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Krebsniederfiele vor der schönsten Frau und ihr die längste Nacht hindurch die heissesten Lieberklärungen täte, die aber in einer Drittels-Terzie Eis ansetzten und ihr gefroren, d.h. gar nicht zu Ohren kämen: was würde' ich im Sommer machen, wo ich schon kalt wäre und sie schon hätte, wenn gerade in der Stunde, wo ich mich tüchtig mit ihr zu zanken verhoffte, nun mitten unter dem Keifen meine Steinbocks-Lieberklärungen aufzutauen und zu reden anfingen? Ich würde gelassen nichts machen als die Regel: man sei zärtlich am Pol, aber erst im Widder oder Krebs. – Und wenn vollends die Übergabe einer Prinzessin am Pol vorginge, und zwar an dem Punkt, wo die Erde sich nicht bewegt, der sich am besten für die zwiefache Untätigkeit einer Prinzessin und einer Dame schickt, und wenn gar die Übergabe in einem saal wäre, wo jeder, besonders Zeusel, in den langen Winterabenden sie gelästert hätte; wenn dann die Luft im Saal zu lästern anfinge, und Zeusel in der Not fort wollte: so würde' ich ihn freundlich packen und fragen: 'Wohin, mein Freund?'" – –

"Nach Grosskussewitz, ich helfe fangen", antwortete ihm derreelle Büttel aus St. Lüne, der hinter einem Gemäuer mit der einen Hand ein Buch auf- und mit der andern eine tasche zugeknöpft hatte. Viktor fühlte ein frohes Beklemmen über eine Antike aus St. Lüne. Er fragte ihn um alles mit einem Eifer, als wär' er seit einer Ewigkeit a parte ante weg. Der zuknöpfende Leser wurde ein Autor und fasste vor dem Herrn die Jahrbücher, d.h. Stundenbücher dessen ab, was seitdem im dorf vorgefallen war. In zwanzig fragen wickelte Viktor die nach Klotilden ein; und erfuhr, dass sie bisher alle Tage beim Pfarrer gewesen war. Das verdross ihn: "Als ob ich", dachte' er, "nicht soviel Seelenstärke hätte, der Liebe eines Freundes zuzusehenund auch sonst als ob." Überhaupt meinte er, in einer solchen Ferne sei es ihm mehr erlaubt, an sie zu denken.

Der lesende Häscher war ein Leser unter meinem Regiment: das Buch, das er auf seinen Diebs-Heckjagden herumtrug, war die unsichtbare Loge30. Viktor liess sich den ersten teil vorstrecken: der Büttel stand im zweiten gerade an der Pyramide beim ersten Kuss. – Unser Held tat immer schnellere Schritte im Lesen und im Gehen und hatte Buch und Weg miteinander zu Ende – –

Die Insel stand vor ihm! –

– – Hier auf diesem Eiland, mein Leser, mache Augen und Ohren auf! .... Nicht, als ob merkwürdige Dinge erschienendenn diese würden sich schon durch halboffne Ohren und Augensterne drängen –, sondern eben weil lauter alltägliche kommen.

Der Lord stand einsam am Ufer der See, die um die Insel floss und erwartete und empfing ihn mit einem Ernst, der seine Freundlichkeit überhüllte, und mit einer Rührung, die noch mit seiner gewöhnlichen Kälte rang. Er wollte jetzt zur Insel hinüber, und Viktor sah doch kein Mittel des Übergangs. Es war kein Boot da. Auch wäre keines fortzubringen gewesen, weil eiserne Spitzen unter dem wasser in solcher Menge und Richtung standen, dass keines gehen konnte. Die Schildwache, die bisher am Ufer die Insel gegen die zerstörende Neugier des Pöbels deckte, war heute entfernt. Der Vater ging mit dem Sohne langsam um das Ufer und rückte nach und nach 27 Steine, die in gleichen Entfernungen auseinanderlagen, aus ihrem Lager heraus. Die Insel war vor der Blindheit des Lords gebauet worden und den Zuschauern noch unverwehrt; aber in derselben hatte' er ihr Inneres durch unbekannte nächtliche Arbeiter vollenden und verstecken lassen. Unter dem Rundgang um die Insel sah Viktor ihr Stab- und Fruchtgeländer von hohen Baumstämmen, die ihre Schatten und ihre Stimmen in die Insel hineinzurichten schienen und deren Laubwerk die bebenden Wellen mit ihren zerteilten Sonnen und Sternen besprengtendie Tannen umarmten Bohnenbäume, und um Tannenzapfen gaukelten Purpur-Blütenlocken, die Silberpappel bückte sich unter der tronenden Eiche, feurige Büsche von arabischen Bohnen loderten tiefer aus Laub-Vorhängen, ablaktierte Bäume auf doppelten Stämmen vergitterten dem Auge die Eingänge, und neben einer Fichte, die alle Gipfel beherrschte, war eine höhere vom Sturm halb über das wasser hereingedrückt, die sich über ihrem grab wiegteweisse Säulen hoben in der Mitte der Insel einen griechischen Tempel unbeweglich über alle wankende Gipfel hinaus. – Zuweilen schien ein verirrter Ton durch das grüne Allerheiligste zu laufenein hohes schwarzes, an die Tannenspitzen reichendes Tor sah, mit einer weissen Sonnenscheibe bemalt, nach Osten und schien zum Menschen zu sagen: gehe durch mich, hier hat nicht nur der Schöpfer, auch dein Bruder gearbeitet! –

Diesem Tore gegenüber lag der 27ste Stein. Viktors Vater verrückte ihn, nahm einen Magnet heraus, bog sich nieder und hielt dessen südlichen Pol in die Lücke. Plötzlich fingen Maschinen an zu knarren und die Wellen an zu wirbelnund aus dem wasser stieg eine brücke von Eisen auf. Viktors Seele war von Träumen und Erwartungen überfüllt. Er setzte schauernd hinter seinem Vater den Fuss in die magische Insel. Hier berührte sein Vater einen dünnen Stein mit dem nördlichen Ende des Magnets, und die Eisenbrücke fiel wieder hinunter. Ehe sie an das erhöhte Tor hintraten: drehte sich von innen ein Schlüssel um und sperrte auf, und die tür klaffte. Der Lord