1795_Jean_Paul_049_38.txt

zu machen, mit dem grössten Feuer übergeben könnte.

Endlich kam er, und Viktor atmete wieder voll. Der gute Mensch sucht oft durch aufopfernde Taten sein Gewissen wieder mit seinen Gelenken auszusöhnen. Mit herzklopfendem Entusiasmus wartete er auf die Minute der Einsamkeit. Ein Garten vereinzelt und verbindet Leute auf die leichteste Weise, und nur darin sollte man Geheimnisse verteilen; Viktor konnte bald in einer Laube, die sich an vier Kastanienbäumen mit Blüten-Geäder über den Menschen zusammennistete, mit gerührtem Zittern seinen Vater umfassen und für seinen Freund sprechen und glühen mit Zunge und Herz. Des Lords Überraschung war grösser als dessen Rührung. "Hier" (sagt' er) "ist deine Bitte auf eine andere Art längst erfüllt; ich wollte dir aber das Vergnügen der Botschaft aufheben" – und damit gab er ihm ein allerhöchstes Handbillet, worin der Fürst den praktizierenden Advokaten Flamin zum Regierungrat beruft.

Ein allerhöchstes Handbillet ist das Tetragrammaton und Gnadenmittel, das die übernatürlichen Wirkungen und staates-Wunder tut; und der durchlauchtige schreibe-Daumen ist gleichsam ein zauberischer Diebs-Daumen, der die verschiedenen Räder der staates-Repetieruhr, das Heberad, das Zifferblattrad, oft bloss den Zeiger voraus- oder zurückstösset, je nachdem er eine Stunde früher oder später begehrt. Daher steigen oft Minister hinauf und schneiden sich einen solchen Diebs-Daumen für ihre Taschen ab.

Sebastian wird von der Freude wie von Habakuks Engel beim Schopfe erfasst und durch den Garten geführt und mit seiner Novelle an den ersten besten getriebenan den Kaplan, welcher mit einem närrischen Gesicht beschwor, es wären nur Finten von Viktor; aber der verhaltene jubel sprengte ihm fast die zugebundene Ader auf. Viktor hatte keine Zeit, zu widerlegen; sondern eilte mit einer solchen Botschaft an das rechte Herz, in das sie gehörteans mütterliche. Die Mutter konnte ihren Mund zu nichts als einem seligen Lächeln öffnen, in das die Augen ihre Freudentropfen gossen. In der natur ist keine Freude so erhaben rührend als die Freude einer Mutter über das Glück eines Kindes. Aber der Sohn, in dessen heutiger Seele dieser Sonnenblick des Schicksals nötig war, wurde in der Überraschung nicht sogleich gefunden.

Der Lord sprach unterdessen mit Klotilden wie mit seiner Tochter und gab ihr einen Brief von ihrer Mutter und die Nachricht seiner nahen Abreise. Sein von achtung geleitetes und von Feinheit verschönertes männliches Wohlwollen veredelte ihre Aufmerksamkeit auf seine Mienen, und als sie aus dem warmen leisen Gespräch mit glänzenden Augen ging, war ihre hohe Gestalt, die sich sonst ein wenig bückte, von einer Begeisterung zum erhabnen Wuchse aufgerichtet, und sie stand unendlich schön in dem Tempel der natur, wie eine Priesterin dieses Tempels. – Der Lord entfernte sich von ihr. – Sie fand Flamin am TulpenK, und die Göttin des Glücks erschien ihm in der holdesten menschgewordnen Gestalt, um ihm ihr Geschenk zu liefern. Freilich setzte ihn hier die Zeitung und die Zeitungträgerin in gleiches Entzücken.

Die Freude hatte den ganzen Bienen-Garten in einem Schwarmsack zum Chaos zusammengerüttelt. Die schäumende Weingärung musste sich erst zum hellen stillen Entzücken abarbeiten. Der Lord ging der mit so vielen Ripienstimmen besetzten Dankbarkeit aus dem Wege und an seinen Wagen, als ihn die Mutter mit ihrer stummen Herzensfülle erreichte; aber sie konnte nichts aus der froh beschwerten Brust auf die Lippen heben als die demütigen Worte: "heute sei sein Geburttag, und sein Sohn wiss' es nicht und habe auch mit einer Entzückung überrascht werden sollen." Er wollte ihr mit einem dankbaren Lächeln entfliehen und sagte, dass er zum Fürsten zurückzueilen habe, der vielleicht auf eben diesen Tag eine so gütige Rücksicht genommen wie sie; allein Sebastian holte mit dem gefundnen Freund ihn an der Gartenschwelle ein, und der eilende Lord verspätete sich noch durch eine schnelle Umarmung seines Sohnes. Erst als er weg war, fasste die Mutter, die ihre Liebe zu entladen suchte, Viktors Hand zärtlich an und vergass die Abrede und fragte: "O Teuerster! warum haben Sie ihm denn nicht Glück gewünscht zu seinem Geburttage? Denn ich konnte ja nicht." jetzt verstand und fühlte er erst die schnelle Umarmung des Vaters und breitete die arme nach ihm aus und wollte sie erwidern.

Darüber traf auch der alte Pfarrer aus dem Garten ein und sagte wie närrisch: "Ich wollt', er wäre Regierungrat"; aber die Frau sagte, ohne darauf zu antworten, mit überfliessender stimme und Liebe zu ihm: "So ein Wiegenfest hast du noch nicht erlebt wie heute, Peter!" Agate sah sie fragend und zurechtweisend an. "Fahre nur damit heraus"- sagte sie und umfing die zwei Kinder und zog beide in die väterliche Umarmung hinein – "und wünscht eurem guten Vater lange Tage und noch drei beglückte Kinder." –

Der Vater konnte nichts sagen und streckte die Hand nach der Mutter entgegen, um die Gruppe des liebenden Edens zu ründen. Viktors sympatetisches Blut häufte sich in sein Herz, um es in Liebe aufzulösen, und er dachte das stille Gebet: "Reisse nie diese verschlungnen arme, du Allgütiger, durch ein Unglück auseinander!" – Aber Flamin zog sich bald aus der Verkettung und sagte zu Viktor mit dem dankbarsten Händedruck: "Du weisst nicht, wie unrecht ich dir immer tue." Der Kaplan dachte, er werde allen seine Rührung verstecken, wenn er sage: "Ich wollt', ich hätt' euch nicht betrogen. – Ich habe zur Ader gelassen, es ist