den Himmel und dich durch den Schatten; in der Mitternacht lächle ich, und im Nachtwind geht mein Atem voll und warm. Denn, o Mensch, meine Seele hat sich aufgerichtet gegen die Sterne: der Mensch ist ein Engbrüstiger, der erstickt, wenn er liegt und seinen Busen nicht aufhebt. – Aber darfst du die Erde, diesen Vorhimmel, verachten, den der Ewige gewürdigt, unter dem lichten Heer seiner Welten mitzugehen? Das Grosse, das Göttliche, das du in deiner Seele hast und in der fremden liebst, such auf keinem Sonnenkrater, auf keinem Planetenboden – die ganze zweite Welt, das ganze Elysium, Gott selbst erscheinen dir an keinem andern Ort als mitten in dir. Sei so gross, die Erde zu verschmähen, werde grösser, um sie zu achten. Dem Mund, der an sie gebückt ist, scheint sie eine fette Blumen-Ebene – dem Menschen in der Erdnähe ein dunkler Weltkörper – dem Menschen in der Erdferne ein schimmernder Mond. Dann erst fliesset das Heilige, das von unbekannten Höhen in den Menschen gesenkt ist, aus deiner Seele, vermischt sich mit dem irdischen Leben und erquickt alles, was dich umgibt: so muss das wasser aus dem Himmel und seinem Gewölk erst unter die Erde rinnen und aus ihr wieder aufquellen, eh' es zum frischen hellen Trunk geläutert ist. – Die ganze Erde bebt jetzt vor Wonne, dass alles ertönt und singt und ruft, wie Glokken unter dem Erdbeben von selber erklingen. – Und die Seele des Menschen wird immer grösser gemacht vom nahen Unsichtbaren – –
Ich liebe dich sehr! –
Emanuel."
Horion las durch schwimmende Augen: "Ach," wünscht' er, "wär' ich schon heute mit meinem unordentlichen Herzen bei dir, du Verklärter!" und jetzt fiel ihm erst die Nähe des Johannistages ein, und er nahm sich vor, ihn da zu sehen. Die Sonne war schon verschwunden, die Abendröte sank wie eine reife Äpfelblüte hinab, er fühlte nicht die heissen Tropfen auf seinem Angesicht und den Eistau der Dämmerung an seinen Händen und irrte mit einer von Träumen erleuchteten Brust, mit einem beruhigten, mit der Erde ausgesöhnten Herzen zurück. – –
– Beiläufig! ist es denn nötig, dass ich eine Schutzschrift ausarbeite für Emanuel als Stilisten und als Styliten(im höhern Sinne)? Und wenn sie nötig ist, brauch' ich darin etwas anders beizubringen als dieses – dass seine Seele noch das Echo seiner indischen Palmen und des Gangesstromes ist – dass der gang der bessern entfesselten Menschen, so wie im Traume, immer ein Flug ist dass er sein Leben nicht wie Europäer mit fremdem Tierblut düngt oder in gestorbnem Fleisch auswärmt, und dass dieses Fasten im Essen (ganz anders als das Überladen im Trinken) die Flügel der Phantasie leichter und breiter macht – dass wenige Ideen in ihm, da er ihnen allen geistigen Nahrungsaft einseitig zuleitet (welches nicht nur Wahnsinnige, sondern auch ausserordentliche Menschen von ordentlichen abtrennt), ein unverhältnismässiges Gewicht bekommen müssen, weil die Früchte eines Baums desto dicker und süsser werden, wenn man die andern abgebrochen – und dergleichen mehr? – Denn, aufrichtig zu sprechen, die Leser, die eine Schutzschrift begehren, bedürfen selber eine, und Emanuel ist etwas Besseres wert als einer – peinlichen Defension –
jetzt sprang dem Helden der Trost wie eine Quelle auf, dass er am Donnerstag seine Seelenwanderung durch die natur, seine Reise, anhebe: "Beim Henker!" sagt' er aufhüpfend, "was hat ein Christ da nötig, dass er Notmünzen schlägt und Trauermäntel umtut, wenn er am Donnerstage nach Kussewitz zur Übergabe der italienischen Prinzessin reisen kann – und am Sonnabend nach der Insel der Vereinigung und noch am nämlichen Tage, welches ein Tag vor Johannis ist, nach Maiental zu seinem Teuern, zu seinem Engel?" –
O Himmel, ich wollt', er und ich wären schon über die Reise her – wahrhaftig sie kann, wenn mich nicht alle Hoffnungen belügen, vielleicht ganz erträglich werden! –
– Unter der Wochenbetstunde des Mittwochs rollten zwei Wägen vor; aus dem vollen traten der Lord und der Fürst, aus dem leeren nichts. Die alte Appel hatte sich prächtig angekleidet und in die Speisekammer eingesperrt. Der Kaplan war glücklicher, er dozierte im Tempel. Man macht selten ein gescheites Gesicht, wenn man vorgestellt wird – oder ein dummes, wenn man vorstellt. Der Lord führte dem Fürsten seinen Sohn als ein Unterpfand seiner künftigen Treue in die hände und ans Herz, aber mit einer Würde, die ebensoviel Ehrfurcht erwarb, als sie erwies. Mein guter Held betrug sich wie ein – Narr; er hatte weit mehr Witz, als unsre achtung gegen Höhere oder die ihrige gegen uns verstattet; ein Talent, das ausser dem Hof-Lehndienste sich äussert, kann als Hochverrat betrachtet werden.
Sein Witz war bloss eine versteckte Verlegenheit, worin ihn zwei Gesichter und eine dritte Ursache setzten. Erstlich das fürstliche...
– Wenn sich die Lesewelt beschwert, dass so allmählich, wie sie sehe, ein neuer Name und Akteur nach dem andern in diesen Venusstern hereinschleiche und ihn so voll mache, bis aus dem historischen Bildersaal ein ordentlicher Vokabelsaal werde, in welchem sie mit einem Adresskalender in der Hand herumwandeln müsse: so hat sie wahrhaftig nur zu sehr recht, und ich habe mich selber schon am meisten darüber beschwert; denn mir bleibt am Ende doch die grösste Last auf dem Halse, weil