1795_Jean_Paul_049_32.txt

für die kleine Perlenschrift der häuslichen Freude, für Aufgussblümchen des Vergnügens keine Augen; dafür hielt seine Seele mit einem Brutus gleichen Schritt, wenn er gross ans Bild des Pompejus trat und mit einem Seufzer über das Schicksal die Parzenschere in das grösste Herz der Erde trieb, das seinen Wert mit seinem Recht verwechselte. Viktor hatte ein geräumiges Herz für die unähnlichsten Gefühle.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen, dass heute der Kirchgang ist. Ich will ihn der Nachwelt abzeichnen, aber nicht mit jener Kürze, womit ein Zeitungschreiber den Leichenzug eines Königs auf drei Bogen bringt, sondern ein wenig umständlicher. Zu den pomphaften Anfangbuchstaben dieses Tages hatte das Pfarrhaus ganz andre Gründe in petto, als man meines Wissens unserem Zeitalter noch zu entdecken beliebte: betrügen wollten drei Teilnehmer einander, allemal zwei einen.

Betrügen wollte erstlich die Pfarrfrau den Helden, der nicht wusste, dass heute der Geburttag seines Vaters war, und dass dieserfreimütig von ihr eingeladenheute auf fünf Minuten lang komme. Sie liess am Morgen ihre zwei Töchter Garn sieden, damit sie dem Viktornichts beichteten, wenigstens keine Wahrheit; denn es ist ein bekannter Aberglaube, dass das Garn am weissesten gesotten werde, wenn man dabei recht lügt. Daher sollte man auch, wenn die Weiber lügen, behutsamer sein und fragen, ob sie mit ihren poetischen Täuschungen etwas anderes weissbrennen wollen als Garn. Ihr geliebter Viktor solltedas war ihr Planihrem mann, dessen Wiegenfest heute auch einfiel, den gewöhnlichen Glückwunsch bringen und ihn nachher halbieren und dem Lord hinlangen müssen, der mit seinem eignen Geburttag ausstieg.

Betrügen wollte zweitens Sebastian und sie den alten Kaplan, der vergessen, dass er geboren wordenwelches ihm schon bei seinem ersten Geburttage begegnet war. Die Menschen behalten einen fremden Lebenslauf besser als den eignen: wahrhaftig, wir achten eine geschichte, die einmal die unsrige war, und welche die Hülse der verflognen Stunden ist, viel zu wenig, und doch werden die Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinnerung zum Regenbogen des Genusses. Die Männer wissen, wenn alle Kaiser geboren und alle Philosophen gestorben sinddie Weiber wissen aus der Chronologie bloss das, wenn ihre Männer, die ihre Regenten und klassischen Autoren sind, beides taten. Viktor, dessen feines Gefühl von zu grossen Aufmerksamkeiten für ihn versehret wurde, war froh, dass Eimanns Schultern die Hälfte der heutigen Ehre tragen mussten.

Betrügen wollte drittens der Pfarrherr so gut als einer, und zwar jeden. Da für ihn dieser Festtagwie die drei hohen Feste der Klösterzugleich Rasiertag war, an welchem die gescheitsten Köpfe die dümmsten Gesichter machen: so schnitt der Barbier mit der Rasier-Lanzette in des Seelensorgers Haut wie in eine Birkenrinde sein Andenken; aber dieses wenige Blut, das ausquoll, führte dem Pfarrer einen klügern Gedanken zu als das, was der Bader darin liess, welches doch den Nervensaft absonderte, der nach den seichtesten Denkern die Gelenkschmiere unsrer geistigen Bewegungen, die Goldauflösung unsrer reichhaltigsten Ideen und der Geist unsers Geistes ist. Dieser klügere Gedanke, den ich so lobe, war der, sich auf dem linken Arm zur Ader zu lassenes dem ganzen haus zu verhaltenabends dem Lord Glück zu wünschen und jedemund am Ende den Ärmel auszuziehen und die Wunde zu zeigen, wie ein Römer, und zu sagen: gratuliert doch zur Aderlass! – Er setzte es durch, und der Scherer musste staunend etwas anderes zerhacken als das Kinn. Der Blessierte gab ihm das Geleite bis an die Hoftüre, nicht sowohl aus Höflichkeit, als damit er es nicht der ganzen Hausgenossenschaft vortrüge, sondern den Vorfall überhaupt bei sich behielte, ausgenommen in Häusern, wo ein Bart war und ein Ohr. Denn ein Geschichtschreiber sei immerhin der Monatzeiger der Zeitund folglich sei der Zeitungsetzer der Stundenzeiger derselbenmitin ein Weib ihr Sekundenzeiger: so ist doch der Bartputzer beides, das Weib und der Sekundenzeiger.

Als Flamin und Viktor hinuntergingen ins Wohn-, Putz-, Sommer- und Winterzimmer, stach unter lauter frohen Gesichtern ein verdriessliches vor, das dem wie besessen umhersetzenden Pfarrer gehörte: er konnte zweierlei unmöglich ausspüren, seine Bibel und seine Puderquaste. drei Minuten vorher hatte' er so gejammert: "Bin ich und mein elendes Leben denn zu einer wahren Passionhistorie ausersehen? Man gebe mir einen Glücktopf, aus dem jeder andere ganze Königreiche herauskrebsen würdesobald mich der böse Feind nahe merkt, so legt er seinen Unrat hinein; und diesen heb' ich dann statt der Krebse und Königreiche heraus, und weiter nichts. – Es wär' heute hübsch geworden, sah der Teufelwir hätten bis abends um vier Uhr keine Lust gehabt, sondern Hundearbeitdann wär's losgegangen, das Essen im Gartenhaus, das Gratulieren und Salutieren und wahrer Spass.... Euch ist er auch noch beschert; mir aber schenkt nur, wenn der Püster und die Bibel nicht erscheinen, etwas Russ und Asche (die etwa vom Abendschmause nachbleiben), damit ich damit dem Fuchs (Pferd) das Gebiss abbürsteund abends kann ich neben dem Gartenhause den Rettich ausjäten."

Hier musste er mit der niedergelassenen Flagge seines Kopfes, mit der Trottelmütze, den eintretenden Briten salutierenals dadurch aus der Mütze ein Haar-Büschel ausfiel, der zwar nicht die gesuchte Bibel, aber der gegebene Püster war. Es muss nämlich die denke- und Lese