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sehr beleidigt hätten, sterben wollten. Er stand mit dem Schwur anendlich sagt' er: "Aber kurz vor meinem tod darf ichs ihm sagen?" – "Kannst du ihn wissen?" sagte sein Vater. – "Aber im Fall?" – "Dann!" sagte jener kalt. –

Viktor schwur; und zitterte vor dem künftigen Inhalt des Eides.

Auch musst' er versprechen, vor der Wiederkehr des Lords diese dunkle Insel nicht zu besuchen.

Sie traten aus dem Laub-Mausoleum und liessen sich auf eine umgestürzte Stalaktite nieder. Zuweilen fiel unter dem Reden ein fremder Harmonika-Ton von Blatt zu Blatt, und in einer weiten Ferne schienen die vier ParadiesesFlüsse unter einem mitbebenden Zephyr hinwegzuhallen.

Der Vater begann: "Flamin ist Klotildens Bruder und des Fürsten Sohn." – –

Nur ein solcher Gedanken-Blitz konnte noch in Viktors geblendete Seele dringen: eine neue Welt ging in ihm jetzt in die Höhe und riss ihn aus der nahen grossen weg. –

"Auch" (fuhr Horion fort) "leben Januars drei andere Kinder in England noch, bloss das vierte auf den sieben Inseln ist unsichtbar." Viktor begriff nichts; der Lord riss der Vergangenheit alle Schleier ab und führte ihn vor eine neue Aussicht ins nahe Leben und ins verflossene. Ich werde nachher alle Entdeckungen und Geheimnisse des Lords dem Leser geben: jetzt will ich erst den Abschied des Vaters und des Sohns erzählen.

Während der Lord seinen Sohn in die düstern unterirdischen Gänge der vorigen Zeit begleitete und ihm alles sagte, was er der Welt verschwieg: so gingen aus Viktors Augen Tränen über manche Geringfügigkeit, die keine verdienen konnte; aber der Strom dieser weichen Augen wurde nicht durch diese Erzählung, sondern durch das zurückkehrende Andenken an den unglücklichen Vater und durch die Nähe der bedeckten schönen Aschengestalt und des Trauermarmors aus dem fortweinenden Herzen gedrückt. – Endlich hörten alle Töne der Insel aufdas schwarze Tor schien zuzufallenalles war stillder Lord war mit der Entüllung und allem zu Ende und sagte: "Geh immer heute noch nach Maientalund sei vorsichtig und glücklich!" – Aber ob er gleich den Abschied mit jener zurückhaltenden Feinheit nahm, die in seinem stand sogar Eltern und Kindern die hände und die arme führt: so drückte doch Viktor den kindlichen, von Seufzern und Gefühlen schwangern Busen an den väterlichen mit einer Heftigkeit, als wollt' er sein verarmendes Herz zu den Tränen entzweipressen, die er immer heisser und grösser zeigen musste. Ach der Verlassene! Als die brücke, welche die väterlichen und die kindlichen Tage auseinanderspaltete, aufgestiegen war, ging Viktor allein darüber, wankend und taubund als sie ins wasser wieder ein gesunken und der Vater in die Insel verschwunden war, drückte ihn das Mitleiden auf das Ufer darniederund als er alle Tränen aus dem leidenden Herzen wie Pfeile gezogen hatte, verliess er langsam und träumend die stille Gegend der Rätsel und Schmerzen und den dunkeln Trauergarten der toten Mutter und des düstern Vaters, und seine ganze erschütterte Seele rief unaufhörlich: ach guter Vater, hoffe wenigstens und kehre wieder und verlass mich nicht!

Wir wollen jetzt alles, was in der bisherigen geschichte Dunkelheiten machte, und was der Lord seinem Sohne aufhellte, uns auch aufklären. Man erinnert sich noch, dass zur Zeit, da er nach Frankreich abging, um die Kinder des Fürstenden sogenannten Walliser, Brasilier und Asturier und den Monsieurabzuholen, die finstere Nachricht ihrer Entführung einlief. Diese Entführung hatte' er aber (das gestand er nun) selber veranstaltet, bloss das Verschwinden des Monsieur auf den sieben Inseln war ohne sein Wissen vorgefallen; und in seine Unwahrheit konnte' er also einige Wahrheit als Mundleim mischen. Diese drei Kinder liess er verborgen nach England bringen und sie in Eton zu Gelehrten und in London zu Semperfreien erziehen, um sie einmal ihrem Vater als blutverwandte Beistände seiner wankenden Regierung wiederzuschenken. Daher hatte' er dem sogenannten Infanten (Flamin) Regierrat werden helfen. Sobald er einmal die ganze Kinderkolonie beisammen hat, so Überrascht und beglückt er den Vater mit ihrer frohen Erscheinung. Den jetzt unsichtbaren Sohn des Kaplans, der Blattern und Blindheit vor dem Einschiffen bekam, verheimlicht er darum, weil sonst leicht zu erraten wäre, wem Flamin eigentlich angehöre.

Viktor fragte ihn, wie er den Fürsten von der Verwandtschaft mit vier oder fünf Unbekannten überführe. "Durch mein Wort", versetzte Horion anfangs; dann fügte er die übrigen Beweismittel hinzu: bei Flamin das Zeugnis der mitkommenden Mutter (der Nichte), bei den übrigen ihre Ähnlichkeit mit ihren Abbildern, die er noch hat, und endlich das Muttermal eines Stettinerapfels.

Viktor hatte' es schon lange von der Pfarrerin gehört, alle Söhne Jenners hätten ein gewisses Mutteroder Vatermal auf dem linken Schulterblatt, das wie nichts aussähe, ausgenommen im Herbst, wenn die Stettiner reifen: da werde' es auch rot und gleiche dem Urbild. – Dem Leser selber müssen aus den Jahrbüchern der kuriosen und gelehrten Gesellschaften ganze Fruchtkörbe voll Kirschen vorgekommen sein, deren Rötelzeichnung nur matt auf Kindern war, und die sich erst mit den reifenden Urbildern auf den Zweigen höher röteten. Wäre einem Bad-Gesellschafter von mir zu glauben, so hätt' ich selber ein solches Stettiner Fruchtstück auf der Schulter hängen: die Sache ist nicht wahrscheinlich und nicht erheblich; inzwischen dürft' ich doch im künftigen Herbstedenn ich setzte mir es einige Herbste