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das Gehirn aufeindetweil ihre Liebe jetzt ohne Eifersucht ist. Nämlich sie stand mit dem Evangelisten Mattieu in einem gewissen Liebeverständnis, das sich (nach unserm bürgerlichen Gefühl) vom Hasse in nichts unterscheidet als in derDauer. Liebe-Persiflagen waren ihre Lieberklärungenihre Blicke waren Epigrammeseine Schäferstunden salzte er mit komischen Erzählungen von seinen Schäferstunden an andern Ortenund zur Zeit, wo ein heiliger Mann seinen Psalm abzubeten pflegt18, waren beide ironisch. Eine solche erotische Verbindung ist nichts als die Unterabteilung irgendeiner politischen... Aber zurück zur geschichte!

Der Kammerherr wollte seinem gast jetzt etwas zeigen, was einen Doktor und Gelehrten mehr interessierte. Zu dem Zimmer, worin das Etwas war, kam man durch der Kammerherrin und durch Klotildens Zimmer. Da man in jener ihrem einen Rasttag hielt: so standen Viktors Augen träumend auf Klotildens Silhouette fest, die Mattieu neulich aus dem Nichts geschnitten, und die die Kammerherrin hier aus Schmeichelei gegen den Schattenreisser unter Glas aufgehangen hatte. Sonderbarer-, d.h. zufälligerweise zersprang jetzt das Glas über dem schönen Angesicht, und Viktor und der Vater fuhren zusammen. Denn letzter war wie die meisten Grossen aus Mangel an Zeit abergläubig und ungläubig zugleich; und bekanntlich hält der Aberglaube das Zerspringen eines Porträtglases für einen Vorboten des Todes des Urbildes. Der Vater warf sich ängstlich die Erlaubnis vor, die er Klotilden gegeben, so lange in Maiental zu bleiben, da sie doch da ihre Gesundheit in unnützen jugendlichen Schwärmereien verderbe. Er meinte ihre Trauer um ihre begrabene Giulia; denn sie war (erzählte er) bloss vor Schmerz über diese, ohne alles Gepäck, am ersten Mai hieher geeilet; und sogar die Kleider der geliebten Freundin hatte sie heute mit unter den ihrigen geschickt. Er brach heiter ab; denn Mattieu kam, der Bruder dieser Giulia, der sich nur zeigen und beurlauben wollte, weil er, wie mehre von der Stief-Brüdergemeine des Hofs, der Prinzessin entgegenreisete.

Viktor wurde stiller und trüber; seine Brust quoll ihm auf einmal voll unsichtbarer Tränen, deren Quelle er an seinem Herzen nicht finden konnte. Und als man noch dazu durch Klotildens stilles leeres Zimmer ging, wo Ordnung und Einfachheit an die schöne Seele der Besitzerin zu stark erinnerten: so fiel sein plötzliches gerührtes Verstummen auch andern auf. Er riss die Augen eiligst weg von einigen Blumenzeichnungen ihrer Hand, von ihrem weissen Schreibzeug und von der schönen Landschaft der Öltapete und trat hastig auf das zu, was Le Baut aufsperrtees war kein edles Herz, was dieser mit seinem obwohl wie eine Kanone gebohrten Kammerherrnschlüssel sperren konnte (die Titularkammerherren in Wien heften nur einen hermetisch-versiegelten an), sondern sein Cabinet d'histoire naturelle öffnete er. Das Kabinett hatte rare Exemplare und einige Curiosaeinen Blasenstein eines Kindes, 2/17 Zoll lang und 2/17 Zoll breit, oder umgekehrtdie verhärtete Hohlader eines alten Ministersein Paar amerikanische Federhosenerträgliche Fungiten und bessere strombi (z.B. eine unechte Wendeltreppe) – das Modell eines Hebammenstuhls und einer Säemaschinegraue Marmorarten aus Hof im Voigtlandund ein versteinertes VogelnestDoubletten gar nicht gerechnet – – inzwischen zieh' ich und der Leser diesem toten Gerümpel darin den Affen vor, der lebte und der das Kabinett allein zierte undbesass. Camper sollte von diesem lebendigen Exemplar den Kammerherrnkopf wegschneiden und solches sezieren, um nur zu sehen, wie nahe der Affe an den Menschen grenze.

Ein grosser hat allemal irgendeinen wissenschaftlichen Zweig, nach dem er nichts fragt, und auf den er sich also vorzüglich legt. Für Le Bauts wissen-hungrige Seele war es gleich viel, ob sie in ein Siegel- oder in ein Gemmen- oder ein Pistolenkabinett eingestellet wurde. Wär' ich ein grosser: so würde' ich mit dem grössten Eifer Knöpfeoder Entbindungenoder Bücheroder Nürnberger Wareoder Kriegeoder recht gute Anstalten machen, bloss aus verdammter langerWeile, dieser Essigmutter aller Laster und Tugenden, die unter Hermelinen und Ordensternen hervorgucken. Nichts ist ein grösserer Beweis der allgemein wachsenden Verfeinerung als die allgemein wachsende LangeweileSogar die Damen machen sich hundertmal aus blosser platter Langerweile Kurzweile; und der gescheiteste Mensch sagt seine meisten Dummheiten und der beste seine meisten Verleumdungen bloss einem Zirkel, der ihn hinlänglich zu langweilen weiss.

Der Hofjunker war der Musterschreiber des Kabinetts, um vielleicht herumzugehen. Viktor tat ihm unrecht durch die medizinische Vermutung, er affektiere einen gewissen schwankenden weichen gang vornehmer Debauchés; denn er hatte' ihn wirklich, und das darum, weil er aus ganz andern als Viktors schönen Gründen ungernsass. Aber weiter! Wenn nicht die Kammerherrin den Vorhang vor Viktors Seele auseinanderschlagen und darin die Gesinnungen gegen sich und Klotilde durch den Schrecken, den ich erzählen will, erforschen wollte; wenn es also das nicht war: so kann es nichts als ein sehr böser Geist gewesen sein, der dieser Kammerherrin die Hand führte zu einer Silberstufe. Hinter der Stufe lag eine vielleicht von abgebröckeltem Arsenik verreckte Maus. Eine Leserin, die in ähnlichen Gefahren als Dulderin litt, stellet sichs vor, wie der Kammerherrin war, als sie mit dem Harten etwas Weiches umgriff und hervorbrachte und dann ersah, was es war. Eine wahre Ohnmacht war unvermeidlich. Ich gesteh' es, ich würde selber ihre Ohnmacht bloss für eine verstellte halten, wäre der Anlass geringer und z.B. der Angriff nicht auf ihre Sinne, sondern nur auf