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die fünften Akte der Trauerspieleder Tod tutsund der Lustspieledie Liebe tutsbeschliessen: so mag sich auch dieses Benefizding, das wie unser Leben zwischen Lust- und Trauerspiel schwankt, matt mit Entkleidung enden.

Ende der Benefizakte

Ich war gestern zu aufgebracht. Der Apoteker ist zwar der Hund und die Katze in meinem Gemälde, die einander unter dem Tische des Abendmahls beissen; aber im ganzen ist die Posse schon erhaben. Man bedenke nur, dass alles in einer monarchischen Regierungform abgetan wirddass diese nach Beattie dem Komischen mehr als die republikanische aufhilftdass nach Addison und Sulzer gerade die spasshaftesten Menschen (z.B. Cicero) am ernstaftesten sind, und dass folglich das nämliche auch von dem Zeug, das sie machen, gelten müsse: so sieht man schon aus dem Komischen, das meine Akte haben, dass sie ernstaft sind. – –

Mein Held hielt im Laden eine heftige Pater Merzische Kontroverspredigt gegen etwas, wofür die Reichsstädter und Reichsdörfer predigendagegen: "dass die Menschen ohne alles weisse und graue Gehirn und ohne Geschmack und Geschmackwärzchen in dem Grade handeln können, dass sie sich nicht schämen, die paar Jahre, wo sie der Schmerz noch nicht auf seinem Pürschzettel und der Tod noch nicht auf seinem Nachtzettel hat, sündlich und hundmässig zu verzetteln, nicht etwa mit Garnichtstun, oder mit den halben Takt-Pausen der Kanzleiferien, oder den ganzen Takt-Pausen der Komitialferien, oder mit den Narrheiten der Freude was wäre rühmlicher? –, sondern mit den Narrheiten der Qual, mit zwölf herkulischen Nichts-arbeiten, in den Raspelhäusern der Vorzimmer, auf dem tratto di corda des gespannten Zeremoniells .... Mein lieber Hofmarschall, meine schönste Oberhofmeisterin, ich billige alles; aber das Leben ist so kurz, dass es nicht die Mühe lohnt, sich einen langen Zopf darin zu machen. – Könnten wir nicht das Haar aufbinden und über alle Vorsäle, d.h. Vorhöllen, über alle Vorfechter und Vortänzer hinwegsetzen gleich mitten in die Maiblumen unsrer Tage hinein und in ihre Blumenkelche... Ich will mich nicht abstrakt und scholastisch ausdrücken: sonst müsst' ich sagen: wie Hunde werden Zeremonien durchs Alter toll; wie Tanzhandschuhe taugt jede nur einmal und muss dann weggeworfen werden; aber der Mensch ist so ein verdammt zeremonielles Tier, dass man schwören sollte, er kenne keinen grösseren und längern Tag als den Regensburger Reichstag."

Solange er ass, war Tostato nicht da, sondern im Laden. Nun hatte' er schon am vorigen Abend einen Entwurf zum Kusse der schönen Dunsin nicht aus dem kopf bringen können: "Eine viehdumme Huldin küss' ich einmal," sagt' er, "dann hab' ich Ruh' auf Lebenlang." Aber zum Unglück musste um die Dunsin die sogenannte Kleinste (die Schwester), deren Verstand und deren Nase zu gross waren, als Senkfeder der Angel schwimmen, und die Feder würde sich, hätt' er nur eine Lippe an den Köder gesetzt, sogleich gereget haben. Er war aber doch pfiffig: er nahm die Kleinste auf die Schenkel und schaukelte sie wie Zeusels Kutscher und sagte dieser Klugen süsse Namen über den Kopf hinüber, die er alle mit den Augen der Dummen zueignete (am hof wird er mit umgekehrtem Scheine zueignen). Er drückte der Kleinsten zweimal zum Spasse die Spionenaugen zu, bloss um es im Ernst zum dritten Male zu tun, wo er die Dunsin an sich zog und sie mit der rechten Hand in eine Stellung brachte, dass er ihrzumal da sie es litt, weil Mädchen der List ungern abschlagen, oft aus blosser Freude, sie zu erratenunter den Hofdiensten gegen die Blinde den schleunigen Kuss hinreichen konnte, für den er schon so viele avant propos und Marschrouten verfertigt hatte. jetzt war er satt und heil; hätt' er noch zwei Abende dem Kuss nachstellen müssen, er hätte sich sehr verliebt.

Er sass wieder in seinem Mastkorb, als die Fürstin ass. Es geschah bei offnen Türen. Sie schürte sein Lauffeuer der Liebe mit dem goldnen Löffel an, sooft sie ihn an ihre kleinen Lippen drücktesie störte das Feuer wieder auseinander mit den zwei Zahnstochern (süssen und sauern), sooft sie zu ihnen griff. Tostato et Compagnie setzten heute die teuersten Waren ab: kein Mensch kannte die et Compagnie; bloss Zeusel sah dem Viktor schärfer ins Gesicht und dachte: "Ich sollte dich gesehen haben." Gegen 2 2/3 Uhr nachmittags ereignete sich das Glück, dass die Prinzessin selber an die Bude trat, um italienische Blumen für ein kleines Mädchen, das ihr wohlgefallen, auszusuchen. Bekanntlich nimmt man sich in jeder Maske Maskenfreiheit und auf jeder Reise Messfreiheit: Viktor, der in Verkleidungen und auf Reisen fast allzu kühn war, versuchte es, in der Muttersprache der Prinzessin und zwar mit Witz zu sprechen. "Der Teufel", dachte' er, "kann mich doch deswegen nicht holen." Er merkte daher mit dem zartesten Wohlwollen gegen dieses schöne Kind in Molochs Armen nur so viel über die seidnen Blumen an: "Die Blumen der Freude werden auch leider meistens aus Samt, Eisendraht und mit dem Formeisen gemacht." Es war nur ein Wunder, dass er höflich genug war, um den Umstand wegzulassen, dass gerade der italienische Adel die italienische Flora verfertige. Sie sah aber auf seine Ware und so schwieg; und kaufte statt der Blumen eine