1795_Jean_Paul_049_50.txt

unter dem erblassten Arkturus glimmen Nebel an, und aus Farben ringen sich Farben losder Erdball wälzt sich gross und trunken voll Blüten und Tieren in den glühenden Schoss des Morgens. – –

Sobald die Sonne kommt, so schau' ich in sie hinein, und mein Herz hebt sich empor und schwört dir, dass es dich liebt, Horion! ... Durchglühe, Aurora, das Menschenherz wie dein Gewölk, erhelle das Menschenauge wie deinen Tau und zieh in die dunkle Brust, wie in deinen Himmel, eine Sonne herauf! ...

Ich habe dir jetzt geschworenich gebe dir meine ganze Seele und mein kleines Leben, und die Sonne ist das Siegel auf dem Bunde zwischen mir und dir.

Ich kenne dich, Geliebter; aber weisst du, wessen Hand du in deine genommen? Sieh, diese Hand hat in Asien acht edle Augen zugeschlossenmich überlebte kein Freundin Europa verhüll' ich michmeine trübe geschichte liegt neben der Asche meiner Eltern im Gangesstrom, und am 24sten Junius des künftigen Jahres geh' ich aus der Welt... O Ewiger, ich geheam längsten Tage zieht der glückliche Geist geflügelt aus diesem Sonnentempel, und die grüne Erde geht auseinander und schlägt über meine fallende Puppe mit ihren Blumen zusammen und deckt das vergangne Herz mit Rosen zu...

Wehe grössere Wellen auf mich zu, Morgenluft! Ziehe mich in deine weiten Fluten, die über unsern Auen und Wäldern stehen, und führe mich im Blütengowölk' über funkelnde Gärten und über glimmende Ströme und lass mich, zwischen fliegenden Blüten und Schmetterlingen taumelnd, unter der Sonne mit ausgebreiteten Armen zerfliessend, leise über der Erde schwebend sterben, und die Blutülle falle, zerronnen zu einer roten Morgenflocke, gleich dem Ichor des Schmetterlings20, der sich befreiet, in die Blumen herab, und den blauhellen Geist sauge ein heisser Sonnenstrahl aus dem Rosenkelch des Herzens in die zweite Welt hinauf. – – Ach ihr Geliebten, ihr Abgeschiednen, seid ihrs, zieht ihr denn jetzt als dunkle Wellen21 im bebenden Blau des himmels dahin, wogen in jener Tiefe voll überhüllter Welten jetzt eure Äterhüllen um die verdeckten Sonnen? Ach kommt wieder, wogt wieder, in einem Jahr rinn' ich aufgelöst in euer Herz!

Und du, mein Freund, suche mich bald! Dich kann auf der Erde keiner so lieben wie ein Mensch, der bald sterben muss. Du gutes Herz, das mir diese milden Tage noch zum Abschied in die hände drükken, unaussprechlich will ich dich lieben und wärmenin diesem Jahr, wo ich noch nicht weggehoben werde, will ich bloss bei dir bleiben, und wenn der Tod kommt und mein Herz fodert, findet er es bloss an deiner Brust.

Ich kenne meinen Freund, sein Leben und seine Zukunft. In deinen kommenden Jahren stehen dunkle Marterkammern offen, und wenn ich sterbe und du bei mir bist, werde' ich seufzen: warum kann ich ihn nicht mitnehmen, eh' er seine Tränen vergiesset!

Ach Horion! im Menschen steht ein schwarzes Totenmeer, aus dem sich erst, wenn es zittert, die glückliche Insel der zweiten Welt mit ihrem Nebeln vorhebt! Aber meine Lippen werden schon unter dem Erdenkloss liegen, wenn die kalte Stunde zu dir kommt, wo du keinen Gott mehr sehen wirst, wo auf seinem Tron der Tod liegt und um sich mäht und bis ans Nichts seine Frostschatten und seine Sensen-Blitze wirft. – O Geliebter, mein Hügel wird dann schon stehen, wenn deine innere Mitternacht anbricht; mit Jammer wirst du auf ihn steigen und ergrimmt in die sanften Sternenkränze blicken und rufen22: 'Wo ist der, dessen Herz unter mir entzweigeht? Wo ist die Ewigkeit, die Maske der Zeit? Wo ist der Unendliche? Das verhüllte Ich greift nach sich selber umher und stösset an seine kalte Gestalt.... Schimmere mich nicht an, weites Sternengefild, du bist nur das aus Farbenerden zusammengeworfene Gemälde an einem unendlichen Gottesackertore, das vor der Wüste des unter dem raum begrabnen Lebens steht.... Höhnet mich nicht aus, Gestalten auf höhern Sternen, denn zerrinnt ich, zerrinnt ihr auch. Ein, ein Ding, das der Mensch nicht nennen kann, glüht ewig im unermesslichen Rauche, und ein Mittelpunkt ohne Mass verkalkt einen Umkreis ohne Mass. – Doch bin ich noch; der Vesuv des Todes dampft noch über mich hinüber, und seine Asche hüllt mich zuseine fliegenden Felsen durchbohren Sonnen, seine Lavagüsse bewegen zerlassene Welten, und in seinem Krater liegt die Vorwelt ausgestreckt, und lauter Gräber treibt er auf... O Hoffnung, wo bleibst du?'...

Walle trunken um mich, beseelter Goldstaub, mit deinen dünnen Flügeln, ich zerdrücke dein kurzes Blumenleben nichtschwelle herauf, taumelnder Zephyr, und spüle mich in deine Blütenkelche hinab – o du unermesslicher Strahlenguss, falle aus der Sonne Über die enge Erde und führ' auf deinen Glanzfluten das schwere Herz vor den höchsten Tron, damit das ewige unendliche Herz die kleinen, an Asche grenzenden nehme und heile und wärme!

Ist denn ein armer Sohn dieser Erde so unglücklich, dass er verzagen kann mitten im Glanze des Morgens, so nahe an Gott auf den heissen Stufen seines Trons?

Fliehe mich nicht, mein Teurer, weil mich immer ein Schatten umzingelt, der sich täglich verdunkelt, bis er endlich als eine kleine Nacht mich einbauet. Ich sehe