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(das Zeichen seiner Entrüstung) gab dem Strom seiner Beredsamkeit einen neuen schnellern Abhang; noch dazu rief eine in Le Bauts Garten dichtende Nachtigall alle Echo der Liebe aus seiner Seele wach. Daher ergriff er freilich Flamins beide hände in jener Überwallung, die immer seine Schritte zum Ziele in Sprünge umsetzte und dadurch das ganze Ziel überrennte. – Viele Plane verunglücken, weil das Herz dem kopf nacharbeitet, und weil man beim Ende der Ausführung weniger Behutsamkeit aufwendet als beim Anfange derselben. Er sah seinen Geliebten an, die Flötenkehle der Nachtigall setzte den Text seiner Liebe in Musik, und unbeschreiblich gerührt sagte er: "Du Bester! dein Herz ist zu gut, um nicht von denen überlistet zu werden, die dich nicht erreichen. O wenn einmal die Schneide des Hof-Tons blutig über die Adern deiner Brust wegzöge" – (Flamins Miene sah wie die Frage aus: bist du denn nicht auch satirisch?) "o wenn der, der keine Tugend und Uneigennützigkeit glaubt, auch einmal keine mehr bewiese; wenn er dich sehr betröge, wenn die vom Hof gehärtete Hand einmal Blut und Tränen wie ein Zitronenquetscher aus deinem Herzen drückte: dann verzweifle doch nicht, nur an der Freundschaft nichtdenn deine Mutter und ich lieben dich doch anders. O wahrlich, zu der Zeit, wo du sagen müsstest: warum hab' ich nicht meinem Freunde gehorcht, der mich so warnte, und meiner Mutter, die mich so liebteda darfst du zu mir kommen, zu dem, der sich niemals ändert, und der deinen Irrtum höher schätzet als eigennützige Behutsamkeit; dann führ' ich dich weinend zu deiner Mutter und sage zu ihr: nimm ihn ganz, nur du bist wert, ihn zu lieben." – Flamin sagte gar nichts darauf. – "Bist du traurig, mein Flamin?" – "Verdriesslich!" – "Ich bin traurig; die Klagen der Nachtigall tönen mich wie künftige an", sagte Viktor. – "Gefällt dir diese Nachtigall, Viktor?" – "Unbeschreiblich, wie eine Freundin meines Innersten." – "So irret man, Mattieu singt", versetzte schnell Flamin. Denn der Evangelist unterschied sich von einer Nachtigall in nichts als der Grösse. – Und dann ging Flamin empfindlich und doch mit einem Handdruck davon.

6. Hundposttag

Der dreifache Betrug der Liebeverlorne Bibel und

PuderquasteKirchgangneue Konkordaten mit

dem Leser

Knefs Antwort ist elend: "Aus dem vom 6ten dieses von Ew. Wohlgeboren Erlassenen ersehe, dass das Publikum Geschmack hat und einige Feinheitwelches mich gar nicht wundert, da man solches den Goldplatten, die erst zwischen einem Buch von Pergament und dann zwischen zwei von Rindsblättern dünn und fein geschlagen werden, ähnlich behandelt und es ebenso von einem Buch ins andre tut und darin durch den Druck der Press-Bengel so fein macht wie Kavalierpapier. wenn es Publikum noch ein paar Jahre so fortlieset, so kanns zuletzt gescheiter werden als Deutschland selber. Anlangend die Unwahrscheinlichkeiten in unserem Werke, so wären dergleichen freilich mehre zu wünschen, weil ohne diese eine Lebensbeschreibung und ein Roman schlecht gefallen, da ihnen der Reiz fehlet, womit uns das deutsche Hospital- und Narrenschiff voll romantischer Originalromane so sehr anzieht welches Schiff als Absonderungdrüse widerlicher Werke mit Recht die Leber der gelehrten Republik genannt werden mag, und der Buchladen der Gallengang. Aber in Rücksicht der Unwahrscheinlichkeiten besorge selber nur gar zu sehr, dass auch die wenigen, worauf wir fussen, am Ende verschwinden. Der ich u.s.w."

Der Schäker, merkt man leicht, will nur mich und den Leser gern mit Hasenschwänzen behängen. Für mich aber ist es doch ein herrliches Dokument, dass ich das Meinige getan und an den Schelm geschrieben habe. –

Gewisse Menschen sind, wenn sie abends sehr warm und freundschaftlich waren, am Morgen sehr finster und kaltwie Maupertuis' Halbsonnen, die nur auf der einen Hälfte brennen, und die uns verschwinden, wenn sie die erdige vorkehren –; und waren sie kalt, so werden sie warm. Flamin vergass am Morgen entweder den warmen Abend oder die Nachtkälte. Heute ist das Kirchgangfest! – Droben bei Sebastian rückt' er, wie ein deutscher Polizei-Puritaner und Purist, mit Speiteufeln und Musketenfeuer aus gegen den Kirchganggegen Kindtaufschmäusegegen das Holzfällen zu Weihnachten und Pfingstengegen Feiertage und gegen allen Spass der Menschen.

Viktor wurde von unserm Jahrhundert durch nichts so erzürnt als durch dessen stolze Kreuzpredigten gegen unmodische Torheiten, indes es mit unmodischen Lastern in Subsidientraktaten steht. Er holte mit einem weiten Atem aus und bewies, dass das Glück eines Staates, wie eines Menschen, nicht im Reichtum, sondern im Gebrauche des Reichtums, nicht in seinem kaufmännischen, sondern moralischen Werte bestehedass die Ausscheurung des altertümlichen Sauerteigs und unsre meisten Institutionen und Novellen und Edikte nur die fürstlichen Gefälle, nicht die Moralität zu erhöhen suchten, und dass man begehre, die Laster und die Untertanen brächten, wie die alten Juden, ihre Opfer nur in einer Stadt, nämlich in der Residenzstadtdass die Menschheit von jeher sich die Nägel nur an den nackten Händen, nicht an den verhüllten Füssen, die oft darüber selber herunterkamen, beschnitten habedass Aufwand- und Prachtgesetze den Fürsten selber noch nötiger wären, wenigstens den höchsten Ständen, als den tiefstendass Rom seinen vielen Feiertagen viel von seiner Vaterlandliebe verdanke.... Flamin hatte