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, webte er sie doch in die Schlüsse aus der Abstammung künstlich ein. So sagt' er z.B., niemand habe um das wichtige Geheimnis gewusst als die Lady und Klotilde und Emanuel, dessen heilige, alles mit dem tod beschwörenden Dokumente er ihm hier neben andern für die Kinder gebe; bloss ein gewisser Hofjunker habe während der Blindheit von fünf Geheimnissen eines entwendet und gemissbraucht. Der Lord zerfaserte diese Fallstrick-Seele nicht, da sie, wie er sagte, zu unbedeutend zur Genugtuung, zu schwarz gebeizet zur Strafe sei, und da er selber ohnehin bald aus diesen Gegenden auf immer komme. Kurz, er griff so mit seiner Allmacht den Fürsten an und zog so rein der Vergangenheit alle Schleier ab, dass er diesen fast zwang, statt zu verdammen oder loszusprechen, bloss abzubitten und Anklage und Misstrauen mit Dankbarkeit zu vertauschen. Das einzige Gute, endigte Lord Horion, was der Junker getan, sei, dass er durch seine Säemaschinen des Unkrauts die grosse schöne Erkennung gerade auf eine Monatzeit gereift und beschleunigt habe, worin die Fruchtschnur der fünf Schultern (die Muttermale) in Blüte stehe. Der Fürst wurde trotz des fremden Eises geschmolzen, denn seine väterliche Liebe war mit neuen Schätzen bereichert. Doch mischt' er in seinen Dank diesen feinen Vorwurf wegen Viktors vorgeblichen Adel: "Ich bin voll Dankbarkeit für Sie, ob Sie mir gleich zu bald die gelegenheit nehmen, sie zu zeigen. Bisher freuet' ich mich, dass ich wenigstens an dem Sohne beweisen konnte, wie sehr ich dem Vater, wenn nicht dankbar, doch verbunden wäre. Aber Sie kennen meinen Irrtum." Der Lordjetzt biegsamer durch den Siegversetzte: "Ich weiss nicht, ob mich gute Absichten und schlimme Verhältnisse entschuldigen; aber ich konnte nur einen Menschen für würdig halten, Ihr Leibarzt zu sein, den ich für würdig erkannte, mein Sohn zu sein." – Der Fürst umarmte ihn aufrichtig; der Lord erwiderte es ebenso warm und sagte: am 31sten Oktober (der ist heute, und gestern sagte er es) woll' er seine redlichen Gesinnungen gegen den Fürsten auf eine Weise besiegeln, die mehr als alle Worte entscheide – –

Edler Mann! Du verzehrst nichts weiter auf der Erde als dich und bist ein Sturmvogel, durch dessen Fett ein Docht des Leuchtens gefädelt ist und den jetzt sein eigenes Licht ausbrennt und verkohltmir ahnet, als wenn deine schöne Seele bald auf einer andern, auf einer höhern Insel der Vereinigung sein werde als auf dieser irdischen!

Ich schreibe dieses den 31sten Oktober vormittags um 10 Uhr auf der Insel.

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Abends um 6 Uhr in Maiental

Womit wird dieses Buch noch enden? – mit einer Träne oder mit einem Jauchzen?

Der Doktor Fenk warf bis um 2 Uhr (wo der Lord erst kommen wollte) den Koch- oder Lumpen-Zucker der Laune auf unsere Minuten und Schmerzen; sein närrisches rotes Gesicht war das violette Zuckerpapier der Süssigkeit. Mein guter Viktor war mit Klotilden in Maiental. Fenk lachte mich in einem fort aus als einen Dauphin. Er macht viel Gleichnisse, er sagt: ich bekäme erst am Ende eines buches und der ganzen Komödie den rechten Titel' wie man den Journalen den Haupttitel erst im letzten Heft beidrucktoder ich avanciere, gleich einem Schachbauern, erst auf dem letzten feld zu einem Offizier. Es ist mir aber aus der geschichte recht gut bekannt, dass in Frankreich schon unter Ludwig XIV. das jetzige Gleichheitsystem, obwohl erst für Prinzen, da war, die der König gleichmachte, sie mochten als Mestizen oder Kreolen oder Quarteronen127 oder Quinteronen oder Eingeborne des Trons ans Leben ausgestiegen sein. Da man nun ebensogut in Deutschland neue gesetz und Novellen der Reichsgesetze hervorzubringen vermag als ausser den Grenzen desselben: so könnt' es ja bei meinen Lebzeiten geschehen, dass legitimierte Prinzen für tronfähig erklärt würdenwodurch ich freilich zur Regierung käme. Gut wär's für Flachsenfingen, wenn es geschähe, weil ich mir vorher die besten französischen und lateinischen Werke über das Regieren kaufen und es darin so studieren will, dass ich nicht fehlen kann. Ich glaube, ich darf mir vorsetzen, das arme Menschengeschlecht, das ewig im ersten April lebt und das nie vom Gängelwagen steigtbloss mehre Räder werden dem Wagen angesetzt –, ein wenig auf die Beine zu bringen durch meinen Zepter. Sonst war ein Edelmann und das Pferd eines englischen Bereiters imstande, den Hut abzuziehen, ein Pistol loszuschiessen, Tabak zu rauchen, zu wissen, ob eine Jungfer in der Gesellschaft war u.s.w.; jetzt aber haben sich Pferd und Edelmann durch die Kultur so voneinander getrennt, dass es eine wahre Ehre ist, letzter zu sein, und dass es meinem Adel nichts schadet (ob ichs gleich anfangs besorgte), dass ich mehr als gemeine Kenntnisse habe. In unsern Tagen sind die adeligen Vorderpferde nicht mehr so weit wie vor hundert Jahren vor den bürgerlichen Deichselpferden am Staatswagen vorausgespannt; daher ist es Pflicht, wenigstens Klugheit (auch für einen neuen Edelmann wie ich), dass er (oder ich) sich herablässet und das Gefühl seines Standeswarum soll mir das nicht so gut gelingen wie andern? – unter die Verzierung einer gefälligen leichten Lebensart versteckt, und sich überhaupt auf keine Ahnen etwas einbildet als auf die künftigen, deren sämtliche Verdienste ich mir nicht gross genug denken kann, weil die Erde noch blutjung und erst im Flügelkleide und, wie Polen