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, im polnischen Röckchen ist.

Ich komme zurück. Um 2 Uhr kam der Lord mit seinem blinden Sohn, gleichsam die Philosophie mit der Dichtkunst. Schöner, schöner Jüngling! die Unschuld hat deine Wangen gezeichnet, die Liebe deine Lippen, die Schwärmerei deine Stirne. Der Lord mit der Laudons-Stirne und mit einem heute mehr als in Hof verdunkelten schattigen Gesicht, an das die Flitterwochen der Jugend und die Marterwochen des spätern Alters vermischtes Helldunkel warfen, dieser trat heute fast wärmer zu uns, obwohl mit lauter Zügen des Gefühls, dass das Leben ein Schalttag sei und dass er nur die Menschenliebe, nicht die Menschen liebe. Er sagte, wir sollten ihm und dem Hofmedikus den Gefallen tun, letzten noch heute in Maiental zu besuchen und herzubringen, weil er hier ohne Augenzeugen noch allerlei Anordnungen für die Ankunft des Fürsten zu vollenden habe; wir sollten aber in der Nacht mit Viktor wiederkommen, weil unser Herr Vater morgen sehr frühe eintreffe. Der Blinde konnte als Blinder dableiben. Es fiel mir nicht auf, dass er dem guten verhüllten Julius verbarg, dass er sein Vater war, denn er sagte zwei- und dreideutig: "Da der Gute schon einmal den Schmerz, einen Vater zu verlieren, überstanden hat, so muss man ihn diesem Schmerze nicht zum zweiten Male aussetzen." Aber dies fiel mir auf, dass er uns bat, ihn für das, was er bisher für Flachsenfingen tun wollen, dadurch zu belohnen, dass wirs selber täten, und ihm eidlich zu versichern, dass wir in den Staatsämtern, die wir bekommen würden, seine kosmopolitischen Wünsche, die er uns schriftlich übergab, erfüllen würden, wenigstens so lange bis er uns wiedersähe. Der Fürst hatte' ihm dieselbe feierliche Versicherung geben müssen. Wir sahen zu ihm hinauf wie zu einem bewölkten Kometen und schwuren mit Trauer.

Wir traten den Weg nach Maiental an. Ein Engländer erzählte uns, dass er hinter dem Trauergebüschder Schlafkammer der Mutter des Blinden, der Geliebten des Lords, die unter einer schwarzen Marmorplatte ausruhteinen zweiten Marmor habe aufgestellt gesehen, den die anflatternden Flortücher überdecken sollten und doch nicht konnten. O da sah jeder von uns sich beklommen nach der Insel um, wie nach einer unterminierten Stadt, eh' sie zerrissen aufgeschleudert wird. – Aber meine sehnsucht, Viktor und Maiental, diesen Irr- und Blumengarten meiner wärmsten Träume, zu erblicken, übertäubte die Angst.

Endlich erstiegen wir den südlichen Berg, und das bunte Eden wuchs mit seiner Blätter-Fülle und mit dem Gewimmel seiner pulsierenden Zweige rauschend ins Tal hinabdrüben lag in Ästen wie ein Nachtigallennest Emanuels stille Hütte, in der jetzt mein Viktor warnäher an uns brauste die Kastanienallee, und oben draussen ruhte der abgemähte Kirchhof. – Mir, der ich alles dieses bisher nur im Traum der Phantasie gesehen, war jetzt wieder, als zögen Träume heran; und der undurchsichtige Boden wurde ein durchsichtiger voll Duft-Gebildeund ich sank voll Wehmut auf den Berg.... Ich ging endlich hinab wie in ein gelobtes Land, aber meine ganze Seele wickelte ein weicher Leichenschleier ein.

Und mein Viktor riss den Schleier weg und drückte seine warme Seele an meine, und wir schmolzen ein zu einem glühenden Punkt. – Aber ich will ihm nachher, wenn er wiederkommt aus der Abtei, noch einmal und noch wärmer an die Brust fallen und ihm dann erst meine Liebe recht sagen.... O Viktor, wie bist du so milde und so harmonisch, so veredelt und so erweicht, wie schön in der Freudenträne, wie gross in der Begeisterung! – Ach Menschenliebe, die du dem inneren Menschen das griechische Profil und seinen Bewegungen Schönheitlinien und seinen Reizen Brautschmuck gibst, verdopple deine Wunder- und Heilkräfte in meiner hektischen Brust, wenn ich Toren sehe, oder Sünder, oder unähnliche Menschen, oder Feinde, oder Fremde!

Viktor, der nie die Angst eines Menschen noch grösser machte, gab uns einige Beruhigung über den Lord. Er ging zu Klotilden ins Stift, um uns bei ihr und der Äbtissin anzumeldender späte Besuch wird durch die notwendigkeit der nächtlichen Zurückkehr entschuldigt. Bis er wiederkömmt, halt' ich mit meiner geschichte still. Ich sah ihm nach auf seinem Wege zur Braut, und seine Hand, sein Auge und sein Mund waren voll Grüsse für jeden, besonders für verschmähte Menschen, für Greise, für alte Witwen. Die Freude meines Helden wird die meinige; die Zeit arbeitet an dem schönen Tage, wo sein Herz auf immer mit dem verlobten verschmilzt, wo er, ohne ein Gelenke der entzweigeschnittenen Floh- und Affenkette des Hofes, frei durch die natur geht, nichts ist als ein Mensch, nichts macht als Kuren statt der Cour, nichts liebt als die ganze Welt und zu glücklich ist, um beneidet zu werden. Dann will ich einmal, mein Bastian, abends im Mondschein unter Linden-Dampf und Linden-Gesumse bei dir essen und mich auf den Ballen gerade ausgepackter abgedruckter Hundposttage setzen. übrigens bin ichob ich mir gleich mein eigenes Ich sitzen liess, um seines abzufärbennur ein elender zerflossener ausgewischter Schieferabdruck von ihm, nur eine sehr freie paraphrasierte Verdolmetschung von dieser Seele; und ich finde, dass ein gebildeter Pfarrsohn im grund besser ist als ein ganz ungebildeter Prinz, und dass die Prinzen nicht wie die Poeten geboren werden, sondern gemacht.

Ich hoffe, ich habe so lange Materie