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stolz, errötend und voll Tränen und voll alter Liebe um und sagte: "Ich bitte dich recht gern um Vergebung, dass ich gegen dich Engel ein Teufel war; aber dann, wenn du mir keine erteilst, so schleudere ich mich hinunter, damit mich nur der Teufel holt." – sonderbar! dieses Erpressen der Verzeihung zog Viktors offne Seele ein wenig zusammen; aber er umfasste doch den freundschaftlichen Wilden und sagte mit der milden stimme der stillen Liebe: "Aus dem grund der Seele hab' ich dir heute vergeben; aber geliebt hab' ich dich immer und allezeit, und in wenig Wochen würde' ich für dich gestorben sein, um dein Leben zu retten." – Nun traten ihre Seelen nahe und unverhüllt voreinander und deckten ihr Leben auf – – und da sich beide alles erzählt und Viktor ihm eröffnet hatte, dass er an seine Stelle ein gerückt und der Sohn der beraubten Mutter geworden sei: so wollte Flamin vor Reue vergehen und drückte verschämt sein Angesicht tiefer nur an Viktors Brustund ihre Seelen feierten neuvermählt auf dem Traualtar der Warte ihre Silberhochzeit unter der Brautfackel des Mondes, und ihre Seligkeit wurde von nichts erreicht als vor ihrer Freundschaft.

Sie wandelten im zärtlichen Taumel langsam in Le Bauts Garten, und der Strom der Wonne wurde immer tiefer; aber eiskalte Wellen wie vom Flusse Styx erschreckten plötzlich den sanft erwärmten Viktor, da er in die Trauerlaube kam, wo er gerade heute vor einem Jahre, am 21sten Oktoberalso ist heute Klotildens Geburttag –, aus seinem zerrütteten Herzen ihr Bild gerissen hatte, und wo er wieder ankam, um es aus den alten Narben vielleicht wieder auszureissen. Denn das Senken seines Standes hatte' ihn ein wenigstolzer gemacht und seine Liebe für Klotilden scheuer. Die Wahrheit zu sagen, so glaubt' er es selber nicht recht, dass ihr seine niedrige Abkunft unbekannt gewesen; er schloss vielmehr das Widerspiel aus dem Anteil, den sie der Lord an seinen Briefen und an allen Geheimnissen nehmen lassenaus ihrem anfänglichen Kampf gegen ihre aufkeimende Liebe und aus dem kleinen Stolze gegen ihn am ersten Tageaus ihrem Lobe der Missheiratenaus ihrer Begünstigung der Liebe Giulias gegen Julius, den sie als LordsSohn kannteaus ihrer leichten Einwilligung in die Verlobung, die ja sonst ihr Vater nach der Erkennung nicht mehr zugelassen hätteund aus andern Zügen, die man bei der zweiten Lesung dieses Werks leichter selber sammelt. Wie gesagt, diese Hoffnung, dass sie ihn allemal gekannt, widerlegte einige Einwürfe seiner Delikatesse und seiner Entsagung; und blühte heute noch höher auf unter so vielen Freuden und schönen Zufällen. – Ach! wenn er ohne alle Hoffnung gewesen wäre: so hätt' er ja mitten im Kreise so vieler Beglückten als die letzte Opferleiche niederfallen müssen! – Aber das Etwas im Menschen, das ihm allemal einen grossen Verlust so wahrscheinlich und einen grossen Gewinn so unwahrscheinlich vormalt, quälte, vereinigt mit wehmütigen Erinnerungen, ihn jetzt.

Er bat daher Flamin, ihn ein wenig in der Laube zu lassen und allein (da die Pfarrerin schon im Garten war) in die befreundeten arme der gefundenen Schwester und Mutter zu eilen, und setzte dazu, er komme bald nach. Als Flamin fort war: fing Viktor immer vor Klotildens Erschütterung zu zittern an, die sich ihrer vielleicht bei der Nachricht seiner Abstammung bemeistern werde; und es drückte ihn sehr, da er dachte, dass für alle im Garten die Trauer von dem schwarz ausgeschlagnen Trauerzimmer der Erde abgenommen werde, nur für ihn wohl nicht. –

Aber da kam, von neuen Entzückungen widerscheinend, seine Mutter und trocknete ihm, eh' sie fragte, erst die Augen ab. Ihre neuen Entzückungen kamen davon her, dass Klotilde ihr, da sie seine Abkunft erzählet hatte, um den Hals gefallen und sie um Verzeihung des so langen Verhehlens, des so lange fortgesetzten Raubes des Kindes gebetenund dass sie die Mutter an ein auf dem Spaziergang nach der Verlobung gegebenes und nun gehaltenes Versprechen erinnert hatte. Der Mutterund ich sorge, dem Leserwar vieles entfallen, und Klotilde flog nur eilig und errötend über die Sache weg; hatte sie aber dort nicht zu ihr gesagt: "Wir ändern unser Verhältnis nicht", nämlich das einer Schwägerschaft? – Die Pfarrerin beschloss den Bericht mit dem Gesuch der Lady, ihr den neuen Sohn recht schnell zu bringen. Viktor konnte vor weinendem Entzücken nichts sagen als: "Ist denn meine gute Agate und der Blinde noch nicht da?" – Und beide standenhinter ihm; und er verbarg das Übermass seiner Wonne unter Liebkosungen der Schwester und des Freundes; sein weiter Leidenkelch war ja ganz mit Freudentränen vollgegossen.

Als er den schönen Weg zu den lieblichen Verbündeten antrat im gehenden Zirkel drei liebender Seelen: so kamen sie ihm alle entgegen mit glänzenden Zügenmit schwimmenden Blickenmit verschmerzten Erinnerungen, oder vielmehr mit genossenen, denn von den zertretenen Freudenblumen auf dem Lebenswege wehet Wohlgeruch auf die jetzige Stunde herüber, wie ziehende Heere oft aus Steppen den Wohlgeruch zerquetschter Kräuter ausschicken. Die Lady wurde von ihren zwei Kindern geführt und sagte verbindlich lächelnd: "Hier stell' ich Ihnen meine geliebten Kinder vor, setzen Sie die Freundschaft gegen sie fort, die Sie ihnen bisher gegeben haben."- Ihr Sohn Flamin flog, gleichgültig gegen Sitte, an seinen Hals. Klotilde bückte sich tiefer, als sie vor einem Fürsten getan hätte, und in ihrem