1795_Jean_Paul_049_283.txt

Auge schwamm die Frage der wehmütigen Liebe: "Bist du noch unglücklich? hab' ich noch dein Herz? Warum ist dein Auge benetzt, warum deine stimme gebrochen?" – Viktor erwiderte mit ebensoviel Zärtlichkeit als Anstand, indem er sich gegen die Lady wandte: "Sie konnten an keinem schönern Tage Ihren Sohn wiederfinden als am Geburttage Ihrer Tochter."....

Daran hatte in den bisherigen Wirbelwinden keiner gedacht. Welches frohe Chaos! Welch eine herzliche liebende Sprachverwirrung von glückwünschenden Improvisatoren! Welch ein gerührter Augendank Klotildens für ein so verbindliches Gedächtnis!

Man zog trunken durch den kühlen Garten in das Schloss. O, wenn Schwesterliebe, Kindesliebe, Mutterliebe, Geliebtenliebe und Freundschaft nebeneinander auf den Altären brennen: so tut es dem guten Menschen wohl, dass das Menschenherz so edel ist und den Stoff zu so vielen Flammen verwahrt, und dass wir Liebe und Wärme nur fühlen, wenn wir sie ausser uns verteilen, so wie unser Blut uns nicht eher warm vorkömmt, als bis es, ausserhalb den Adern fliessend, im Freien ist. – O Liebe! wie glücklich sind wir, dass du, von einer zweiten Seele angeschauet, dich wiedererzeugst und verdoppelst, dass warme Herzen warme ziehen und schaffen wie Sonnen Planeten, die grösseren die kleinern und Gott alleund dass selber der dunkle Planet nur eine kleinere, überzogene, eingehäusige Sonne ist.... Alle Seelen standen heute hoch auf ihrer Alpe und sahenwie auf einer physischenden Regenbogen des Menschenglücks als einen grossen vollendeten Zauberkreis zwischen der Erde und der Sonne hängen. – Im schloss bat die Lady ihre Tochter, allein in das dunkle Zimmer der Mundharmonika zu gehen, sie woll' ihr das Angebinde des Wiegenfestes geben. Klotildens Auge nahm vom bleibenden Freund mit einem zweiten Dank für seine Seele einen zärtlichen Abschied.

Nach ihrer Entfernung gab ihm die Lady einen Wink, mit ihr hinter den andern nachzubleibenda sank er gern vor Klotildens Mutter, die um ihre Einwilligung in seine Liebe noch nicht gebeten war, mit den Worten auf das Knie: "Wenn Sie meine Bitte nicht erraten: so hab' ich nicht den Mut, sie anzufangen." Sie hob ihn auf und sagte: "Bitten, die so stillschweigend geschehen, werden ebenso still erfülltaber jetzt kommen Sie lieber und sehen zu, womit ich meine Tochter beschenke." – Aber er musste erst lange die Hand benetzen und küssen, die ihm den Lindenhonig eines ganzen Lebens reichen will.

Beide gingen nun in diesem aus dem tausendjährigen Reiche herübergeschickten Abende ins dunkle Zimmer zur Tochter. Warum entflossen Klotilden Tränen vor Wonne, noch eh' die Mutter sprach? – weil sie schon alles erraten konnte. Die Mutter führte den Geliebten an die Geliebte und sagte zur Braut: "Nimm hin das Angebinde deines Festtages. Wenige Mütter sind reich genug, ein solches zu gebenaber auch wenige Töchter sind gut genug, es zu erhalten." – Das Brautpaar wurde vom Druck der schweren Wonne, des grossen stummen Dankes vor ihr niedergedrückt auf die Knie und teilte sich in die zwei wohltätigen hände der Mutter; aber diese zog sie sanft aus fremden weg und legte den Liebenden die ihrigen ineinander und schlüpfte davon mit dem Laute: "Hieher will ich unsre Gäste bringen!" – –

– O ihr zwei endlich beglückten, nebeneinander knienden guten Seelen! wie unglücklich muss ein Mensch sein, der ohne eine Träne der Freudeoder wie glücklich einer, der ohne eine Träne der sehnsucht euch sehen kann jetzt stumm und weinend einander in die arme fallennach so vielen Losreissungen endlich verknüpftnach so vielen Verblutungen endlich geheiltnach tausend, tausend Seufzern doch endlich beglücktund unaussprechlich beglückt durch Herzenunschuld und durch Seelenfrieden und durch Gott! – Nein, ich kann heute meine nassen Augen nicht von euch wendenich kann heute die andern guten Menschen nicht anschauen und abzeichnensondern ich lege meine Augen mit den zwei Tränen, die der glückliche und der Unglückliche hat, fest und sanft auf meine zwei stillen Geliebten im dunkeln Zimmer, wo einmal der Hauch der Harmonikatöne ihre zwei Seelen wie Gold- und Silberblättchen aneinanderwehte. – O, da sich mein Buch jetzt endigt und meine Geliebten entweichen: so ziehe dich langsam weg, dunkles Allerheiligstes mit deinen beiden Engelntöne lange nach, wenn du auffliehest mit deinen melodischen Seelen, wie Schwanen in der Nacht mit Flötentönen durch den Himmel ziehen. – – Aber ach, steht nicht schon hoch und weit von mir das Allerheiligste und hängt als Silberwölkchen am Horizont des Traums? – O, diese guten Menschen, dieser gute Viktor, dieser gute Emanuel, diese gute Klotilde, alle diese Lenz-Träume sind aufgestiegen, und mein Herz blickt schmerzlich auf und rufet ohne Hoffnung nach: "Träume des Frühlings, wann kommt ihr wieder?"

O warum würde' ichs tun, wenn nicht die Freude, die wir so fest an den Händen fassen, auch Träume wären, die aufsteigen? Aber diesen rufet das auf dem Grabstein zuckende, zurückgefallne jammernde Herz nicht nach: "Träume des Frühlings, wann kommt ihr wieder?" –

Nachtrag zum 44. Hundposttag

Nichts

Da dieser Nachtrag zu einem Posttäglein zu klein war: so wartete ich immer auf den Hund und auf neuen biographischen Pfeifenton und Teig. – Weil aber die poste aux chiens ausbleibt, so will ich nur die wenigen Katzen-Töne, die ich aus dem liebenden Konzert des