Samen ziehen und ihn dann versäen." – Einem Kandidaten (einem akademischen Stubenkameraden von mir) gaben diese zwei Bemerkungen Anlass zu zwei recht guten Teilen in einer Nachmittagpredigt: im ersten Teile zeigte er seinen Höfern aus der Epistel, dass sie einander in der flüchtigen Lufterscheinung des Lebens nicht raufen, sondern recht lieben sollten, ohne Rücksicht auf die Nummern der Häuser – und im zweiten Pars tat er dar, sie sollten sich im kurzen abnehmenden Lichte des Lebens von Zeit zu Zeit einen und den andern Spass machen.....
Als ich kaum einige Stunden – Tage – Wochen gefahren (denn die Wahrheit sag' ich nicht) und gegen Mitternacht in meinem Wagen bergauf in einem dikken Forste eingeschlafen war: so stürzten zwei hände, die von hinten durch das Rückenfenster sich hereingearbeitet hatten, eine Bienenkappe über meinen Kopf, schnallten sie hurtig um den Hals mit einem Vorlegschloss, verschränkten und verdeckten meine Augen, und mich selber ergriffen, hielten und banden zehn bis zwölf andere hände. Das Schlimmste bei so etwas ist, dass man denkt, man werde totgeschlagen und von seinen Juwelenkästchen entblösst; nun kann man aber einen Autor, der sein Buch noch nicht hinausgemacht hat, nicht ärgerlicher und verdriesslicher machen, als wenn man ihn erschlägt. Kein Mensch will in einem Plane sterben; und doch trägt jeder zu jeder Stunde des Tages zugleich aufknospende, grüne, halb reife und ganz reife Plane. Ich suchte also mein Leben mit einer Tapferkeit zu verfechten – weil mir ums 45ste Kapitel und dessen Kunstrichter zu tun war-, dass ich – ich kann es sagen – vier bis fünf Prinzenräuber leicht übermeistert hätte, wär' es nicht ein halbes Dutzend gewesen. Ich streckte das Gewehr, behauptete aber das Schlachtfeld, nämlich das Kutsch-Kissen, und merkte überhaupt, dass man den Berghauptmann nicht sowohl tot machen wollen als blind. Es wurde noch abenteuerlicher – mein eigner Kerl wurde nicht vom Trone seines Bocks gestürzt – mein Wagen blieb auf dem Wege nach Flachsenfingen – zwei Herren setzten sich zu mir hinein, die, nach ihren Mädchenhänden zu urteilen, von stand waren – und noch sonderbarer, es boll ein Hund, der, dem Bellen nach, als Messhelfer und Mitmeister an diesem gelehrten Werke gearbeitet hatte.
Wir soupierten und goutierten unter freiem Himmel. Hier wurde mir ein chirurgisches Ordenband auf blossen Leib umgetan, weil ich unter den Viertelschwenkungen und Hand-Evolutionen meiner Gegenwehr unglücklicherweise mein Schulterblatt in eine Degen-Spitze getrieben hatte. Essen konnte' ich recht gut, weil das blecherne Kanarienbauer-Türchen an meiner Bienen- kappe weit aufgedrehet war. O lieber Himmel! wenn das Publikum den Verfasser der Hundposttage hätte seine Esswaren in die aufhängenden Torflügel von Blech einschieben sehen: er wäre vergangen vor Scham! – Unter dem Essen lockte ich den Hund mit dem Namen "Hofmann!" zu mir: er kam wirklich; ich fühlte ihn aus, ob an seinem Halse kein 45stes Kapitel hinge – er war leer.
Nach einem langen Wechsel von Fahren – Essen – Schweigen – Schlafen – Tagen – Nächten wurde' ich endlich in eine See gesetzt und so lange herumgefahren (oder kams von einem Schlaftrunk), bis ich schlief wie eine Ratte. Was darauf geschah: mach' ich – so wunderbar es immer ist – erst bekannt, wenn ich die Bemerkung ausgeschrieben habe, dass die grosse Freude und der grosse Schmerz die edlern Neigungen in uns beleben und verjüngen, dass aber die Hoffnung und noch weit mehr die Angst den ganzen Wurmstock elender Begierden, den Infusionslaich kleiner Gedanken anbrüten und auseinanderringeln und ins Nagen bringen – so dass also der Teufel und der Engel in uns eine ärgere Parität ihrer zwei Religionen, als selber in Augsburg bei zwei andern ist, zu erhalten wissen, und dass jede von den zwei Religionparteien im Menschen ebensogut ihren eignen Nachtwächter, Zensor, Wirt, Zeitungschreiber besoldet als, wie gesagt, in Augsburg....
– Ich hatte die Augen noch geschlossen, als ein Lispeln, von tausend Gipfeln weitergewirbelt, mich umschwamm, das getriebene Luftmeer zog durch enge Äolsharfen und schlug daran Wellen, und die Wellen überspülten mich mit Melodien – eine hohe Bergluft, von einer vorüberschiessenden Wolke herzuschlagend, fuhr wie ein Wasserstrahl kühl an meine Brust – ich öffnete die Augen und dachte, ich träumte, weil ich ohne die eiserne Maske war – ich war an die fünfte Säule auf der obersten Stufe eines griechischen Tempels gelehnt, dessen weissen Fussboden die Gipfel taumelnder Pappeln umzingelten – und die Gipfel von Eichen und Kastanien liefen nur wie Fruchtecken und Geländerbäume wallend um den hohen Tempel und reichten dem Menschen darin nur bis an das Herz. –
Ich muss ja diese wühlende Gipfelsaat kennen, sagt' ich – dort hängen Trauerbirken die arme – da draussen knien Stämme vor dem Donner, der sie getroffen – flattern nicht neun Flöre und zerstäubte Springbrunnen in gefleckten Zweigen durcheinander? und die Gewitter haben hier ihre Ableiter als fünf eiserne Zepter in die Erde gepflanzt. – Das ist doch gewiss ein Traum von der Insel der Vereinigung, die so oft bisher den Nebel des Schlafs mit Strahlen durchschnitten und himmlisch und ziehend meine Seele angeschimmert hat. – –
Es war aber kein Traum. Ich stand von der Stufe auf und wollte in den griechischen durchhellten Tempel, der bloss aus einem griechischen dach und aus fünf Säulen und der ganzen um ihn gelagerten Erde bestand, eintreten, als mich acht arme umfassten und vier Stimmen anredeten: "Bruder! – wir sind deine Brüder