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vertieft und daraus mit gefalteten Händen betend. Einer vereinigten Schön- und Tollheit widerstand er nie; er grüsste sie und wollte sie ihr lateinisches Gebetbuch nicht aufrollen und einstecken lassen. Die gute Seele hatte, da sie ihr Gebetbuch und Paternoster verloren, aus dem Pfingstprogramm 'de Chalifis literarum studiosis' ihre Andacht mit Leichtigkeit verrichtet, da sie weder Lateinisch noch Lesen konnte und das Händefalten für die Maurerische Fingersprache ansah, die man höhern Orts schon verstehen würde. Sie wickelte einen sechsten abgeschnittenen Finger aus einem Papier heraus und sagte, den hätte das Marienkloster zu Flachsenfingen, an dessen Mutter Gottes ihr Vater ihn zur Dankbarkeit habe henken wollen, nicht angenommen, weil er nicht von Silber sei. – Da Buffon den Fingern des Menschen die Deutlichkeit seiner Begriffe zuschreibtso dass sich die Gedanken zugleich mit der Hand zergliedern –: so muss einer, der eine Sexte von Finger hat, um 1/5 oder 1/11 deutlicher denken; und bloss so einer könnte mit einem solchen Supranumerar-Schreibfinger mehr in den Wissenschaften tun als wir mit der ganzen Hand. –

Sie erzählte, dass ihr Vater sie erst in zwei Jahren heiraten werde, und dass sein Sohn ihre Schwester bekommen könnte, wenn diese nicht erst sechs Jahre alt wäreund dass sie beide wie an Kindes Statt beim Sechsfinger angenommen wordenund dass er seine Bijouteriebude, womit er aus einem gräflichen schloss ins andre wanderte, gerade in dem des Grafen von O habe, nebst Tisch und wohnungund dass er ein Italiener sei, mit Namen – – Tostato. Himmel! den kannte ja Viktor so gut. Ohne weitere Fragedenn er ging ohnehin gern mit jedem Mädchen und mit jedem Spitzhunde ein paar Sabbaterwege und sagte, zwischen einem neuen und einem schönen gesicht würde' er gar keinen Unterschied machen, wenn er auch müsstemarschierte er mit ihr gerade hin zum Vater beim Grafen. Er entülsete immer mehr an seiner kleinen Gesellschaftdame: sie war nicht nur ausserordentlich schön, sondern auch ebensodumm.

Jetzt aber entlief sie ihm; der flachsenfingische Hofstaat kam gefahren, und sie musste das Aussteigen der Damen sehen. Er hielt sich nahe an den Schwanz des ganzen Corps, der noch auf der Strasse aufstreifte, indes der halbe Rumpf schon im schloss steckte. Der nachfahrende Schwanz war etwas kurz und dünn, der Hofapoteker Zeusel, der aus Eitelkeit mit seinen 54 Jahren und Jugendkleidern und mit seiner stossenden Kutsche bei der Sache war. Das kleinste Männchen von der Welt war im grössten Wagen von der Welt so wenig für ein ens zu nehmen, dass ich seinen Wagen für einen leeren Zeremonienwagen anrechne, in welchem ihn der Kutscher wie einen dürren Kern in einer Walnuss schüttelte.

Ich wills weitläuftig beschreiben, wie ihn der Kutscher worfelte und siebte, und mich dafür in unwichtigern Dingen kürzer fassen.

Wenn ichs freilich dem Kutscher zuschreibe und sage, dass er dem Kutschkasten durch Steine und Schnelle jenen harten Pulsschlag zu geben wusste, dass Zeusel mehr auf der Luft aufsass als auf dem Kutschkissen: so wird Kästner in Göttingen gegen mich schreiben und dartun, dass der Apoteker selber durch die Gegenwirkung, die er dem Kissen durch seinen Hintern tat, an dem Abstossen des gleichnamigen Poles schuld war; allein hier ist uns hoffentlich weniger um die Wahrheit als um den Apoteker zu tun. Viktor als Hofdoktor nahm von weitem Anteil am Hofapoteker und lachte ihn aus; ja er hätte ihn gern gebeten, sich selber einsetzen zu dürfen, damit er es deutlicher sehen könnte, wie der gewandte Vetturin den Zeuselschen Ball geschickt in die Lüfte schlug. Aber den weichen Nerven Viktors wurden komische Szenen durch das physische Leiden, das sie in der Wirklichkeit bei sich führen, zu hart und grellund er begnügte sich damit, dass er dem springenden Kasten hinten nachging und sich es bloss dachte, wie drinnen das Ding stieg gleich einem Barometer, um das heitere Wetter des betrunknen Kutschers anzudeutener malte sichs bloss aus (daher ichs nicht brauche), wie das gute Hofmännchen bei einem Klimax, wozu es der Kerl trieb, der jede Erhebung mit einer grösseren endigte, die linke Hand, statt in die Westentasche, bloss in den Kutschriemen stecken, und in der rechten eine Prise Schnupftabak seit einer Stunde wärmen und drücken muss und sie aus Mangel an Ruh' und Rast nicht eher in die öde Nase heben kann, als bis der Spitzbube von Kutscher schreiet: brrrr!

"Fort!" sagte die Dumme zu Viktor und zog ihn zum Vater. Der Italiener machte seine WindmühlenGestus und legte sich an Viktors Ohr an und sagte leise hinein "dio vi salvi"; und dieser dankte ihm noch leiser ins italienische: "gran merce". Darauf tat Tostato drei oder vier ungemein leise Flüche in Viktors Gehör. Er hatte nicht den Verstand verloren, sondern nur die stimme, und durch nichts als einen Schnupfen. Er fluchte und kondolierte darüber, dass er gerade morgen so stockfisch-stumm sein müsse, wo so viel zu schneiden wäre. Viktor gratulierte ihm aufrichtig dazu und bat ihn, er möchte ihn bis auf morgen nicht nur zum Doktor annehmen, sondern auch zum Associé und Sprecher; er wolle morgen in der Bude für ihn reden, um besser und inkognito allem zuzusehen; "wenn Ihr mir heute", versetzte Tostato, "noch eine lustige Historie erzählt." Da er nun die von Zeusel vorbrachte mit einer italienischen Systole und Diastole der hände; und da Tostato darüber närrisch wurde vor Spass