1795_Jean_Paul_049_288.txt

." Eh' ich sie anschauete, eh' ich sie anredete: fiel ich gern mit ausgebreiteten Armen zwischen drei Herzen, die ich nicht kannte, und vergoss Tränen an einem vierten, das ich nicht kannte, und hob endlich, nicht fragend, sondern beglückt, die Augen von den unbekannten Herzen auf in ihr Angesicht, und unter dem Anschauen sagte hinter mir mein geliebter Doktor Fenk: "Du bist der Bruder Flamins, und diese drei Engländer sind deine leiblichen Brüder."... Die Freude zuckte durch mich wie ein Schmerzich drückte mich stumm an die Lippen der vier Umarmten und Umarmendenaber ich stürzte dann an den ältern Freund und stammelte: "Guter lieber Fenk! sag mir alles! Ich bin zerrüttet und bezaubert von Dingen, die ich doch nicht fasse."

Fenk ging lächelnd mit mir wieder zu den vier Brüdern und sagte zu ihnen: "Seht, das ist der Monsieur, euer fünfter, auf den sieben Inseln verlorner Bruder und euer Biograph dazunun hat er endlich sein 45stes Kapitel erwischt." – Da wandte er sich an mich: "Du siehst doch," (sagt' er) "dass das die Insel der Vereinigung istdass die Drillinge hier die drei Söhne des Fürsten sind, die unser Lord bringen wollte. – Deinetwegen, weil du schon lange von den sieben Inseln weg bist, ist er durch alle Marktflecken und um alle Inseln von Europa gefahren. Endlich schrieb ich ihm"....

"Du bist gewiss auch" (unterbrach ich ihn) "mein Korrespondent mit dem Hund gewesen." –

"Fahr nur fort", sagt' er.

"Und Knef ist der umgekehrte Fenkund hast dich bei Viktor für einen Italiener, der kein Deutsch kann, ausgegebenund ihm den ganzen Tag seine eigne Konduitenliste für den Lord abgeschrieben, und für mich im grund auch, um sein und mein Spion zu sein." –

"So ist esund habe also" (sagt' er) "dem Lord auch geschrieben, dein französischer Name Jean Paul mache dich verdächtig, und da du noch dazu selber nicht weisst, wo du her bist, und dazu gerechnet dein närrisches Stück Lebensweg, der wie in einem englischen Garten nicht eine Meile lang geradeaus geht" – –

"Der Biograph", sagt' ich, "sollte überhaupt sein eigner sein.126" –

"jetzt wird mir es unbegreiflich, wie ich nur nicht gleich darauf fallen können; denn deine Ähnlichkeit mit Sebastian, die der fünfte Sohn des Fürsten haben sollte, merktest du längst selberund dein StettinerDosenstück auf dem Schulterblatt, das die Herren da alle aufhoben, und das der Lord vorgestern selber unter deinem Verbande angesehen."

"So, so!" (sagt' ich) "Deswegen bekam also euer Biograph die Falkenhaube, die Rückenwunde, den hübschen Rappen, und der Fremde in Hof war der Lord?" –

Kurz bei allem diesen hatte der Lord sich gar völlig überzeugt, dass ich der sei, den er so lange gesucht; denn vorher hatte er schon lange das Schreiben von Fenk durch funfzehn hände erhalten, indem es von Hamburg oder auch aus dem land Hadeln nach Ziegenhain in Niederhessen lief, dann in die herrschaft Schwabeck, dann in die Grafschaft Holzapfel, nach Schweinfurt, nach Scheer-Scheer und doch wieder zurück nach ** und nach *** und endlich nach Flachsenfingen, wo er es erst erhielt: dort, in der Insel der Vereinigung, war er lange versteckt gewesen, bis ihn das Schreiben, der endigende Oktober, der die Muttermäler gleichsam mit roter Dinte unterstrich, und am meisten die drei aus St. Lüne verwiesenen Briten, die auf der Insel ausstiegen, nach Scheerau oder vielmehr nach Hof im Voigtland abzureisen zwangen. Hier musst' ich ihm nach einer Verabredung mit dem italienischen Bedienten, d.h. mit dem Doktor Fenk, derenwegen er mich eben aus meiner Insel dem 45sten Kapitel nachschickte und deren Wiederholung in dem vom Blinden aufgefangnen, nun entzifferten Billet vorkam, natürlich begegnen, und mein altes Gesicht, das er sofort mit einem jüngern Nachstich vom fünften Fürstensohne zusammenhielt, warf sogleich im "Habergässchen" über alles das reichlichste Licht.

Sobald er das wusste, liess er mich allein hinter meiner Bienen- Blechkappe und Mosis-Decke fahren und eilte voraus zum Fürsten gerade eine Minute früher, eh' eszu spät war. Denn Mattieu hatte alles verraten; und die Drillinge wollte man eben aus der Insel, worein sie geflohen waren, und unsern Viktor aus seiner Mutter haus, worin er schon Hof und Adel über Patienten und Wissenschaften und Braut vergessen hatte, abholen zum Verhaft, als der Lord sich bei dem Fürsten melden liess. Der Fürst fürchtete von ihm, wie Cäsar von Cicero, überredet zu werden. Der Lorddessen Seele ohnehin eine petrographische Karte erhabener Ideen warverwirrte die Massregeln des Fürsten durch einen kühnern Trotz, als die Massregeln berechnet hatten. Er fing mit der Nachricht an, dass er nicht bloss einen Sohn dem Fürsten bringe, sondern alle, welches letzte er darum nicht versprochen habe, weil er nicht wissen können, inwiefern ihn das Schicksal vielleicht verlasse oder trage. – Er drang dem Fürsten eine lange kalte Rede auf, worin er ihm den Studienplan der fünf Söhne und ihre Entwicklung, geschichte und Bestimmung vorlegte. Indem er die Beweise ihrer Abstammung vorauszusetzen schien