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Kopf will, warum sieeinander selbst nicht recht leiden können, – wenn es nicht etwa darum ist, weil sie gegen einander zu höflich sind, um sich förmlich auszusöhnen oder förmlich zu entzweien. Ihr Lieben! ihr liebt zuweilen einen Menschen, weil er einen Freund hat und einer ist – o, wie gut würde euch erst eine Freundin kleiden.

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Man lernt Verschwiegenheit am meisten unter Menschen, die keine habenund Plauderhaftigkeit unter Verschwiegenen.

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Wenn Selbkenntnis der Weg zur Tugend ist: so ist Tugend noch mehr der Weg zur Selbkenntnis. Eine gebesserte gereinigte Seele wird von der kleinsten moralischen Giftart wie gewisse Edelsteine von jeder andern trübe, und jetzt nach der Besserung merkt sie erst, wie viele Unreinigkeiten sich noch in allen Winkeln aufhalten.

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Ich will mit einigen Regeln der Besserung schliessen: Stelle keinem, sobald deine Brust den Seitenstich des Zorns befürchten muss, beredt seine Fehler vor; denn indem du ihn von seiner Sträflichkeit überreden willst, so überredest du dich selber davon und wirst also erbost. – Male dir an jedem Morgen die ungefähren Lagen und Leidenschaften vor, worin du am Tage kommen kannst: du beträgst dich dann besser, denn man ist selten in einer wiederholten Lage zum zweitenmal schlecht. – Zürnet dein Freund mit dir: so verschaff ihm eine gelegenheit, dir einen grossen Gefallen zu erweisen; darüber muss sein Herz zerfliessen, und er wird dich wieder lieben. – Keine Entschlüsse sind gross als die, welche man mehr als einmal auszuführen hat. Daher ist Unterlassen schwerer als Unternehmen; denn jenes muss länger fortgesetzet werden, und dieses ist noch mit dem Gefühle einer doppelten Kraftäusserung verknüpft, einer psychologischen und einer moralischen. – Verzage nur nicht, wenn du einmal fehlest; und deine ganze Reue sei eine schönere Tat. – Mache dich (durch Stoizismus oder womit du kannst) nur ruhig, dann hast du wenig Mühe, dich auch tugendhaft zu machen. – Fange deine Herzausbildung nicht mit dem Anbau der edlen Triebe, sondern mit dem Ausschneiden der schlechten an. Ist einmal das Unkraut verwelkt oder ausgezogen: dann richtet sich der edlere Blumenflor von selber kräftig in die Höhe. – Das tugendhafte Herz wird, wie der Körper, mehr durch Arbeit als durch gute Nahrung gesund und stark. Daher kann ich aufhören.

13. Hundposttag

Über des Lords Charakterein Abend aus Eden

Maientalder Berg und Emanuel

Über den Lord muss ich drei Worte sagen, nämlich drei Meinungen.

Die erste ist ganz unwahrscheinlich: er hält nach ihr wie alle Welt- und Geschäftmänner das Menschengeschlecht für einen Apparat zu Versuchen, für Jagdzeug, für Kriegsgeräte, für Strickzeugdiese Menschen sehen den Himmel nur für die Klaviatur der Erde und die Seele für die Ordonnanz des Körpers ansie führen Kriege, nicht um die Kränze der Eichen, sondern um ihren Boden und ihre Eicheln zu erbeutensie ziehen den Glücklichen dem Verdienstvollen vor und den Erfolg der Absichtsie brechen Eide und Herzen, um dem staat zu dienensie achten Dichtkunst, Philosophie und Religion, aber als Mittel; sie achten Reichtum, statistischen Landesflor und Gesundheit, aber als Zweckesie ehren in der reinen Matesis und in reiner Weibertugend nur beider Verwandlung in unreine für Fabriken und Armeen, in der erhabnen Astronomie nur die Verwandlung der Sonnen in Schrittzähler und Wegweiser für Pfefferflotten, und im erhabensten magister legens nur den anködernden Bierkranz für arme Universitäten. – –

Die zweite Meinung ist wenigstens der ersten entgegen und besser: dem Lord ist, wie andern grossen Menschen, die Laufbahn das Ziel, und die Schritte sind ihm die KränzeGlück unterscheidet sich bei ihm von Unglück nicht im Werte, sondern in der Art, ihm sind beide zwei zusammenlaufende Rennbahnen zum Ewigkeit-Ringe der inneren Erhebungalle Zufälle dieses Lebens sind ihm blosse Rechenexempel in unbenannten Zahlen, die er durchmacht, aber nicht als Kaufmann, sondern als Indifferentialist und Algebraist, welchem die Produkte und die Multiplikanden gleich lieb sind, und dem es einerlei ist, mit Buchstaben oder mit Zentnern zu rechnen.

Wahrhaftig, der Mensch hat sich fast ebensoviel vorzuwerfen, wenn er missvergnügt, als wenn er lasterhaft ist; und da es auf seinen Gedanken-Ozean ankömmt, ob er aus ihm die unterste Hölle oder ein Arkadien-Otaheiti als Insel heben will: so verdient er alles, was er erschafft....

Gleichwohl ist die dritte Meinung die wahre und zugleich die meinige: der Lord, so sehr er ein indeklinabler Mensch zu sein scheint, der nach nichts geht, sondern ein Verbum in μι ist, hat doch folgendes Paradigma – (und so liegt umgekehrt im gewöhnlichsten Menschen der kurze Abriss zum sonderbarsten) –: er ist einer der unglücklichen Grossen, die zu viel Genie, zu viel Reichtum und zu wenig Ruhe und Kenntnisse haben, um glücklich zu bleibensie hetzen Freude statt der Tugend und verfehlen beide und schreien zuletzt über jeden bittern Tropfen, der ihnen in einem Zuckerhut eingegeben wirdgleich der Silberfläche sind sie gerade in der Zerschmelzung durch FreudenFeuer am geneigtesten, sich mit einer dunkeln Haut zu überziehenihr Ehrgeiz, der sonst durch Plane die Leerheit des vornehmen Lebens bedeckt, ist nicht stark genug gegen ihr Herz, das in dieser Leerheit verwelktsie tun Gutes aus Stolz, aber ohne Liebe dazu, sie spielen mit dem ausgekernten Leben wie mit einer Locke und halten es nicht einmal der Mühe wert, es abzukürzenaber doch halten sie