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sich tief und legte sich auslöschend an die teure Brust, hinter der eine Welt voll Seufzer und ein Herz voll Liebe war, und sagte: "O Mutter, ich bin dein Sohnnimm mich auf, dein Sohn hat nichts, er liebt nichts mehr auf der ganzen weiten Erde, nichts mehr als dich – O liebe Mutter, ich habe viel verloren, bis ich dich fand. – Warum siehst du mich so an? – Wenn du mich verschmähest: so gib mir deinen Segen und lass mich entfliehen... O! ich wollte ohnehin nur deinetwegen leben bleiben." – Sie schaute ihn, zurückgebogen, mit einem nassen blick voll unaussprechlicher Zärtlichkeit und Trauer an und sagte: "ist es denn wahr? O Gott! wenn Sie mein Sohn wären! Ach, gutes Kind! – ich habe dich längst geliebt wie eine Mutter. Aber täusche mich nicht, mein Herz ist so wund!" – Der Sohn schwur.... und hier sinke der Vorhang langsam an der mütterlichen Umarmung herab, und wenn er Sohn und Mutter ganz bedeckt: so schaue ein gutes Kind in seine eigne Seele zurück und sage: hier wohnet alles, was du nicht beschreiben kannst!

Jetzt abends schlich der Kaplan vom feld heim und durch den Garten hindurch und rief seinem neuen Sohne entgegen: "Ach! Herr Hofmedikus, ich schwinde lästerlich ein. Ich sehe ja offenbar aus wie ein Ecce homo und Fieberhafter. Es wird mir zugesetztich soll eine persona miserabilis, einen souffre douleurs, einen Patropassianer abgeben." – Da Viktor ihm berichtet hatte: "es sei alles vorüber, der Regierrat sei los und unschuldig": so blickte Eimann fest auf die Warte und sagte: "Wahrlich droben sitzt der Rat und guckt 'rüber" und wollte hinauf zu ihm; aber Viktor hielt ihn sanft und sagte zärtlich: "Ich bin Ihr Sohn" und offenbarte ihm alles. – "Wie? – Sie? – Du? – Der Sohn eines so vornehmen Lords wäre mein Sohn? – Meinen Herrn Gevatter hätt' ich gezeugt? – Das ist unerhört, ein Bruder der Pate des andernzwei Sebastiane hab' ich auf einmal im haus." – Er wurde die Pfarrerin ansichtig und fing einen Hader anwelches allemal ein Zeichen seiner Freude war. – "So, Frau? Das weisst du heute den ganzen Tag, und mich lässest du draussen im Steinbruch im Notstall sitzen, mitten im Harm, und ich läute bis nachts an der Armensünderglocke? Hättest du nicht den Kalkanten hinauslassen können zum Notifizieren? Das war recht schlechtdie Frau steckt zu haus und trinkt Bitterwasser, in das ihr ganze Zuckerfässer und Konfektteller hineingeworfen sindund der Mann hält sich in Steinbrüchen auf und säuft seine bittern Extrakte aus einem Brechbecher fort."- Sie antwortete nie darauf.

Jetzt erfuhr erst Viktor von seiner Mutter, dass Flamin bloss für den Freund (Mattieu) und für das Vaterland habe sterben wollendass er seine eifersüchtige Ungerechtigkeit bereue und die verscherzte Freundschaft bejammere und dass sie ihn eben darum abhole, um ihn in die hände der wahren Mutter und vor das Angesicht der gekränkten Schwester zu führen. Es war heute am Morgen menschliche Schwäche gewesen, dass das erfrorne Glied der Freundschaft, sein Herz, ein wenig kälter und unempfindlicher gegen Flamin geworden war, da er dessen Rettung aus dem Gefängnis vernahmaber es war jetzt abends menschliche Güte, dass Flamins grosser Entschluss, zu sterben, wie eine Frostsalbe seinem starren Herzen Wärme und Bewegung wiedergab. Sein Inneres regte sich gewaltsam, quoll auf, überströmte den erdrückten Groll, und das Bild des Jugendfreundes stand auf und sagte: "Viktor, gib dem Schulfreund wieder deine Hand – o er hat so viel gelitten und so edel gehandelt!" Tränen schossen ihm aus den zuckenden Augen, als er sich entschloss, auf die Warte zu gehen und zum alten Liebling zu sagen: "Es sei vergessenkomm, wir wollen miteinander zu deiner Schwester gehen." Er ging allein auf die Warte, um ihn nachher der Lady vorzustellen. Die Pfarrerin sprang einige Minuten von Viktor ab, um seine zwei Schwestern zu benachrichtigen und zu bringen und den blinden Julius aus der Stadt führen zu lassen, damit in der goldnen Halskette der Liebe kein Gelenk abginge.

Welche Himmelleiter, in der jede Minute eine höhere Sprosse ist, steht in dieser Nacht auf der wankenden Erde, und gute Menschen steigen hintereinander hinauf! –

Unten an der Treppe des Trones der Versöhnung arbeitete Viktors Herz gewaltsam im heissen durchwühlten Blute. Flamin sah ihn langsam hinaufsteigen; aber er kam ihm nicht entgegen, weil es ungewiss war, komme Viktor zürnend oder vergebend. Als dieser endlich oben war: so stützte Flamin sein abgekehrtes Gesicht beschämt in das Gezweig; denn er konnte dem so sehr gemisshandelten Geliebten nicht ins Auge blicken, bis er wusste, dass er ihm verziehen habe. Sie schwiegen schauerlich nebeneinander unter dem rieselnden Lindengipfelsie errieten einander nicht ganz, und das machte das Schweigen finsterer und das Versöhnen zweifelhaft. Endlich reichte ihm Flamin, heftig atmend und mit dem ins Laub gelegten Gesicht, die zitternde Hand entgegen. Da Viktor diese stumme, um Versöhnung flehende Hand zittern sah: so tropften siedende Tränen durch sein Herz und zertrennten es, und nur aus Wehmut und liebender Schonung verschob er es, die demütige Hand zu nehmen. Aber hier kehrte sich Flamin (im falschen Argwohn)