aber dumm – hätt' ichs nur gewusst! – hätt' ichs nur nicht! – Wahrlich, da sehts selber!" – Und als diese Maske nicht hinreichte, seine ganze gerührte Seele zu bedecken, rief er der armen vergessenen Apollonia, die an der Haustür den erwachten Bastian schwenkte, überlaut zu, herzukommen. Allein diese arme, deren bloss entfernte freudige Teilnahme an der allgemeinen Annäherung unsern Viktor im Innersten rührte, zögerte scheu, bis die Mutter kam und sie schadlos hielt durch alles, was den Müttern nie vergolten wird. Aber erst als die Pfarrerin ihr Kind in ihren Armen und an ihren Lippen hatte, fühlte sie, dass die gefangnen Flammen ihrer Gefühle ihre Öffnung fanden und ihr Herz seine Erleichterung. –
O! dass der Mensch gerade zu der Zeit die schönste Liebe empfängt, wo er sie noch nicht versteht – O, dass er erst spät im Lebensjahre, wenn er seufzend einer fremden Eltern- und Kinderliebe zusieht, hoffend zu sich sagt: "Ach meine haben mich gewiss auch so geliebt" – ach dass alsdann der Busen, zu dem du mit dem Danke für ein halbes Leben, für tausend verkannte Sorgen, für eine unaussprechliche, nie wiederkehrende Liebe eilen willst, schon zerdrückt liegt unter einem alten grab und das warme Herz verloren hat, das dich so lange geliebt! ...
In der häuslichen Glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wänden vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufälligste Bestandteil: ihr Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Feuerquellen der Liebe, die aus den verwandten Herzen ineinander springen. –
Die unwillkürliche Überraschung hatte die willkürlichen vereitelt. Aber die Freudenflut hatte alle Personen zusammengeströmt; und sie blieben noch in der vertraulichen Nähe, als jene wieder verlaufen war. Man setzte sich zum Gastmahl im Gartenhaus. Selten sind Schmäuse so wie dieser durch zwei ausserordentliche Vorzüge gewürzt, durch Mangel an Essen und Mangel an Platz. Nichts reizt den Appetit so sehr als die Besorgnis, er finde nicht satt. Es war von Sebastian ausgesonnen, dass für jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde – für den Pfarrer farcierte Krebse und Erdäpfelkäse – für Flamin Schinken – für den Helden das Gemüse vom guten Heinrich. – Jeder wollte jetzt das Leibgericht des andern, und jeder subhastierte seines. Sogar die Damen, die sonst wie die Fische essen und nicht essen, bissen an. Der zweite berauschende Bestandteil, den sie in ihren Freudenbecher geworfen hatten, war der Tisch samt Gartenstube, wovon jener die Kost, diese die Kostgänger nicht fasste. Sebastian hatte sich samt Agaten an ein Filialtischchen, das man aussen ans Fenster des Speisesaales gestossen, begeben, bloss um draussen mehr hineinzulärmen und zu klagen als zu essen. Dieser Mutwille war im grund die verdeckte Bescheidenheit, welche befürchtete, drinnen auf Kosten der andern Gäste, des Lords wegen, gefeiert zu werden. Sein eigenes Alleinsein – vielleicht in einem schmerzlichen Sinn – malte ihm die blöde Appel vor, die als HerdVestalin erst von zurückgehenden speisen den Rückzoll ass, bloss um zu versuchen, wie es andern geschmeckt. Er konnte den Gedanken dieser Abtrennung nicht länger erdulden, sondern nahm Wein und das Beste vom Nachtisch und trug es ihr in ihr KüchenWinterquartier hinein. Da er dabei auf seinem Gesicht statt seiner Munterkeit gegen Mädchen, von der sie eine zu demütige Auslegung hätte machen können, den grössten höflichen Ernst ausspannte: so war er so glücklich, einer von der natur selber zusammengedrückten Seele – die hier in keinem andern Blumentopf ihre Wurzeln herumtreibt als in einem Kochtopf, und deren Konzertsaal in der Küche, und deren Sphärenmusik im Bratenwender ist – einen goldnen Abend gegeben zu haben und ein gelüftetes Herz und eine frohe lange Erinnerung. Kein Boshafter werfe einer solchen guten Schneckenseele seine Faust in den Weg und lache dazu, wie sie sich hinüberquält – und der Aufgerichtete bücke sich gern und hebe sie sanft über ihre Steinchen weg....
Klotilden anlangend, so gings vor dem Essen recht gut; aber nachher recht schlecht. Ich rede von Sebastian, der nach der beim Lord eingelegten Bittschrift froher und leichter war und mit Klotilden wahrhaftig so freimütig sprach, als wäre sie eine – Braut. Denn er hatte' es schon im Hannöverischen gesagt: "es gebe kein langweiligeres und heiligeres Ding als eine Braut, besonders eines Freundes seine; lieber woll' er an die mürben Pandekten in Florenz oder an einen Wiener heiligen Leib im Glasschrank streifen und tippen als an sie." – Überhaupt war es schwer, sich in Klotilde zu verlieben; ich weiss, der Leser hätt' es nicht getan, sondern sich kalt wieder fortgemacht. "Ihre griechische Nase unter der fast männlich breiten Stirne", hätt' er gesagt, "– diese Schwester-Nase aller Madonnen und dieses seltne Grenzwildpret auf deutschen Gesichtern –, ihre stillen, aber hellen Augen, die ausser sich nichts suchen, dieser britische Ernst, diese harmonische denkende Seele erheben sie über die Rechte der Liebe. – Wenn diese majestätische Gestalt auch lieben wollte: wer hätte den Mut, ihr seine darauf zu bieten, und wer wäre so eigennützig, um das Geschenk eines ganzen himmels einzustecken, oder so stolz, um sein Herz als Dampfkugel in ihres zu schiessen und damit diese stille sinnende Heiterkeit zu benebeln?" – Der Leser lieset sich selber gern. –
Aber nach dem Essen gings anders. Unter Viktors Gehirnhäuten hatte irgendein Poltergeist im inneren Schriftkasten alle Lettern seiner Ideen so untereinander geworfen, dass er bisher lustig, aber unzufrieden