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vorigen Kapitels weggelassen, hier auf meine Noten setzen. Es ist lauter verdrüssliches Zeug, was ich hier noch nachzuholen habe, und eben jene Knarrtöne können wieder eine neue Lauwine herabwerfen und neuen Unfug stiften. Es ist nur dumm, dass so das Buch aus und doch nicht aus ist, da der Hund von einemHund ganz unerwartet weg ist, wie Schnupftabak.

Die stiefmütterliche Kammerherrin, die vom biographischen Geister- und Körperbanner seit langem aus diesen Blättern landesverwiesen ist, war bei der Ankunft der Lady aus sehr natürlicher Antipatie wegmarschiert auf ein kleines Landgut. Reise zu, du bist ohnehin meine Amancebada nicht! – Mattieu war im vorigen Kapitel nach seiner alten Kühnheit unter lauter Widersachern seines dunkelbraunen Ich ein wenig dageblieben; und sass im schloss, als die glückliche Prozession aus dem Garten einzog. Er wusste noch nicht, dass der Hoffmann Viktor wahrhaftig nichts ist als ein blosser platter Pfarrsohn. Anfangs setzte er den antiken Spass seiner Lieberklärung gegen Agaten fort und reizte den Pfarrer zu Komplimenten und Dankadressen für die Dienste an, die er allen heute erwiesen. Als er aber zu viel Gleichgültigkeit gegen seine kalte Bosheit vorfand, benahm er seiner Verachtung die Zweideutigkeit. Überhaupt war sein Herz aufrichtig und stellte sich lieber boshafter als tugendhafter an, als es war; er hasste eine Verstellung, wodurch sich mancher Höfling leicht jene Miene des Tugendhaften gibt, die am besten durch Lavaters Bemerkung zu erklären ist, dass der Zornige auf seinem Gesicht die Mienen dessen, den er hasset, bekomme.

Endlich erriet Mattieu die Geheimnisse, und der Pfarrer bestätigte sie ihm. Ein solches wasser für seine Schneide- und Sägemühle, auf der er Menschen für sein Trongerüste zurechtschnitt, war noch nie auf ihn zugeflossenwenn er dieses neue Falsum, diesen neuen entsetzlichen abscheulichen Betrug, den der Lord dem Fürsten gespielt, dem Fürsten vorträgt: so mussschliesset erJenner ausser sich kommen vor Erstaunen über Lord Horions Lügen und über Mattieus Wahrheiten. – Jetzt hielt er es für Pflicht, zu lächeln zwar, aber nicht mehr schadenfroh wie Matz, sondern ordentlich verachtend, wie ein Hof-Lehnmann soll; auch fühlte er, wie sehr es unter seiner Würde sei, sich länger in dieses bürgerliche Quodlibet, ohne es doch zum Narren zu haben, mit einquirlen zu lassen. Er ging mitinum die Neuigkeit aus seinem Säetuch in gutes Land auszuwerfennach einem kurzen, aber aufrichtigen Glückwunsche zur Vermählung noch dieselbe Nacht an den Hof zurück – – – und der Teufel folgte ihm als Kammermohr anständig hinterdrein.

Ich wollte, der Spitzbube täte keinen Tritt mehr in meine biographische Schreibstube und casa santa; er ist sich so vieler unmoralischer Hülfquellen bewusst, dass er ordentlich im Kraftgefühl derselben mit den Sünden spielt und immer einige mehr wagt, als er braucht; so wie er z.B. in der Maientaler Allee mit der stimme der Nachtigall aus blossem Übermut Viktor und Klotilde in seine Nähe lockte, obgleich Flamin beide ohne jene Philomelenmaschinerie hätte belauschen können. Von dieser Seite wünsch' ich fast gar nicht mehr, dass der Postund weiter kommt; ich muss zu sehr besorgen, dass Mattieu neuen Krötenlaich und eine neue Essigmutter des Elends an die Wärme Jenners bringt, damit sie neues giftiges scharfes Unglück aushecke; denn er wird es gewiss höchsten Orts berichten, dass die drei Engländer sich in die Insel wie in eine Katakombe versteckendass Flamin sich ihnen zugeselledass Viktor bisher einen Fürsten belogen, dessen Untertan er seinoch anderer Dinge zu geschweigen, welche die ministerialische Spionin und Kammerherrin von Le Baut mitteilt und sein so antiklubistischer Vater schwarz färbt, und die jene zeichnet und dieser koloriert. Und wenn ich bedenke, dass in dieser Lebensbeschreibung ein kleines Unglück immer die Eierschale und das Eiweiss eines grossen war: so bin ich sehr geneigt zu glauben, dass der Ausdruck des Pfarrers am 21. Oktober mehr Witz als Wahrheit entalte: "dass sie gegenwärtig alle statt des Tränenbrots den Brautkuchen der Freude anschnitten."... Ihr guten Menschen! worin mag jetzt in dieser Minute euer Busen auf- und niedergehen, im weichen dünnen Äter der Freude oder im GewitterBrodem der Angst? –

Nachtrag zum Nachtrag

Ich habe hierzu, während sich die erste Auflage vergriff, einige recht interessante Umstände für die zweite erfahren. Julius umhalsete im Garten seinen Viktor recht fest und sagte: "Ich bin sehr froh, dass ich wieder da binich war den ganzen Tag so allein und hörte keinen Menschendein italienischer Bedienter ist ganz fortgelaufen." In Viktor stieg über diese unerklärliche Entweichung eines treuen glücklichen Dieners, wenn nicht eine Gewitterwolke, doch ein Nebel auf. Die stille Marie hatte dem Blinden die Dienste des Flüchtlings emsig getan. "Ich hätte dem Italiener gern vorher seinen Brief gegeben," (fuhr Julius fort) "aber da hab' ich ihn noch." Viktor besah ihn und fand voll Erstaunen die Adresse von der Hand desLords. Der Brief wurde einige Minuten nach des Menschen Flucht an den Blinden mit der Bitte abgereicht, ihn niemand als dem Welschen zu geben. Wiewohl Flamin und die Lady und die Pfarrerin versprachen, das Erbrechen des Briefes zu verantworten: so ging Viktor doch an diese Auflösung einer neuen Scharade seines Lebens ungern; denn Klotilde schwieg dazu. Hier ist die vidimierte Kopie:

"Sie haben recht. Aber reisen Sie nicht erst morgen, sondern auf der Stelle zum Mr.***. Der Ort bleibt . Aber VI sind notwendig