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rückte strafend unserm Viktor den Wein und Kaffeesatz vor, womit er die Blumen seines Geistes, wie irdische, zuweilen düngen musste. Blumenscherben waren Dahores Dosen und glühten unter dem Lindengrün, das, von zwei zahmen und doch freien Grasmücken durchhüpft, das lebendige wachsende Dekkenstück des Zimmers war. Auch seine Seele schien, wie ein Brahmin, von poetischen Blumen zu leben, und seine Sprache war oft, wie seine Sitten, indisch, d.h. poetisch. So war überall, wie bei mehren Menschen-Magnaten, eine auffallende vorherbestimmte Harmonie zwischen der äussern natur und seinem Herzener fand im Körperlichen leicht die Physiognomie des Geistigen und umgekehrter sagte: die Materie ist als Gedanke ebenso edel und geistig als irgendein anderer Gedanke, und wir stellen uns in ihr doch nur die göttlichen Vorstellungen von ihr vor; – z.B. unter dem Frühstück vertiefte er sich in den glimmenden Tautropfen in einer Levkoje und spielte durch das Wiegen des Auges das Farbenklavier derselben durch. "Es muss" – sagte er – "irgendeine Harmonie zwischen diesem Wasserstäubchen und meinem geist zusammenklingen, wie zwischen der Tugend und mir, weil beide mich sonst nicht entzücken könnten. Und ist denn dieser Einklang, den der Mensch mit der ganzen Schöpfung (nur in verschiedenen Oktaven) macht, nur ein Spiel des Ewigen und kein Nachhall einer nähern, grösseren Harmonie?" Ebenso blickte er oft eine glimmende Kohle so lange an, bis sie ihm zu einer Flammen-Aue sich ausgebreitet hatte, die er, von sanften Phantasien beleuchtet, auf- und niederwandelte....

Erdulde, Leser, diese blumige Seele; wir wollen beide denken, dass die Menschen leichter eine Religion als eine Philosophie haben können, und dass jedes System sein eigenes Gewebe des Herzens voraussetze, und dass das Herz die Knospe des Kopfes sei.

Der einzige Umstand schmerzte den beglückten Viktor an diesem Morgen, dass er den schönen Blinden nicht umfassen und fragen durfte: "Haben wir nicht schon beisammengelebt, und ist dir meine stimme nicht so bekannt wie mir deine?" Denn er hielt ihn (wie ich auch) aus mehren Gründen für den zurückgebliebnen Sohn des Pfarrers Eimann. Da aber Dahore darüber schwiegin dessen hellen lichten Himmel man sonst bis zum kleinsten Nebelstern hinabschauen konnte –: so fürchtete er, vor diesen frommen Ohren seinem Eide des Schweigens zu nahe zu reden, wenn er auch nur seine fragenden Vermutungen über den Blinden entdeckte. Dieser Julius schien nur zwei Wurzeläste seines Wesens zu haben, deren einer in die Flöte und der andre in seinen Lehrer ging. Auf seinem weissen Angesicht, worauf die Trunkenheit des musikalischen Genies und die Abgezogenheit des träumenden Blinden sich mit einer fast weiblichen Schönheit verband, stand der Widerschein seines Lehrers, und die Fibern desselben hatten sich wie Lautensaiten nur in harmonischen Bewegungen geregt. Der arme Blinde, der seinen Dahore für seinen Vater ansah, wurde wie eine Flaumfeder bloss von seinem kleinsten Hauch gelenkt. Viktor zog oft den Kopf des lieben Blinden nahe an sein Gesicht, um die zerstörten Augen zu mustern, ob sie wieder herzustellen wären. Aber ob er gleich mit Schmerzen sah, dass der Unglückliche unheilbar in der vollen lichten Erde bleibe: so wiederholt' er doch immer die nahe Erforschung, bloss um die reizende liebe Gestalt näher an seinem Auge und an seiner Seele zu haben.

Emanuel führte am Morgen als Cicerone der natur seinen Gast durch die Ruinen und Antiken der Erde; denn jeder Baum ist eine ewige Antike. Wie verschieden ist ein Spaziergang mit einem frommen Menschen, und einer mit einer gemeinen Weltseele! Die Erde kam ihm heilig vor, erst aus den Händen des Schöpfers entfallenihm war, als ging' er in einem über uns hängenden überblümten Planeten. Emanuel zeigte ihm Gott und die Liebe überall abgespiegelt, aber überall verändert, im Lichte, in den Farben, in der Tonleiter der lebendigen Wesen, in der Blüte und in der Menschenschönheit, in den Freuden der Tiere, in den Gedanken der Menschen und in den Kreisen der Weltendenn entweder ist alles oder nichts sein Schattenbild –; so malt die Sonne ihr Bild auf alle Wesen, gross im Weltmeere, bunt in Tautropfen, klein auf die Menschen-Netzhaut, als Nebensonne in die Wolke, rot auf den Apfel, silbern auf den Strom, siebenfarbig in den fallenden Regen und schimmernd über den ganzen Mond und über ihre Welten.

Viktor fühlte heute zum ersten Male die Vergrösserung und Verklärung seines Ichs vor einem geist, der, ihm ähnlich, aber überlegen, gleich einem sphärischen Hohlspiegel alle Züge seines edlern Teils kolossalisch zurückwarf. Der ganze pöbelhafte teil seiner natur verkroch sich, als der höhere sich, von Dahore ins Grosse gemalt, über die liegenden Triebe aufrichtete. Ein Mensch, den die Sonnennähe eines grossen Menschen nicht in Flammen und ausser sich bringt, ist nichts wert. Er wollte kaum sprechen, um nur immer ihn zu hören, ob er gleich vorhatte, recht viele Tage dazubleiben. Er war wie vor einem höhern Wesen und vor einer Geliebten, vor denen man weder seinen Kopf noch seine Zunge zeigen will, mit Verzicht auf sein Ich in lautere Wahrheit und Liebe versunken. Von den kleinen Verhältnissen des Orts und des bürgerlichen Lebens war aller Firnis so rein abgesprungen, und sie standen ihm alle so vermooset da, dass er nicht einmal die Namen von Göttingen, von Flachsenfingen, oder leere Lebenvorfälle oder fremde Personalien nennen wollte. Viktor hatte überhaupt eine