schwieg. Auf seinem Gesicht war eine höhere Sonnenseele aufgegangen – man kannte ihn nicht mehr – er schien in den Genius dieses zauberischen Eilandes verwandelt zu sein.
Welche Szene! Sobald das Tor geöffnet war, lief durch alle Zweige ein harmonisches Hinüber- und Herübertönen – Lüfte flogen durch das Tor herein und sogen die Laute in sich und schwammen bebend damit weiter und ruhten nur auf gebognen Blüten aus. – Jeder Schritt machte einen grossen düstern Schauplatz weiter. – Im Schauplatz lagen umher Marmorstücke, auf welche die Schmiedekohle Raffaels Gestalten gerissen hatte, eingesunkne Sphinxe, Landkartensteine, worauf die dunkle natur kleine Ruinen und ertretene Städte geätzet hatte – und tiefe Öffnungen in der Erde, die nicht sowohl Gräber als Formen zu Glocken waren, die darin gegossen werden – dreissig giftvolle Eibenbäume standen von Rosen umflochten, gleichsam als wären sie Zeichen der dreissig wütend-leidenschaftlichen Jahre des Menschen – dreiundzwanzig Trauerbirken waren zu einem niedrigen Gebüsch zusammengebogen und ineinander gedrückt – in das Gebüsch liefen alle Steige der Insel – hinter dem Gebüsch verfinsterten neunfache Flöre in verschlungenen Wallungen den blick nach dem hohen Tempel – durch die Flöre stiegen fünf Gewitterableiter in den Himmel auf, und ein Regenbogen aus zweien ineinander gekrümmten aufspringenden Wasserstrahlen schwebte flimmernd am Gezweige, und immer wölbten sich die zwei Strahlen herauf, und immer zersplitterten sie einander oben in der Berührung – –
Als Horion seinen Sohn, dessen Herz von lauter unsichtbaren Händen gefasset, erschreckt, gedrückt, entzündet, erkältet wurde in das niedrige Birkengebüsch hineinzog: so begann die lallende Totenzunge eines Orgel-Tremulanten durch die öde Stille den Seufzer des Menschen anzureden, und der wankende Ton wand sich zu tief in ein weiches Herz. – Da standen beide an einem vom Gebüsche dunkel überbaueten grab – auf dem grab lag ein schwarzer Marmor, auf dem ein überschleiertes blutloses weisses Herz und die bleichen Worte standen: Es ruht. "Hier wurde", sagte der Lord, "mein zweites Auge blind: Marys31 Sarg steht in diesem grab; als dieser aus England ankam in der Insel, entzündete sich das kranke Auge zu sehr und sah niemals wieder." – Nie schauderte Viktor so: nie sah er auf einem Gesicht eine solche chaotische wechselnde Welt von fliehenden, kommenden, kämpfenden, vergehenden Empfindungen; nie starrte ein solches Eis der Stirne und Augen über krampfhaften Lippen – und ein Vater sah so aus, und ein Sohn empfand es nach.
"Ich bin unglücklich", sagte langsam sein Vater; eine beissende bittere Träne brannte am Augapfel; er stockte ein wenig und stellte die fünf offnen Finger auf sein Herz, als wollt' er es ergreifen und herausziehen, und blickte auf das steinerne blasse, als wollt' er sagen: warum ruht meines nicht auch? – Der gute sterbende Viktor, zermalmet von liebendem Jammer, zerrinnend in Mitleid, wollte an den teuern verheerten Busen fallen und wollte mehr als den Seufzer sagen: "O Gott, mein guter Vater!" Aber der Lord hielt ihn sanft von sich ab, und die Gallenzähre wurde unvergossen vom Auge zerquetscht. Der Lord fing wieder an, aber kälter: "Glaube nicht, dass ich besonders gerührt bin – glaube nicht, dass ich eine Freude begehre, oder einen Schmerz verwünsche ich lebe nun ohne Hoffnung und sterbe nun ohne Hoffnung." –
Seine stimme kam schneidend über Eisfelder her, sein blick war scharf durch Frost.
Er fuhr fort: "Wenn ich sieben Menschen vielleicht glücklich gemacht habe, so muss auf meinem schwarzen Marmor geschrieben werden: Es ruht... Warum wunderst du dich so? Bist du jetzt schon ruhig?" – Der Vater sah starr auf das weisse Herz, und starrer geradeaus, als wenn eine Gestalt sich aufhöbe aus dem grab das frierende Auge legte und drehte sich auf eine aufdringende Träne – schnell zog er einen Flor von einem Spiegel zurück und sagte: "Blicke hinein, aber umarme mich darauf!"... Viktor starrte in den Spiegel und sah schaudernd ein ewig geliebtes Angesicht darin erscheinen – das Angesicht seines Lehrers Dahore – er bebte wohl zusammen, aber er sah sich doch nicht um und umfasste den Vater, der ohne Hoffnung war.
"Du zitterst viel zu stark," (sagte der Lord) "aber frage mich nicht, mein Teurer, warum alles so ist: in gewissen Jahren tut man die alte Brust nicht mehr auf; so voll sie auch sei."
Ach du dauerst mich! Denn die Wunden, die aufgedeckt werden können, sind nicht tief; der Schmerz, den ein menschenfreundliches Auge finden, eine weiche Hand lindern kann, ist nur klein. – Aber der Gram, den der Freund nicht sehen darf, weil er ihn nicht nehmen kann, dieser Gram, der zuweilen ins beglückte Auge in Gestalt eines plötzlichen Tropfens aufsteigt, den das weggewandte Angesicht vertilgt, hängt überdeckt schwerer und schwerer am Herzen und zieht es endlich los und fällt mit ihm unter die heilende Erde hinab: so werden die Eisenkugeln an den über dem Meer gestorbnen Menschen angeknüpft, und sie sinken mit ihm schneller in sein grosses Grab. – –
Er fuhr fort: "Ich werde dir etwas sagen; aber schwöre hier auf dieser teuern Asche, zu schweigen. Es betrifft deinen Flamin, und diesem musst du es verhehlen." Das fiel dem von einer Welle auf die andre gestürzten Viktor auf. Er erinnerte sich, dass ihm Flamin das Versprechen auf der Warte abgedrungen, dass sie miteinander, wenn sie sich zu