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), und da du gar nicht ahnest, die Weggabe des fremden Briefes sei nicht recht. Doch dein Schüler hätte ihn nicht lesen sollen. Der las ihn aber. Er kann sich mit nichts decken als mit meinem Leser, der hier diesen nämlichen fremden Brief, den dessen Stellerin nie für ihn geschrieben, doch auf seinem Sessel genau durchsieht. Ich meines Orts lese nichts, sondern schreibe nur das ab, was mir der Hund gebracht. – Es ist schön, dass dieser Brief von ihr gerade in der regnenden, melodischen Nacht des Gartenfestes gemacht war, wo er seinen ersten an Emanuel geschrieben hatte.

"St. Lüne den 4. Mai 179*.

Sie verlangen es vielleicht nicht, verehrungwerter Lehrer, dass ich mich entschuldige, da ich kaum aus Maiental bin und schon mit einem Briefe wiederkomme. Ich wollte gar schon unterweges schreiben, dann am zweiten Tage und endlich gestern. Dieses Maiental wird mir noch viele Täler verderben; jede Musik wird mir wie ein Alphorn klingen, das mich traurig macht und in mein Herz die Erinnerung an das Alpenleben unter der Trauerbirke bringt.

In dieser Stimmung würde' ich es meinem Herzen nicht verweigern können, sich zu öffnen und sich vor dem Ihrigen in den wärmsten Dank für die schönsten und lehrreichsten Tage meines Lebens zu ergiessen: wenn ich nicht den Entschluss hätte, in einigen Tagen wieder in Maiental zu sein; nach meiner zweiten Zu

In unserm haus fand ich nichts verändert37auch in unsers Nachbars seinem nichts; und ich fand in allen Seelen die Liebe wieder, womit wir auseinander geschieden waren, nur ist meine Agate zwar lustig, aber doch es minder als sonst. Die einzige Veränderung in Herrn Eimanns haus ist ein Gast, den jeder anders nennt: ViktorHorionSebastianjunger LordDoktor. Diesen letzten Namen verdient er in vollem Masse durch seine erste Handlung und erste Freude in St. Lüne, welche die Heilung des blinden Lords Horion war. Welch ein Glück für den Geretteten und für den Retter! – Möge dieser Jüngling doch einmal durch Ihr Eden gehen und Ihren guten Julius antreffen, um an ihm die schöne Kunst zu wiederholen! – O sooft ich daran denke, dass das männliche Geschlecht mit dem Stoffe zu den grössten göttlichen Wohltaten beglückt ist, dass es, wie ein Gott, Augen, Leben, Recht, Wissenschaften austeilen kann, indes mein Geschlecht sein Herz, das sich nach Wohltun sehnt, auf kleinere Verdienste, auf eine Träne, die es abtrocknet, auf eine eigne, die es verbirgt, auf eine geheime Geduld mit Glücklichen und Unglücklichen einschränken muss: so wünsch' ich, möchte doch dieses Geschlecht, das die höchsten Wohltaten in Händen hat, uns die grösste vergönnen, esnachzuahmen und Güter in die hände zu bekommen, die uns beglückten, wenn wir sie verteilten! – jetzt kann ein Weib mit nichts in ihrer Seele gross sein als nur mit Wünschen.

Ich komme gerade vom freien Himmel herein aus einem kleinen Gartenfeste bei meiner Agate; und mir ist ordentlich jedes schöne tiefblaue Stück vom Himmel nicht recht, wenn es nicht über Ihrer Trauerbirke steht, wo Ihr Auge alle seine Schätze und Sonnen aufzählt und meinem Herzen alle Winke der unendlichen Macht und Liebe zeigt. Ich dachte heute im Garten mit einer fast zu traurigen sehnsucht an Ihr Maiental; Herr Sebastian erinnerte mich noch öfter daran, weil er einen Lehrer gehabt zu haben scheint, der dem meinigen ähnlich war38. Er sprach heute sehr gut und schien aus zwei Hälften zusammengesetzt zu sein, aus einer britischen und einer französischen. Einige seiner schönen Anmerkungen sind mir nicht entfallen – z.B. 'Die Leiden sind wie die Gewitterwolken; in der Ferne sehen sie schwarz aus, über uns kaum grau. – Wie traurige Träume eine angenehme Zukunft bedeuten: so werde' es mit dem so oft quälenden Traume des Lebens sein, wenn er aus sei. – Alle unsere starken Gefühle regieren wie die Gespenster nur bis auf eine gewisse Stunde, und wenn ein Mensch immer zu sich sagte: diese leidenschaft, dieser Schmerz, diese Entzückung ist in drei Tagen gewiss aus deiner Seele heraus: so würde' er immer ruhiger und stiller werden.' Ich berichte Ihnen alles dieses so ausführlich, um mich gleichsam selber zu bestrafen für ein voreiliges Urteil, das ich vor einigen Tagen (wiewohl in mir) über seinen Hang zur Satire fällte. Die Satire scheint auch bloss für das stärkere Geschlecht zu sein; ich habe in dem meinigen noch keine gefunden, die Swifts oder Cervantes' oder Tristrams Werke recht goutiert hätte. – – Zwei Tage später. Ich und mein Brief sind noch hier; aber heute reiset er auf vier Tage vor mir voraus. Ich denke ordentlich, dieses letzte Mal werde mir jede Blume in Maiental und jedes Wort, das mir mein bester Lehrer sagt, noch grössere und tiefere Freude machen als je, weil ich gerade aus dem Geräusche der Besuche und mit einem so melancholischen Herzen hinkomme. Am Morgen nach jener schönen Nacht des Kirchgangfestes sass ich allein in einer Laube neben dem grossen Teiche und machte mich durch alles trauriger, was ich sah und dachtedenn diesen ganzen Morgen stand wegen eines Traumes meine erblichene Freundin39 in meiner Seeleihr Grab lag durchsichtig auf ihr, und ich blickte hinein und sah diese Himmellilie blass und still in ihm liegenich dachte wohl daran, als der Gärtner Blumen mit den Töpfen in die Erde grub, dass der Körper