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schreiben der Farbengebung die Unkenntlichkeit der Zeichnung zu; sie solltens aber bloss ihrer Unbekanntschaft mit dem Urbilde schuldgeben. Wahrlich der Unsinn spielt Versteckens leichter in den geräumigen abgezogen Kunstwörtern der Philosophenda die Worte, wie die sinesischen Schatten, mit ihrem Umfange zugleich die Unsichtbarkeit und die Leerheit ihres Inhalts vermehrenals in den engen grünen Hülsen der Dichter. Von der Stoa und dem Portikus des Denkens muss man eine Aussicht haben in die epikurischen Gärten des Dichtens.

In drei Minuten bin ich wieder bei der geschichte. – Er müsste, sagte Viktor, Berg-, Garten- und Sumpfwiesen haben, weil er drei verschiedne närrische Seelen besässe, die er auf verschiedene Ländereien zur Weide treiben müsste. Er meinte damit nicht, wie die Scholastiker, die vegetative, sensitive und intellektuelle Seelenoch, wie die Fanatiker, die drei Teile des Menschen: sondern etwas recht Ähnliches, seine humoristische, empfindsame und philosophische Seele. Wer ihm eine davon wegnähme, sagt' er, der möchte ihm immer auch die restierenden gar ausziehen. Ja zuweilen, wenn gerade die humoristische auf der umwechselnden Querbank obenan sass, trieb er den Leichtsinn so weit, dass er den Wunsch äusserte, in Abrahä Schoss würde Spass gemacht, und er könnte sich auf die zwölf Stühle mit seinen drei Seelen zugleich niederlassen. – –

Seine Nachmittage übergab er bald einer strömenden Laune, die ihre rechten Zuhörer nicht einmal fandbald den Pfarrleuten bald der ganzen St. Lüner Schuljugend, deren Magen er (zur Ärgernis eines jeden guten Schulmeisters) mehr als ihre Köpfe verproviantierte, weil er glaubte, in den kurzen Jahren, wo das Geiferfleckchen sich ausbreitet bis zu einem Tellertuche, nehme das Vergnügen seinen Weg über die Kinderserviette und habe keinen andern Eingang als den Mund. Er ging nie ohne eine ganze Operationkasse voll kleines Geld in der Weste aus: "Ich verteil' es ohne allen Verstand," sagt' er; "aber wenn aus diesem herumgesäeten metallischen Samen ganze Freudenabende für arme Teufel aufgehen; und wenn sie gerade die Unschuldigen so selten haben: warum will man nicht für die geschonte Tugend und für die Freude zugleich etwas tun?"

Er sagte, er habe Moral gehört und verlange für seine aussergerichtlichen Schenkungen und milden Stiftungen nichts alsVerzeihung. Sein Flamin, der ihn für eine sorglose Säemaschine auf Felsen erklärte, verbrachte seine kleinen Ferien bis zu dem Sessiontisch in glühenden Hoffnungen, an diesem Tische zu nützen, und in Vorbereitungen, um es zu können; oft wenn der höhere Patriotismus mit Heiligenschein und Mosis-Glanz aus dem Angesicht des geliebten Flamins hervorbrach, so standen Tränen der freudigen Freundschaft in Viktors Augen, und im Augenblick einer lyrischen Menschenliebe schworen sich beide an ihren Herzen für die Zukunft gegenseitige Unterstützung im Gutestun und gemeinschaftliche Aufopferungen für die Menschen zu. – Ihr Unterschied war bloss wechselseitige ÜbertreibungFlamin war gegen Laster zu intolerant, Viktor zu tolerantjener verwarf als Regierungrat wie Anabaptisten alle Feste und wie die ersten Christen alle Blumen (in jedem Sinn) – dieser liebte gleich den Griechen beides zu sehrjener hätte der Ehre Menschenopfer gebrachtdieser kannte keinen Ehrenräuber als das eigne Herz, er sprang über den papiernen Halb-Adel unserer jämmerlichen Ehrenpunkte am Teetisch hinweg und war, spottend über den Spott, nur dem hoben Adel der Tugend untertan. – –

Viktor sog sich mit Laubfroschfüssen an jedes Blumenblatt der Freude an, an Kinder, an Tiere, an DorfLuperkalien, an Stunden; – am liebsten aber hatte' er den Sonnabend. Hier tat er Streifzüge durch die freudige Unruhe des Dorfes, vor Knechten vorbei, die ihre Sensen nicht magnetisch, sondern schärfer hämmerten, und vor der Ladentüre des Schulmeisters, an der sein Auge als Schweizer oft eine halbe Stunde stand. Denn er konnte den St. Lünischen Handelflor recht gut im kleinen Grossavanturhandel des Schulmeisters bemerken, der keine geringere Börse der Kaufleute kannte als die in seiner Hosentasche. Aus diesem ostindischen haus sah er spät die wohlfeilen Freuden des Sonntags holender Grossierer (der Schulmeister wird gemeint) machte, von den Negersklaven unterstützt, den Sonntagmorgen von St. Lüne mit seinem Sirup süss und mit seinem Kaffee heiss; und sowohl durch den Tabakbau in Deutschland wurde dieser Handelsherr instand gesetzt, mit Spiralwürsten von Lausewenzel die Köpfe der Pfeifen, als durch den Seidenbau, der Töchter ihre mit Sabbat-Wimpeln zu versorgen aus seinem Auerbachischen hof. – Unsern Helden kannte alles. Aus jeder Hundhütte wedelte ihm ein Hund entgegen, dem er Brot hineingeworfen; aus jedem Fenster schrien ihm Kinder nach, die er geneckt hatte; und viele Buben, vor denen er vorüberlief, hielten sich für glücklich, wenn sie eine Mütze aufhattensie konnten sie vor dem Herrn abnehmen. Denn sein erstes Treiben in St. Lüne war die geschichte von St. Lüne, die aus den mündlichen Konduitenlisten der historischen Personen selber und aus der Reichspostreiterin, aus der Pfarrerin, geschöpft werden musste. Letzte hielt als Plutarchin allemal zwei Charaktere wie Tücher zusammen; und ihr Mann las ihm nach bestem Wissen und Gewissen über die Kirchen- und Reformationgeschichte seines Beichtsprengels. Viktor legte sich auf diese mikrokosmische Weltgeschichte aus zwei Absichten: erstlich, um siewelches Brotstudenten auch bei der grösseren vorhabenrein wieder zu vergessen; zweitens, um im dorf so zu haus zu sein wie der Bettelvogt oder die Hebamme, woraus er den Vorteil zu ziehen hoffte, dass er betrübt wurde, wenn ein St. Lüner verstarb, und fröhlich