und nichts von ihm in der harmonischen Vernichtung übrig lassen als Tränen.
Klotilde willigte ohne zögernde Eitelkeit in das Singen ein. Aber für Sebastian, in welchem alle Töne an nackte zitternde Fühlfäden schlugen, und der sich schon mit den Gesängen der Hirten auf dem feld traurig machen konnte, war dieses an einem solchen Abend für sein Herz zu viel: während der musikalischen Aufmerksamkeit der andern musst' er zur tür hinausgehen...
Aber hier unter dem grossen Nachtimmel können unter höhere Tropfen ungesehen seine fallen – Welche Nacht! – Hier schlägt ein Glanz über ihn zusammen, der Nacht und Himmel und Erde aneinanderreiht, die magische natur drängt sich mit Strömen ein ins Herz und macht es gewaltsam grösser. – Oben füllet Luna die wehenden Wolken-Flocken mit flüssigem Silber an, und die getränkte Silberwolle zittert herab, und Glanzperlen rinnen über glattes Laub und stocken in Blüten, und das himmlische Gefilde perlt und glimmt – – Durch dieses Eden, worüber ein doppeltes Schneegestöber von Funken und von Tropfen zwischen einem Staubregen von Blütendüften spielte und wirbelte, und worin Klotildens Töne wie verirrte Engel sinkend und steigend umherflogen, durch dieses Zauber-Gewimmel wankte Viktor geblendet – überströmt – zitternd – und weinend hin und sank müde in die Laube nieder, wo er heute am Herzen seines Vaters gewesen war. Er überdachte das Winterleben dieses guten Vaters unter lauter Fremdlingen des Herzens und dessen bange Feier des heutigen Tages und den kalten leeren Raum in der väterlichen Brust, den sonst die verlorne Gestalt der Geliebten bewohnet hatte – und er sehnte sich schmerzlich an das Herz der unsichtbaren Mutter. Er hob das angelehnte Haupt in den Regen auf, und aus den weiten offnen Augen fielen fremde Tropfen nicht allein. Er glühte durch sein ganzes Ich, und Nachtwolken sollten es kühlen. Seine Fingerspitzen hingen leise ineinander gefaltet nieder. Klotildens Töne tropften bald wie geschmolzene Silberpunkte auf seinen Busen, bald flossen sie wie verirrte Echo aus fernen Hainen in diesen stillen Garten herein. Er nannte nichts – er dachte nichts – er sprach sich nicht los, er klagte sich nicht an – er sah es wie im Traume, wenn bald eine dicke Nacht über den Garten rannte, bald ein Lichtmeer ihr nachschoss.
Aber ihm war, als wollte seine Brust aufspringen, als wär' er selig, wenn er jetzt geliebte Menschen umschlingen und an ihnen im seligen Wahnsinn seinen Busen und sein Herz zerquetschen könnte. Ihm war, als wär' er überselig, wenn er jetzt vor irgendeinem Wesen, vor einem blossen Gedankenschatten hingiessen könnte all sein Blut, sein Leben, sein Wesen. Ihm war, als müsst' er in Klotildens Töne schreien und die arme um Felsen drücken, um nur das peinliche Sehnen zu betäuben. – –
Er hörte die Blätter tropfen und hielt es noch für Regen. Aber der himmels-Staubbach hatte sich versprungen, und bloss Lunens Lichtfall übersprengte noch die Gegend. Der Himmel war tief blau. Agate hatte' ihn unter dem Regen gesucht, und jetzt erst gefunden. Er wachte auf, ging folgsam und schweigend mit ihr hinaus und begegnete lauter ausgeheiterten himmels-Gesichtern – da zuckten alle seine Nerven, und er musste sich mit einer stummen Verbeugung schmerzhaft-freundlich entfernen. Jeder hatte andere Gedanken darüber. Aber die Pfarrerin sagte der Gesellschaft, er höre die Musik gern von ferne, nur mache sie ihn allemal zu melancholisch.
Ach in seinem Zimmer umfing ein glücklicher tröstender Gedanke seine Seele. Klotildens Grablied und alles befestigte die Gestalt des erhabnen Emanuels vor sein Auge – diese schien zu sagen: "In einem Jahre bin ich schon unter der Erde, komme nur zu mir, Armer, ich will dich so lange lieben, bis ich sterbe!" Ohne ein Licht zu begehren, schrieb er mit strömenden Augen, denen ohnehin keines geholfen hätte, dieses Blatt an Emanuel:
"Emanuel!
Sage nicht zu mir: ich kenne dich nicht! – Warum kann der Mensch auf dem schmalen Sonnenstäubchen Erde, auf dem er warm wird, und während der schnellen Augenblicke, die er am Pulse abzählt, zwischen dem Blitze des Lebens und dem Schlage des Todes, noch einen Unterschied machen unter Bekannten und Unbekannten? Warum fallen die kleinen Wesen, die einerlei Wunden haben, und von denen die Zeit das nämliche Mass zum Sarge nimmt, nicht einander ohne Zögern mit dem Seufzer in die arme: 'Ach wohl sind wir einander ähnlich und bekannt'? – Warum müssen erst die Fleischstatuen, worein unsre Geister eingekettet sind, zusammenrücken und einander betasten, damit die darin vermummten Wesen sich einander denken und lieben? – Und doch ist es so menschlich und wahr: was nimmt uns denn der Tod anders als Fleischstatuen – als das geliebte Angesicht unsern Augen – als die teuere stimme unsern Ohren und die warme Brust der unsrigen? ... Ach Emanuel! sei für mich kein Toter! Nimm mich an! Gib mir dein Herz! Ich will es lieben! – Ich bin nicht sehr glücklich, mein Emanuel! – Da mein grosser Lehrer Dahore – dieser glänzende Schwan des himmels, der, vom zerknickten Flügelgelenk ans Leben befestigt, sehnend zu andern Schwänen aufsah, wenn sie nach den wärmern Zonen des zweiten Lebens zogen – aufhörte an mich zu schreiben: so tat er es mit den Worten: 'Suche mein Ebenbild! Deine Brust wird so lange bluten, bis du mit einer andern die Narben bedeckst, und die Erde wird dich immer stärker schütteln, wenn du allein stehst – und