hindurch. Gleichwohl war ihm die Erde ein geliebter Ort, eine schöne Wiese zu unsern ersten Kinderspielen, und er hing dieser Mutter unsers ersten Lebens noch mit der Liebe an, womit die Braut den Abend voll kindlicher Erinnerungen an der Brust der geliebten Mutter zubringt, eh' sie am Morgen dem Herzen des Bräutigams entgegenzieht.

Viktor warf sich jeden vergossenen Bluttropfen Emanuels vor und entschloss sich, heute zu gehen, weil diese Psyche mit ihren grossen Flügeln sich in ihrem Gewebe nicht mehr ohne Risse bewegen konnte. In Emanuels Augen glänzte eine unaussprechliche Liebe für seinen gerührten Schüler. Er fing selber von seinem Todestag zu reden an, um diesen zu trösten, und stellte ihm vor, dass er erst in einem Jahre von hinnen gehen könne; er bauete seine schwärmerische Weissagung auf zwei Gründe: dass erstlich seine meisten männlichen Verwandten am nämlichen Tage und im nämlichen Stufenjahre gestorben wären, zweitens dass schon mehre Schwindsüchtige in ihrer zerstörten Brust