gegen das Verschlagen einbekamen. Der Fremde – der ungefähr so viel Jahre haben mochte als dieses Buch Tage – war schwarz gekleidet, lang, ehrwürdig, reich (nach der Equipage zu urteilen) und männlich gebildet. Sein heller und fixierter blick lag wie ein Brennpunkt zündend auf den Menschen – sein Gesicht war fein und kalt – auf seiner Stirne stand die lotrechte Sekante als der Taktstrich der Geschäfte, als Ausrufzeichen über die Mühen des Lebens – mit bleichen waagrechten Linien war dieser Taktstrich rastriert, beide Arten von Linien waren gleichsam als Zeichen in die zu hohe Stirne eingeschnitten, wie hoch das Tränenwasser der Trübsal schon an dieser Stirne, an dieser Seele aufgestiegen sei. "Ich wollte den Lord Horion" – dachte' ich – "anders geschildert haben, wenn mir dieses Gesicht eher vorgekommen wäre." Vielleicht denkt der Leser, das war der Lord selber.
Als der Engländer mein Terzett von Schweissfüchsen erblickt hatte: ging er gerade auf mich zu und leitete ein Tauschprojekt ein und wollte meinen Fuchs gegen einen Rappen einwechseln. Er hatte die Phantasie der vornehmen Russen, mit einem ordentlichen Zento ungleichfärbiger Pferde zu fahren – so wie er die schönere Sitte der Neapolitaner hatte, ein freies lediges Pferd wie einen Hirsch neben dem Wagen hertanzen zu lassen –; daher, des Ross-Quodlibets halber, wollt' er meinen elenden Fuchs erstehen, der, die Wahrheit zu sagen, nirgends sein eigenes Haar trug als hinten auf dem Bürzel. Ich sagte es ihm geradezu – um ihm keinen Argwohn eines Eigennutzes und einer Absicht zu lassen –: "meine drei Füchse sähen wie die drei Furien aus und stellten die drei Kavitäten der Anatomie ein wenig vor; bloss der Schweissgaul, den er wolle, sei herrlich gebauet, besonders um den Kopf herum, und ich verlör' ihn ungern gerade jetzt, da mir der Kopf erst recht einschlagen will." – "So?" sagte der Brite. "natürlich," sagt' ich, "denn ein Pferdekopf ist das beste Mittel gegen Wanzen, und der muss nun bald, wie eine reife Pflaume, vom Gaul abfallen – den Kopf kann ich in mein Bettstroh tun." Der Engländer lächelte nicht einmal; unter dem ganzen Handel regte er keinen Finger, keine Miene, keinen Muskel. Erst als ich selber gesagt hatte: "Wenn nur die drei Parzen so lange auf den Beinen bleiben, bis ich das 45ste Kapitel abgeholt habe auf der Achse", so fiel es mir auf, dass er mich auf eine entfernte Art mehr zu studieren und auszufragen getrachtet als den Schweissfuchs – und ich geriet auf die Hypotese, ob er nicht gar den ganzen Rosstausch nur zum Deckmantel seiner verdächtigen Ausforschfragen gemissbraucht habe.
Der Leser lese nur weiter! – Der Engländer fuhr mit meinem Fuchs-Muskelnpräparat davon – und ich später hintennach mit dem Rappen, der so stark, schwarz und gleissend war wie der alte Adam des Menschen.
Aber ich muss erst sagen, was ich in Hof wollte; – zueignen wollt' ich. Anfangs sollte jedes dieser Heftlein einer Freundin zugeeignet werden; aber ich musste besorgen, es würde mich gereuen, weil ich mich jeden monat mit einer andern – mit allen auf einmal nie – zu zanken pflege. Ich möchte wissen, unter welcher geographischen Breite der Mann läge, der nicht mit seiner Freundin tausendmal öfter keifte als mit seinem Freund. Der Lebensbeschreiber musste also aus Not – weil er zu veränderlich ist – mit seinen vier Heftlein quer aus dem goldnen Löwen über die Gasse ziehen und zu dem einzigen ins Haus gehen, gegen den er sich nicht ändert und ders auch nicht tut, und zu ihm sagen: "Hier, mein lieber guter Christian Otto, eigne ich dir wieder etwas – vier Heftlein auf einmal – hübsch wär' es, wenn du jedes wieder an die Deinigen dediziertest, dreie langen gerade zu, und deines bleibt dir auch – ich reite nun dem 45sten Kapitel nach, und du schneide und raupe indes an den 44 andern Rabatten so viel ab, als du willst."
Und hier, mein Treuer, musst du das letzte Kapitel auch gar haben, und ich setze nur noch dazu: "Diesen Hesperus, der als Morgenstern über meinem frischen Lebensmorgen steht, kannst du noch anschauen, wenn mein Erdentag vorüber ist; dann ist er ein stiller Abendstern für stille Menschen, bis auch er hinter seinem Hügel untergeht."
Da alle Briefe an mich, wie bekannt, in der emsigen und etwas grämlichen Stadt Hof abgegeben werden; und da überhaupt viele Reisende sie passieren: so kann man mir schon den kleinen Platz zu zwei Bemerkungen vergönnen, welche die Stadt über die Stadt selber gemacht. Die Höfer bemerken nämlich alle und tadelns, dass sie sich nicht recht zusammengewöhnen können; wir sollten uns sämtlich, sagen sie' einander recht gut ausstehen können und schon dadurch des grossen Montesquieu Bemerkung widerlegen, dass der Handel Völker verknüpfe und Einzelwesen zertrenne. Zweitens werfen es alle einander vor, dass sie von Jahr zu Jahr weite Düten voll Balsaminen-, Rosen-, Klee- und Liliensamen und hohe Schachteln voll herrlicher Apfelkerne (besonders Kerne von Herrenäpfeln, Violenäpfeln, Adams- und Jungfernäpfeln und holländischen Ketterlingen) in Menge antauschten und aufschütteten und in Winterhäusern aufspeicherten – – dass sie aber von diesem Gesäme wenig oder nichts versäeten oder aussteckten: "Im Alter", sagen sie, "sollen uns gute Früchte und Blumen zupasse kommen, wenn wir aus den jetzigen recht viel