fest, ihr Glücklichen, drücket eure gefüllten Herzen bis zum Tränen-Erpressen aneinander, vergesset Himmel und Erde und verlängert die erhabne Umarmung! – Ach sobald sie zerfallen ist, so hat dieses schlaffe Leben nichts Stärkeres mehr, womit es euch verknüpfen kann, als den Anfang des – zweiten....
Emanuel trat endlich aus der Stellung der Liebe heraus und schaute abgebogen, wie eine Sonne, gross und offen in Horions Angesicht und begegnete mit Entzückung dem veredelten geist und Angesicht seines blühenden Lieblings. Dieser sank vor dem blick der Liebe mit aufgehobenem Angesicht unwillkürlich auf die Knie und sagte: "O mein Lehrer, mein Vater – o du Engel, liebst du mich denn noch so sehr?" – Aber er weinte zu sehr, und seine Worte waren unverständlich und erstarben im Herzen.....
Ohne zu antworten, legte Emanuel die Hand auf das Haupt des knienden Schülers und wendete sein verklärtes Auge gegen den schimmernden Himmel und sagte mit feierlicher stimme: "Dieses Haupt, du Ewiger, weiht sich heute dir in dieser grossen Nacht. – Nur deine zweite Welt fülle dieses Haupt und dieses Herz aus und die kleine dunkle Erde befriedig' es nie! – O mein Horion! hier auf diesem Berge, auf dem ich über ein Jahr aus der Erde ziehe, beschwör' ich dich bei der grossen zweiten Welt über uns, bei allen grossen Gedanken, womit dir jetzt der Ewige in dir erscheint, beschwör' ich dich, dass du gut bleibst, auch wenn ich lange gestorben bin."
Emanuel kniete zu ihm nieder, hielt den Erschöpften und neigte sich an sein erblassendes Angesicht und sagte leiser und betend: "Mein Geliebter! – mein Geliebter! wenn wir beide tot sind, in der zweiten Welt scheid' uns Gott nie, nie mich und dich!" – Er weinte nicht, aber konnte doch nicht mehr sprechen; ihre zwei Herzen ruhten verknüpft aneinander, und die Nacht umhüllte schweigend ihre stumme Liebe und ihre grossen Gedanken.....
14. Hundposttag
Das philosophische Arkadien – Klotildens Brief –
Viktors confessions
Ich habe nur vorher zwei Dinge zu erklären, das unbekannte Getön und das Verschliessen der Augen. Jenes floss von einer auf die Trauerbirke gelegten Äolsharfe aus; sooft Emanuel zu nachts hieherkam, mischte er in die flüsternden Blätter diese abgehauchten Töne wie Blüten ein, um sich zu erheben, wenn er allein die erhabne Nacht ansah. Die Augen tat er oft vor der Sonne und dem mond zu, wenn sein innerer, wie ein Cherub geflügelter Mensch gerade die Erlaubnis hatte, sich in weiche Phantasien einzusenken: in die fliessenden bunten Licht-Wogen, die durch die Augenlider drangen, tauchte er sich dann wie in einen Zephyr mit süssem Verschwimmen unter, und in diesem Lichtbad sog der höhere Lichtmagnet in ihm Himmellicht aus Erdenlicht. Da es nur wenige Seelen gibt, die wissen, wie weit die Harmonie der äussern natur mit unserer reicht, und wie sehr das ganze All nur eine Äolsharfe ist, mit längern und kürzern saiten, mit langsamern und schnellern Bebungen vor einem göttlichen Hauche ruhend: so fodre ich nicht, dass jeder diesem Emanuel vergebe.
Nach dem über ein ganzes Leben hinschimmernden Wiederfinden kamen beide bei dem blinden Jüngling an, und seine Flöte hob das Herz aus dem schlagenden Fieberblut sanft in den beruhigten Äter des himmels im Traume hinüber.
Da ich so gerne um Emanuel bin: so gönne mir der Leser die Freude, alle Stunden auseinander zu blättern, die wir in seinem haus verbringen dürfen, und recht Schritt vor Schritt zu gehen.
Der Morgen deckte dem Zöglinge Emanuels wie Kindern erst auf, was die Nacht seinem Herzen für ein Christgeschenk bescheret hatte. Welche Gestalt trat im Morgenglanz vor ihn, da das stille, kindliche, beruhigte Gesicht des Lehrers, über das einmal Stürme gezogen waren, wie auf dem sanften weissen mond Vulkane gelodert haben, ihn auf eine Weise anlächelte, dass sein Inneres in stummer Wonne zerfloss! Besonders im Profil angeblickt, schien diese hohe Gestalt am Ufer der Erde zu stehen und hinunterzuschauen in die zweite Halbkugel des himmels, die uns der Stein auf dem grab und der fette Trift-Boden dieses Lebens verdeckt. Sein Angesicht verklärte sich, wenn er es zum Himmel aufhob – wenn er Gott nannte oder die Ewigkeit – wenn er vom längsten Tage sprach; in seinem Lichte erblasste das Glanzgold der Gegenwart zum Mattgold der Vergangenheit, und sein Geist ruhte schwebend auf dem Körper, wie in Arabesken Genien aus Blumen keimen. So leicht stimmte sich Viktor nie aus dem Traum in den neuen Tag als an diesem Morgen durch Emanuels stimme, die sozusagen die Sphärenmusik zum blauen Himmel seiner Augen war, aus welchem wie aus dem ägyptischen nie ein Tropfe fiel; er konnte aus Unvermögen seiner Tränendrüsen niemals weinen; auch erschütterte dieses Leben seine Seele nicht mehr.
Das reine Morgenzimmer machte gleichsam die Seele rein und still. Er war der grösste körperliche Purist, er wusch seinen Körper ebensooft als seine Kleider, und der Schmutz der medizinischen Sprache wurde bis sogar auf Wörter, wie z.B. Zahnstocher etc., von seiner unbefleckten Zunge gemieden. Ebenso blieb sein Herz sogar von den blossen Bildern grosser Sünden unbesudelt; und diese unwissende Unschuld, so wie eine Unbekanntschaft mit unsern listigen Sitten, machte ihn in drei verschiedenen Augen entweder zum kind – oder zum Mädchen – oder zum Engel. –
Das Frühstück von wasser und Früchten – die überhaupt seinen ganzen Küchenzettel besetzten –