fern, fern vor der fleckigen Trauerbirke vorüber, die ihr abgerissenes Laub der welken Hülle des grossen Menschen nachwarf. Viktor konnte vor Schmerz nicht hinübersehen; aber ich blickte mit einem kalten Zittern nach ihrem Schwanken im heitern Nachtimmel. Erst seit einigen Tagen, wo Viktor glücklicher geworden war, hatte sich der Staub Emanuels gleichsam wieder in eine blasse Gestalt zusammengezogen und sich auf das Totengrün herausgestellt und die arme weit für seinen alten Liebling aufgetan – und Viktor jammerte und schmachtete und wollte vergeblich sich sterbend an den weissen Schatten pressen.
Er lächelte schmerzlich, da er uns und sich durch die Worte zerstreuen wollte: "Der närrische Mensch duckt (bückt) sich wie ein Vogel, wenn nur das Unglück von weitem auf ihn zugeht." Seine Tränen machten ihn zum Blinden, und ich und Flamin waren seine Führer, dennoch grüsste er in seinem Schmerze einen Nachtboten.
Ich habe nichts gesagt (denn ich kann nicht) vom Garten des Endes, von dem verblühenden Boden abgeblühter abgelaubter Freudentage.
Über die Stoppeln und über die Puppen der Nachtschmetterlinge (der Gaukler in künftigen Frühlingnächten) und über den festen unterirdischen Winterschlaf fuhren die einsamen Nachtwinde – ach der Mensch musste wohl denken: "Lüfte, kommt ihr nicht über Gräber her, über teure, teure Gräber?" –
Ich sagte: "Wie schmal ist der blassgrüne Zwischenraum von Erde zwischen Menschenleibern und Menschengerippen!" – Viktor sagte: "Ach die natur ruht soviel, und warum unser Herz so wenig?"
Es war gegen Mitternacht. Der Himmel blinkte näher an der Erde, der Schwan, die Leier, der Herkules128 schimmerten untergesunken durch ein anderes Himmelblau. grosser Himmel – sagte jedes Herz –, gehörest du für den Menschengeist, nimmst du ihn einmal auf, oder gleichst du nur dem Deckengemälde eines Doms, das die gemauerten Schranken verbirgt und mit Farben die Aussicht in einen Himmel auftut, der nicht ist? – Ach jede Gegenwart macht unsere Seele so klein, und nur eine Zukunft macht sie gross.
Viktor war ausser sich und sagte wieder: "Ruhe! dich geben weder die Freude noch der Schmerz, sondern nur die Hoffnung. Warum ruht nicht alles in uns wie um uns?"
Da schlug der von allen Wäldern nachgelallte Knall eines Schusses durch die stille Nacht – und die Insel der Vereinigung schwamm im Nachtblau auf, und ihr weisser Tempel hing über ihr – und neben dem Trauergebüsch, das über das Zerfallen eines jungen Herzens hinüberwuchs, schossen gegen Himmel neun schmale Flammen, die an den neun Flören aufliefen, gleichsam Freudenfeuer zu einem Friedenfeste.
Bleich, eilend, seufzend, schweigend berührten wir das erste Ufer der Insel. Das wasser war vom Boden trocken eingesogen. Das schwarze Morgentor hatte sich weit aufgerissen und seine weisse Farbensonne an Bäume gelehnt und verdeckt. Viele Leichenfackeln auf weissen Gueridons knüpften sich ans Morgentor an, gingen den langen grünen Weg hinein, flimmerten über Ruinen, Sphinxe und Marmortorsos und endigten sich dunkel im Trauergebüsch.
Flatterndes Getöne der Äolsharfen wurde am Eingang von langen Tönen durchzogen. Unter dem Morgentor ruhte still der Blinde und spielte froh auf seiner Flöte – so wie eine Taube in den Donner fliegt.
Er fiel freudig an seinen Viktor und sagte: "Es ist gut, dass du kömmst; ein stiller langer Mann hat sich eine halbe Viertelstunde an mein Herz gelegt und in meine Hand geweint und mir ein Blatt an dich gegeben."
Viktor riss das Blatt zu sich, es hiess: "Ihr alle habt geschworen, so lange meine Bitten zu erfüllen, bis ihr mich wieder hört; aber decket den schwarzen Marmor nicht auf." – Der Lord hatte' es dem blinden Sohne gegeben. Viktor rief: "O Vater, o Vater, ich konnte dir also nichts belohnen!" und sank an die Brust des Sohns. Er wollte sich von ihr reissen, aber der Blinde umklammerte ihn und lächelte freudig unwissend in die Nacht. – Wir eilten ins Trauergebüsch – und indem darin die zwei Leichenfackeln ausbrannten, so sahen wir, dass ein zweites Grab darin ausgehöhlt war, dessen frische Erde daneben lag – dass ein schwarzer Marmor die Höhle zudeckte, und dass das schwarze Kleid des Lords ein wenig aus der Höhle vorsah, und dass er sich darin getötet hatte. – Und auf seinem schwarzen Marmor stand, wie auf dem Marmor seiner Geliebten, ein blasses Aschenherz, und unter dem Herzen stand mit weissen Buchstaben:
Es ruht
Ende des buches
Fussnoten
1 Dessen sämtliche Werke. B. 3 S. 68 2 Ein Jude schied sich sonst von seiner Frau, wenn sie mit nackten Armen erschien; es ist aber schwer, die jetzigen häufigen Ehescheidungen in Paris daraus herzuleiten. 3 Er zielt auf den Essenkehrer seiner Perücken. 4 Im obern Elsass, wo alle drei Jahre bloss der beste Jüngling Kranz und Schaumünze und die Verwaltung der Aue empfängt. 5 Es ist bekannt, wie wenig ich vom Bergwesen verstehe; ich habe daher Ursache zu haben geglaubt, bei meinen Obern um einen Sporn anzuhalten der mich antriebe, dass ich in einer so wichtigen Wissenschaft etwas täte und so ein Sporn ist eine Berghauptmannstelle allemal. 6 Ausser den zwei Kaisern Silluk und Atnach und den vier Königen Sgolta, Sakeph Katon etc. bin ich weiter mit keinen umgegangen; und das nur als Primaner, weil wir Juristen mit Teufels Gewalt hebräisch lernen mussten; worin eben die gedachten sechs Potentaten als Akzente der Wörter vorkommen. Vielleicht krönten Akzente der Völker. 7 Ihre Ehre leidet z.