wohl grösseres und härteres! Aber ist das Auge, aus dem im Dachsbau eines Schotten nichts Tränen presset als der Stubenrauch, eines grösseren Mitleids wert als jenes zarte, das gleich dem eines Albinos schon von Freudenstrahlen schmerzt und das der gequälte Geist mit geistigen Zähren erfüllt? Ach unten in den Tälern wird nur die Haut, aber oben auf den Höhen der Stände das Herz durchstochen; und die Zeigerstange der Dorfuhr rückt bloss um Stunden des Hungers und des Schweisses, aber der mit Brillanten besetzte Sekundenzeiger fliegt um öde, durchweinte, verzagende, blutige Minuten."
Aber zum Glück wird uns die Leidengeschichte jener weiblichen Opfer nie vorgelesen, deren Herzen zum Schlagschatz und, wie andre Juwelen, zu den Troninsignien geworfen werden, die als beseelte Blumen, gesteckt an ein mit Hermelin umgebnes Totenherz, ungenossen zerfallen auf dem Paradebett, von niemand betrauert als von einer entfernten weichen Seele, die im Staatskalender nicht steht...
Dieser Akt besteht fast aus lauter Gängen: überhaupt gleicht diese Komödie dem Leben eines Kindes – im ersten Akt war Hausrat-Besorgung für das künftige Dasein – im zweiten Ankommen – im dritten Reden – im vierten Gehenlernen u.s.w.
Als Deutschland an Welschland und dieses an jenes Reden genug gehalten hatte: so nahm Deutschland oder vielmehr Flachsenfingen oder eigentlich ein Stück davon, der Minister Schleunes, die Fürstin bei der Hand und führte sie aus dem heissen Erdgürtel in den kalten – ich meine nicht aus dem Brautbette ins Ehebette, sondern – aus dem italienischen Territorium der stube ins flachsenfingische über den seidnen Rubikon hinweg. Der flachsenfingische Hofstaat steht als rechter Flügel drüben und ist gar noch nicht zum Gefechte gekommen. Sobald sie die seidne Linie passiert war: so war es gut, wenn das erste, was sie in ihrem neuen land tat, etwas Merkwürdiges war; und in der Tat tat sie vor den Augen ihres neuen Hofs 4 1/2 Schritte und – setzte sich in den flachsenfingischen Sessel, den ich schon im ersten Akt vakant dazu hingestellt. jetzt rückte endlich der rechte Flügel ins Feuer, zum Hand- und Rockkuss. Jeder im rechten Flügel – der linke gar nicht – fühlte die Wurde dessen, was er anhob, und dieses Gefühl, das sich mit persönlichem Stolz verschmolz, kam – danach Platner der Stolz mit dem Erhabnen verwandt ist – meiner Benefizfarce recht zupasse, in der ich nicht erhaben genug ausfallen kann. Gross und still, in seidne Fischreusen eingeschifft, in einen Roben-Golf versenkt, segeln die Hofdamen mit ihren Lippen an die stille Hand, die mit Ehe-Handschellen an eine fremde geschlossen wird. Weniger erhaben, aber erhaben wird auch das adamitische Personale herangetrieben, worunter ich leider den Apoteker Zeusel mit sehe.
Wir kennen unter ihnen niemand als den Minister, seinen Sohn Matz, der unsern Helden gar nicht bemerkt, den Leibarzt der Prinzessin Kuhlpepper, der, vom Fette und Doktorhut in eine schwere Lots-Salzsäule verwandelt, sich wie eine Schildkröte vor die Regentin und Patientin schiebt. –
Kein Mensch weiss, wie mich Zeusel ängstigt. Gegen alle Rangordnung stell' ich lieber früher als ihn die feisten, in schelmische Dummheit verquollenen Livreebedienten vor, deren Röcke weniger aus Fäden als aus Borten bestehen, und die sich als gelbe Bänder-Präparate vor müden, an schönere Gestalten gewöhnten Augen bücken. Viktor fand durch seine britische Brille die italienischen glasierten Hofgesichter wenigstens malerisch-schön, hingegen die deutschen Parade-Larven so abgegriffen und doch so gesteift, so matt und doch so gespannt, die Blicke so verraucht und doch so geschwefelt!..... Ich halte Zeuseln noch durch einige Osterlämmer oder agnus dei von Pagengesichtern auf, so weich und so weiss wie Maden; eine Amme möchte sie mit ihrer Milchpumpe von Mund an den Busen legen.
Länger war Zeusel nicht mehr zu halten, er ist hereingebrochen und hat die Fürstin beim Flügel – der ganze Spass dieser Komödie, ich meine der Ernst, ist uns nunmehr verdorben. Dieser graue Narr hat sich in seinen alten Tagen – seine Nächte sind noch älter – in einen ganzen historischen Kupferstich geknöpft, das will sagen, in eine zoologische Modeweste, worin er samt seinen vier bunten Ringen ordentlich aussieht wie ein grüner Pürschwagen, an dem die Tierstücke der ganzen Jagd angemalet und vier Ringe zum Anketten der Sauen in natura sind. Ich muss es jetzt sehen und leiden – da er alles in der Vergangenheit tut –, dass er nun, besoffen von Eitelkeit und kaum vermögend, Uhrketten von Galaröcken zu unterscheiden, hinläuft und sich etwas Seidenzeug herausfängt zum Kusse. Es war leicht vorauszusehen, dass mir der Mensch mein ganzes Altarblatt verhunzen würde mit seiner historischen Figur; und ich hätte den Hasen gar unterdrückt und mit dem Rahmen des Gemäldes überdeckt, wenn er nicht mit seinen Löffeln und Läufen zu weit herausstände und – klaffte; auch ist er vom Korrespondenten ausdrücklich unter den Benefiz-Konföderierten mit aufgeführt und angezeichnet. – – Es lohnt kaum der Mühe zu schreiben:
Fünfter Akt; da nun alles versalzen ist und die Lesewelt lacht.
Im fünften Akt, den ich ohne alle Lust mache, wurde' auch weiter nichts getan – anstatt dass Tragödiensteller und Christen die Bekehrung und alles Wichtige in den letzten Akt verlegen, wie nach Bako ein Hofmann seine Bittschriften in die Nachschrift verschob –, als dass die Prinzessin ihre neuen Hofdamen das erste Rechen- oder Abziehexempel ihres Erzamtes machen liess: das nämlich, sie auszukleiden.... Und da mit dem Auskleiden sich