brachte in langen Tränenjahren ihr Haupt nie empor als am sonnenhellen kurzen Tage der Liebe, und nach ihm sank das beraubte Herz wieder in die kühle Tiefe: so liegen die Wasserpflanzen das ganze Jahr ersäuft im wasser, bloss zur Zeit ihrer Blüte und Liebe sitzen ihre heraufgestiegenen Blätter auf dem wasser und sonnen sich herrlich und – fallen dann wieder hinab."
Endlich trat Klotilde mit der Pfarrerin in einem gespräche herein. Sie hatte einen Florhut mit einem schwarzen Spitzen-Fallgitter auf, das mit einem durchbrochnen Schatten ihr schönes Angesicht zugleich verschönerte, teilte und verbarg. Aber ihr Auge vermied Flamins Auge und schlich ihm nur zuweilen denkend nach. Er bewies, dass gerade Leute vom grössten Mute den kleinsten gegen Schönheit zeigen – er tat ihr nicht einen Schritt entgegen. Sie fragte unsern Viktor angelegentlich über die Ankunft und über das Befinden des Lords. Sie legte ihm dann mit der gewöhnlichen medizinischen Unbestimmteit ihres Geschlechts die Frage vor, ob eine solche Operation öfters so leicht gerate, und ob er vielen schon so viel wiedergegeben als seinem Vater; er verneinte beides, und sie seufzete unverhohlen. Seine ehrerbietige Entfernung von ihr wäre durch die, worin sein Freund sich von ihr hielt, grösser geworden, hätt' er ihr nicht etwas zu geben gehabt – Emanuels Zettel. Er konnte ihn nicht stehlen, da er ihr neulich schon die erste Zeile vorgesagt; zweitens musst' er ihn unter vier Augen – nicht z.B. durch Agaten – zustellen, weil er ihre bis an die äusserste Grenze getriebne Diskretion kannte. Klotilde gehörte unter die – dem Lebensbeschreiber und dem Helden beschwerlichen – Personen, die gern alles Kleine verbergen, z.B. was sie essen, wohin sie morgen gehen, die auf den Freund toll werden, wenn er ausplaudert, sie hätten voriges Jahr am Tomastage leichte Kopfschmerzen gehabt. Bei Klotilden kams nicht von Furcht, sondern von der dunkeln Ahndung, dass der, der gleichgültige Mysterien ausschwatze, endlich wichtige sage. Er fühlte, ihres Stolzes ungeachtet, gegen sie einen mächtigen Zug zur Aufrichtigkeit. Er führte sie allein dem Pomeranzenbaume zu und gab ihr dort – indem er ihr durch seine offenherzige Leichtigkeit die beschwerliche Verbindlichkeit für ein Geheimnis ersparte – das Blatt zurück. Sie erstaunte, sagte aber sogleich: ihr Erstaunen gehe bloss ihre eigne Nachlässigkeit an – d.h. sie glaubte ihm, hatte' aber irgendeinen Verdacht gegen ihre Schlossgenossen und gegen die Art, wie es in die Laube gekommen. Sie machte sich die Orangerie zunutze und drängte ihr beseeltes Angesicht in die Pomeranzenblüten. Viktor konnte unmöglich so dumm allein dort stehen – er, noch ein wenig betroffen über das Erstaunen und am Ende über einen fast zu grossen Stolz, wurde auch lüstern nach dem Pomeranzenweihrauch und hielt ihr darin sein Gesicht entgegen. Er hätte aber wissen sollen, dass einer, der an etwas riecht, nicht auf das Etwas blicke, sondern geradeaus. Er war also kaum mit seinen Geruchnerven in den Blüten, so schlug er seine Augen auf, und Klotildens grosse standen ihm offen entgegen; sie waren gerade in der wirksamsten und höchsten Erhebung von 45°, man mag nun Augen oder Bogenschüsse meinen. Er drehte seine Augäpfel gewaltsam auf die Blätter nieder, sie trat, noch klüger, von der betäubenden Orangerie zurück.
Gleichwohl war sie nicht verlegen; er hielt es für Unrecht gegen Flamin, ihre Gesinnungen gegen ihn selber zu beobachten; aber so viel merkte er doch, dass die Sternwarte, auf der man die Sternbedeckungen ihres Herzens beobachten wollte, höher sein müsse, als gegen andre Weiber nötig ist. Die Gewohnheit, bewundert zu werden, hatte sie gegen die Vorspieglung des Eindrucks ihrer Reize, mit der sich die Männer so oft die Aufmerksamkeit der weiblichen Eitelkeit erwerben, fest gemacht. Sie war, wie gesagt, nicht verlegen: sondern erzählte ihrem Zuhörer noch etwas von Emanuels Charakter, was sie neulich vor so unheilige Ohren aus achtung für ihren Lehrer nicht bringen wollte – dass er nämlich gewiss glaube, er werde nach einem Jahre in der Johannis-Mitternacht sterben. Viktor konnte leicht erraten, dass sie es selber glaube; aber das erriet er nicht, dass diese Stolze aus blosser Weichheit des Herzens ihren Termin, zu Johannis aus Maiental zu ziehen, beschleunigt habe, um nicht dem geliebten Menschen an dem Namentage des künftigen Sterbetages zu begegnen. Zufolge ihrer Erzählung hatte dieser Emanuel eine hart erhabne Stellung unter den Menschen: er war allein, an seiner Brust waren grosse Freunde gewesen – aber alles war ihm unter die Erde gegangen – darum wollt' er auch sich darunter verhüllen. Die Jahre geben den stürmischen überkräftigen Menschen eine schönere Harmonie des Herzens, aber den verfeinerten kalten Menschen nehmen sie mehr, als sie geben; jene Krafterzen gleichen den englischen Gärten, die das Alter immer grüner, voller, belaubter macht; hingegen der Weltmann wird, wie ein französischer, durch die Jahre mit ausgedorrten und entstellten Ästen überdeckt.
Viktor wurde ängstlicher; jedes Wort, das er ihr abgewann, hielt er für Tempelraub an seinem Freund, da ohnehin der letzte nicht so gut als er die Kunst verstand, mit einer Frau in ein Gespräch zu kommen. Jener hatte nicht den Mut zu glänzen, weil er dadurch um ihren Beifall mit seinem Freunde zu wetteifern besorgte. Sein Flamin kam ihm heute länger, schöner, besser vor; und er sich kürzer und dümmer. Er wünschte tausendmal, sein Vater wäre schon da, damit er ihm Flamins Bitte, ihm Klotildens Besitz leichter