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Zu seinen Füssen und an diesem Berge lagerte sich, wie ein bekränzter Riese, wie eine versetzte Frühlings-Insel, ein englischer Park. Dieser Berg gegen Süden und einer gegen Norden waren zu einer Wiege zusammengerückt, in der das stille Dörfchen ruhte, und über welche die Morgen- und die Abendsonne ihr goldnes Gespinst hindeckte. In fünf blitzenden Teichen schwankten fünf dunklere Abendhimmel, und jede aufhüpfende Welle malte sich im darüberschwebenden Sonnenfeuer zum Rubin. Zwei Bäche wateten in veränderlichen Entfernungen, von Rosen und Weiden verdunkelt, über den langen Wiesengrund, und ein wässerndes Feuerrad trieb wie ein gehendes Herz das vom Abend gerötete wasser durch alle grünende Blumengefässe. Überall nickten Blumen, diese Schmetterlinge unter den Gewächsen – auf jedem bemoosten Bachstein, aus jedem mürben Stocke, um jedes Fenster wiegte sich eine Blume in ihrem Duft, und spanische Wicken überzogen mit blauen und roten Adern einen Garten ohne Zaun. Ein durchsichtiges Wäldchen von goldgrünen Birken stieg in hohem Gras drüben den nördlichen Berg hinan, auf dessen Kuppel fünf hohe Tannen als Ruinen einer gestürzten Waldung horsteten.
Emanuels kleines Haus stand am Ende des Dorfes in einem Gestrick von Jelängerjelieber und in der Umarmung eines Lindenbaums, der es durchwuchs... Sein Herz quoll auf: "Sei gesegnet, stiller Hafen! den eine Seele heiligt, die hier gegen Himmel sieht und wartet, um ins Meer der Ewigkeit zu gehen!" – Plötzlich warfen die Fenster der Abtei, wo sich Klotilde erzogen hatte, die Flammen des Abendrots auf ihn – und die Sonne ging sanft wie ein Penn nach Amerika – und die dünne Nacht legte sich über die natur herüber – und die grüne Klause Emanuels hüllte sich ein .... Da kniete er einsam auf dem Gebirge, auf dieser Tronstufe, nieder und sah in den glühenden Westen und über die ganze stille Erde und in den Himmel und machte seinen Geist gross, um an Gott zu denken....
Als er kniete: war alles so erhaben und so mild – Welten und Sonnen zogen von Morgen herauf, und das schillernde Würmchen drängte sich in seinen staubichten Blumenkelch hinab – der Abendwind schlug seinen unermesslichen Flügel, und die kleine nackte Lerche ruhte warm unter der federweichen Brust der Mutter – ein Mensch stand auf dem Gebirge, und ein Gold- Käferchen auf dem Staubfaden... und der Ewige liebte seine ganze Welt. – –
Sein Geist war jetzt gemacht, einen grossen Menschen zu fassen, und er sehnte sich nach der stimme eines Bruders.
Er wankte ohne Steig ins Dorf hinab, umzogen von den grossen Kreisen des Kibitzvogels und von den kleinen des Maikäfers. Am fuss des berges war der Zwittertag dunkler – am Sternenhimmel hob sich der Vorhang auf – der Dampf des Abends, der heiss aufgezogen war, fiel kalt, wie Menschen, in die Erde zurück: noch eine laute Lerche drehte sich als das letzte Echo des Tages über dem Berge.
Endlich hört' er Emanuels Linde. – Er hätte ihn lieber unter dem grossen Himmel als unter der engen Stubendecke umarmt. Hinter dem Fenster sah er einen ausserordentlich schönen Jüngling stehen, der auf der Flöte blies. Dieser zog aus ihren Himmelpforten ein fliehendes schwebendes Elysium; Viktor hörte ihn lange an, um sein schlagendes Herz zu stillen; endlich ging er mit tränenvollen Augen um das Haus und wollte sprachlos und blind an den Jüngling und an Emanuel fallen. Als er vor dem Fenster vorbeiging, erwiderte der Jüngling den Gruss nicht – als er die Haustüre eröffnete, fing ein sanftes Glockenspiel zu tönen an. Sogleich kam der Jüngling heraus und fragte ihn freundlich, wer da sei; denn er war blind. Viktor trat in ein Allerheiligstes, da er in die mit Linden ausgelaubte stube ging, die den geflügelten Menschen umgab, der jetzt ausser derselben unter der grossen Nacht Gottes war. Gegen Mitternacht sollte Emanuel zurückkommen. Das Zimmer war offen und rein – einige Blätter von genossenen Früchten lagen auf dem Tisch- um alle Fenster glühten Blumen – ein Sternrohr lehnte an der Wand – Reste einer orientalischen Kleiderkammer verkündigten den Indier. – –
Die stimme des schönen Jünglings hatte etwas unaussprechlich Rührendes für ihn, weil sie ihm bekannt vorkam; sie zog tief in sein Herz hinein, wie die Melodie eines Liedes, das aus der Kindheit heraufklingt. Er durfte frei mit dem steten blick der Liebe auf dem in eine ewige Nacht gerichteten Angesicht ruhen; er wollte die kindlichen Lippen voll Melodien küssen und zögerte noch; – aber da er wieder aus dem haus ging, um Emanuel zu suchen, und da das Glockenspiel wieder anfing – denn es tönte, wenn die Tür auflief, um dem Blinden alles anzumelden –, so konnte' er sich nicht mehr halten unter dem lieblichen Getöne, sondern er berührte den Mund des Blinden, da er am offnen Fenster lehnte, mit einem weichen Kusse wie mit einem Hauch. "Ach Engel! bist du denn wieder vom Himmel herunter?" sagte der Blinde, der ihn mit irgendeinem bekannten Wesen verwechselte.
Wie war draussen alles so gut! Die Abendglocke des Dorfes rief über die entschlummerten Fluren, und eine entfernte Seele neigte sich vielleicht nach ihren verwehten gebrochnen Tönen herüber. Der Abendwind rauschte mit Gipfeln voll grüner Früchte darein. Der Abendstern – der Mond unserer Dämmerung – ruhte freundlich auf dem Wege der Sonne und des Mondes und schickte seinen Trost zwischen die Abwesenheit von beiden. – "Wo wirst du jetzt sein, mein Emanuel? Ruhest du vielleicht vor dem Abendrot –