seinen zurückgelegten bergaufgehenden Lebenweg mit einem sanften Schimmer, damit er die entfernten Blumen der Jugend wieder erkenne und seine veralteten Erinnerungen zu Hoffnungen verjünge! – Kühle den frischen Jüngling in der Lebenfrühe als ein stillender Morgenstern ab, eh' ihn die Sonne entzündet und der Strudel des Tages einzieht! – Für mich aber, Hesperus, bist dem Erdball wie mein Nebenplanet, wie meine zweite Welt, auf die meine Seele ausstieg, indes sie den Körper den Stössen der Erde liess – aber heute fällt mein Auge traurig und langsam von dir und dem weissen Blumenflor, den ich um deine Küsten angepflanzet, auf den nasskalten Boden herab, wo ich stehe – und ich sehe uns alle von Kühle und Abend umgehen – weit von den Sternen abgerissen – von Johanniswürmchen belustigt, von Irrwischen beunruhigt – alle einander verhüllt, jeder einsam und sein eigenes Leben nur fühlend durch die warme pulsierende Hand eines Freundes, die er im Dunkeln hält. – –
Ja, es wird zwar ein anderes Zeitalter kommen, wo es licht wird, und wo der Mensch aus erhabnen Träumen erwacht und die Träume – wiederfindet, weil er nichts verlor als den Schlaf. –
Die Steine und Felsen, welche zwei eingehüllte Gestalten, notwendigkeit und Laster, wie Deukalion und Pyrrha hinter sich werfen nach den Guten, werden zu neuen Menschen werden. –
Und auf dem Abendtore dieses Jahrhunderts steht: Hier geht der Weg zur Tugend und Weisheit; so wie auf dem Abendtor zu Cherson die erhabene Inschrift steht: Hier geht der Weg nach Byzanz. – –
Unendliche Vorsicht, du wirst Tag werden lassen. –
Aber noch streitet die zwölfte Stunde der Nacht: die Nachtraubvögel ziehen; die Gespenster poltern; die Toten gaukeln; die Lebendigen träumen.
In der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche 1794.
Jean Paul.
1. Hundposttag
Unterschied zwischen dem 1. und 4. Mai –
Rattenschlachtstücke – Nachtstück – drei Regimenter
in künftigen Hosen – Starnadel – Ouvertüre und
geheime Instruktion dieses buches
Im haus des Hofkaplans Eimann im Baddorfe St. Lüne waren zwei Parteien: die eine war den 30. April froh, dass der Held dieser geschichte, der junge Engländer Horion, den 1. Mai aus Göttingen zurückkäme und in der Kaplanei bliebe – der andern war es nicht recht, sie wollte haben, er sollte erst den 4. Mai anlangen.
Die Partei des ersten Maies oder des Dienstagsbestand aus dem Kaplans-Sohne Flamin, der mit dem Engländer bis ins zwölfte Jahr in London und bis ins achtzehnte in St. Lüne erzogen worden, und dessen Herz mit allen Aderzweigen in das britische verwachsen und in dessen heisser Brust während der langen Trennung durch Göttingen ein Herz zu wenig gewesen war – ferner aus der Hofkaplänin, einer gebornen Engländerin, die in meinem Helden den Landsmann liebte, weil der magnetische Wirbel des Vaterlandes noch an ihre Seele über Meere und Länder reichte – endlich aus ihrer ältesten Tochter Agate, die den ganzen Tag alles auslachte und lieb hatte, ohne zu wissen warum, und die jeden, der nicht gar zu viele Häuser weit von ihr wohnte, mit ihren Polypenarmen als Nahrung ihres Herzens zu sich zog.
Die sekte des vierten Maies konnte sich mit jener schon messen, da sie auch ein Kollegium von drei Gliedern ausmachte. Die Anhänger waren die kochende Appel (Apollonia, die jüngste Tochter), deren Küchen-Ehre und Back-Belobebrief dabei litt, dass der Gast früher ankam als die Weisshefen; sie konnte sich denken, was eine Seele empfindet, die vor einem gast steht, die hände voll Spick- und Nähnadeln, neben der Platte der Fenstervorhänge, und ohne sogar die Frisur des Hutes und des Kopfes, der darunter soll, nur halb fertig zu haben. Der zweite Anhänger dieser sekte, der am meisten gegen den Dienstag hätte reden sollen – ob er gleich am wenigsten redete, weil er es nicht konnte und erst kürzlich getauft war –, sollte am Freitag zum ersten Male in die Kirche getragen werden; dieser Anhänger war das Patchen des Gastes. Der Kaplan wusste zwar, dass der Mond seinen Gevatterbitter, den P. Ricciolum, bei den Erden-Gelehrten herumschicke und sie als Paten seiner Flecken ins Kirchenbuch des himmels bringe; aber er dachte, es ist besser, sich seinen Gevatter schon in einer Nähe von 50 Meilen zu nehmen. Der Aposteltag des Kirchgangs und der Festtag der Ankunft des Herrn Gevatters wären also schön ineinander gefallen; aber so führte das Wetter (das hübsche) den Gevatter vier Tage eher her! –
Der dritte Jünger des Freitags war im grund der Häresiarch dieser Partei, der Hofkaplan selber: die Kaplanei, worin Horion ein einstweiliges Hoflager haben sollte, war ganz voll Ratten, ordentlich ein Tanzsaal und Waffenplatz derselben, und diesen wollte der Kaplan sein Haus vorher abjagen. Wenige Hofkapläne, die Hektik im leib und Ratten im haus hatten, machten daher so viel Gestank, als dieser in St. Lüne gegen die Bestien. Mit wenigen Wolken davon wären alle Hofdamen aus Europa hinauszuräuchern. Zündete der Hektiker nicht so viel vom Hufe seines Gaules an, als er davon abgesägt hatte? – Nahm er nicht ein solches Nagetier selber gefangen und seifte dasselbe mit Wagenteer und Fischtran ein und liess den Arrestanten fort, damit er als Parias in den Löchern auf- und abginge und Ratten edlerer Kasten durch sein Salböl zu entlaufen nötigte? – Ging er nicht ins Grosse und nahm gar einen Bock in die Kost, von dem er nichts verlangte, als dass