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warer hatte versucht, Agatens Haare auf- und abzulocken, ihre Doppelschleifen in ungleiche und eben darum wieder in gleiche Hälften zu zerrenaber es hatte' ihm nicht wie sonst gefallendie heutigen Zwischenspiele der häuslichen Liebe hatten seine ganze scherzende Seele aus den Fugen gezogen, und es war ihm, als wenn er, entfernt von der jetzigen Freude, wenigstens auf einige Minuten froher sein würde in irgendeiner stillen Ecke, und besonders sehnt' er sich, die Sonne untergehen zu sehen. – –

Dazu kam noch mehr: der Anblick von Klotildens wärmerer Liebe gegen Agateder Anblick seines Freundes, der durch seine schweigende Zärtlichkeit, durch seine mildere stimme, durch eine an heftigen Menschen so unwiderstehliche Ergebenheit jedem Herzen befahl: liebe mich! – und endlich der Anblick der Nacht...

Er war schon längst traurig, als er noch lustig schien. jetzt brachte die Mutter den kleinen Held des heutigen Vormittags in den lauen Abendhimmel heraus. Sie standen alle ausserhalb der Garten-Stiftshütte, im ersten Tempel des andächtigen Menschen. In die Wolken floss das Abend-Blut der versinkenden Sonne, wie ins Meer das Blut seiner in der Tiefe sterbenden Riesen. Das lockere Gewölke langte nicht zu, den Himmel zu decken; es schwamm um den Mond herum und liess sein bleiches Silber aus den Schlacken blikken.

Das rote Gewölke schminkte den Säugling. Jeder fassete leise seine weichen hände, die schon aus der Kissen-Knospe und Wickelbänder-Verpuppung brachen. Klotildeanstatt an den Kleinen körperliche kokette Liebkosungen zu verschwenden, wie manche Mädchen vor oder für Mannspersonen tungoss einen fortströmenden blick voll herzlicher Liebe auf den neuen Menschen nieder, band seine schneidenden Hemd-Ärmel auf, verbauete ihm den angeschielten Mond und sagte spielend: "Lächle her und liebe mich, Sebastian!" Sie konnte unmöglich metaphorische Rikoschet-Schüsse in diese Zeile laden; auch wusste der grosse uneingewickelte Sebastian recht gut, dass sie keinen Doppelsinn vorausgesehen; ja er kannte die Regel, dass man aus der Ängstlichkeit, womit einige gewisse Gedanken aus ihrem Sprechen bannen, die Gegenwart derselben in ihrem kopf errate. Gleichwohl hatte' er doch nicht den Mut, zu lächeln wie die andern, oder das von ihr berührte Händchen in seines zu nehmen. Sie kehrte sich zu ihm und sagte: "Aber wie lernt das Kind unsere Sprache, wenn es nicht schon eine kann?"

"Ich hab' es bloss aus Liebe zu den Weltweisen mit Schwabacher drucken lassen."

"Also muss", antwortete er, "die pantomimische Sprache gerade so viel bezeichnen wie die Ohrensprache. – Sooft ich einen Taubstummen zum Abendmahl gehen sehe, denke' ich daran, dass aller Unterricht nichts in den Menschen bringe, sondern nur das Dagewesene bezeichne und ordne. – Die Kindesseele ist ihr eigner Zeichenmeister, der Sprachlehrer der Kolorist derselben." – "Wie," fuhr sie fort, "wenn dieser schöne Abend einmal wieder vor die Erinnerung dieses Kleinen käme? Warum sieht das sechste Jahr schöner in der Erinnerung aus als das zwölfte, und das dritte noch schöner?" – Eine schöne Frau unterbricht man nicht so leicht wie einen Exdekan; sie durfte also darauf kommen: "Herr Emanuel sagte einmal, man sollte den Kindern in jedem Jahre ihre vergangnen erzählen, damit sie einmal durch alle Jahre durchblicken könnten bis ins zweite neblichte hinein." Mir ist, als hört' ich die oben gedachte Hofdame leibhaftig sprechen, unter deren dünnen Blonden mehr Philosophie blieb als unter manchem Doktor-Filzhut, wie Quecksilber im Flor beklebt und durch Leder rinnt. Viktor antwortete mit der gewöhnlichen Teilnahme seines guten Herzens: "Emanuel steht nahe am Menschen und kennt ihnDen umgaukelten Menschen führen zwei Prospektmalerinnen durch das ganze Teater, die Erinnerung und die Hoffnungin der Gegenwart ist er ängstlich, das Vergnügen wird ihm nur in tausend lilliputische Augenblicke eingeschenkt wie dem Gulliver; wie soll das berauschen oder sättigen? – Wenn wir uns einen vergnügten Tag vorstellen, so drängen wir ihn in einen einzigen freudigen Gedanken; kommen wir hinan, so wird dieser Gedanke unter den ganzen Tag verdünnt." –

"Daran denke' ich," versetzte sie, "sooft ich durch Wiesen gehe: in der Ferne stehen Blumen an Blumenaber in der Nähe sind sie alle durch Gras auseinander gerückt. – Aber am Ende wird doch auch die Erinnerung bloss in der Gegenwart genossen".... Viktor dachte bloss über die Blumen nach und sagte vertieft: "Und in der Nacht sehen die Blumen selber wie Gras aus" – als es plötzlich zu tropfen anfing.

Sie traten alle feierlich in das Gartenhaus, auf dessen dach der Regen aufschlug, indes in die offline Fenster der auf- und zugedeckte Mond wie ein Gletscher seine Schneeblitze hineinwarf- der laue BlütenAtem der ganzen leuchtenden Landschaft hauchte jeden menschlichen Seufzer, jeden schweren Busen heilend an. – In dieser engen Nähe, durch die mit dem mond abwechselnde Nacht abgeschieden von der natur, musste man zur Nachbarschaft, zum alten Klaviere flüchten. Klotildens stimme konnte die FlötenBegleitung des äussern Regen-Gelispels sein. Die Pfarrerin bat sie darum, und zwar um ihre Lieblingarie aus Bendas Romeo: "Vielleicht, verlorne Ruh'! vielleicht find' ich dich im grab wieder" etc., ein Lied, dessen Töne wie feine auflösende Düfte in das Herz durch tausend Öffnungen dringen und darin beben und immer stärker beben, bis sie es endlich zerzittern