1795_Jean_Paul_049_280.txt

seinem Körperwie manche sich mit ihrer Seele, so unterhalten sich andere mit ihrem Körperund sah von Zeit zu Zeit nicht die natur, sondern sein wasser an, um darausda dessen Farbenlosigkeit nach der Physiologie Kummer bedeutetdie Kenntnis zu schöpfen, ob er sich sehr abhärme oder nicht; wiewohl kein Protomedikus für ihn stehen wird, dass er nicht urinam chyli oder sanguinis für urinam potus wird angesehen haben. Da die Ärzte behaupten, dass Seufzer nützen, den Puls schneller und die Lungenflügel leichter machenein Regent kann also ganzen Ländern auf einmal nützen, wenn er sie zu seufzen nötigt –: so schrieb sich Eimann eine bestimmte Anzahl Seufzer vor, die er zum Besten seiner Lunge täglich zu holen hatte.

Denselben Morgen ging die Lady zur Pfarrerin, um ihr zu sagen, dass Flamin ein Unschuldiger, aber ihr Sohn nicht sei; und Klotilde ging mit ihr, um die hände der zwei Töchter zu nehmen und ihnen zu sagen: ihr habt einen andern Bruder. Denn Viktor hatte seine Abkunft noch verhehlt. "O Gott!" (sagte die verarmende Pfarrerin und schloss Flamins Mutter und Schwester an die schmachtende Mutterbrust, die mit heissen Seufzerzügen einen Sohn begehrte) – "wo ist denn mein Kind? – führen Sie meinen wahren Sohn mir zu! – Ach ich ahnete es wohl, dass mich das Duell doch ein Kind kosten würde! Er findet alles wieder, aber ich büsse alles ein. – O Sie sind eine Mutter, und ich bin eine Mutter, helfen Sie mir!" – Klotilde schaute sie mit dem weinenden Wunsche des Trostes an; aber die Lady sagte: "Ihr Sohn lebt und ist auch glücklich, aber mehr kann ich nicht sagen."

Und denselben Morgen war dieser Sohn, unser Viktor, nicht glücklich. Ihm war, bei dem Gerüchte von Flamins Loskettung und von Mattieus Dienstfertigkeit, als wenn er das Zischen und den Kugelpfiff des herabschiessenden Stossvogels vernähme, der bisher unverrückt gleichsam mit angenageltem Fittich hoch im Blauen über dem Raub geruhet hatte. – Verarget es dem Doktor nicht gar zu sehr, dass ihn die verlorne gelegenheit kränkte, seinen Freund aus dem engen Gefängnis und sich aus dem weiten des Lebens loszumachen. Denn er hat zu viel verloren und ist zu einsam; die Menschen kommen ihm wie die Leute in dem polnischen Steinsalzbergwerk vor, die herumtappen mit einem an dem Kopf gebundnen Licht, das sie ein Ich nennen, vom genusslosen Blinken des Salzes umzingelt, weiss gekleidet und mit roten Binden, als wären es Aderlassbinden. – Die Sprache seiner Bekannten ist, wie die der Sineser, einsilbig. – Er muss dem beschämenden Tag entgegenleben, wo Jenner und die Stadt die Niedrigkeit seines Standes ihm zum Betrug anrechnen. – Vor jedem Auge steht er in einem andern Lichte oder Schatten vielmehr: Mattieu hält ihn für grob, Jenner für intrigant, die Weiber für tändelnd, so wie Emanuel für fromm und Klotilde für zu warm –, denn jeder vernimmt an einem vollstimmig besetzten Menschen nur sein Echo. Welches Herz konnte' ihn nun noch bewegenseines ohnehin nicht –, das Ruder im Sklavenschiff des Lebens länger zu halten? O eines konnte' es, ein mächtiges warmes, das mütterliche: "Stürze dich nur aus der Erde," – sagte sein Gewissen – "dann stirbt dir deine Mutter voll Liebe nach und tritt in der zweiten Welt vor dich mit so vielen Tränen, mit allen heissen Wunden und sagt: Sohn, dieser Schmerz ist dein Werk!" – Er gehorchte und sah ein, wenn es edel ist, für eine Geliebte zu sterben, so sei es noch edler, für eine Mutter zu leben.

Daher beschloss er, noch heute abendsabends, damit die Nacht sich vor einige verwitternde Ruinen der bessern Zeit, vor einige vorüberziehende Nachtleichen der Erinnerung stelltenach St. Lüne zu gehen, seine Mutter zu rufen und ihr müdes sieches Herz wenigstens mit einer Freudenblume zu stärken und ihrda ihn kein Eid mehr bandzu sagen: du gibst mir jetzt zum zweitenmal das Leben. Wie wohl wurde' ihm! – Ein einziger guter Vorsatz bettet und lüftet das scharfe Siechbette eines zerrissenen Lebens.

Aber am Abende, ihr guten Bedrängten, am Abendenicht des Lebens, sonderndes 21. Oktobers wird euch leichter und frischer werden, und die Kugel eurer Fortuna wird sich aus der Wetterseite in die Sonnenseite drehen!

Abends kam Viktor in St. Lüne an und hüllte sich in die Laube des Pfarrgartens ein, wo er Klotilden die ersten Tränen der Liebe gegeben. – Das Pfarrhaus, das Schloss, die Warte, die zwei Gärten lagen wie verfallne Ritterschlösser um ihn, aus denen alle Freuden und Bewohner längst gezogen sind! – Alles so herbststill, so stehend um ihndie Bienen sassen stumm auf dem Flugbrett neben hingerichteten Drohnensogar der Mond und ein Wölkchen standen fest nebeneinanderdie Wachsmumie war mit dem starren Gesicht gegen das stille Zimmer umgewandt! – Endlich kam die Pfarrerin durch den Garten, um ins Schloss zu gehen. Er wusste, wie sehr sie ihn wieder lieben musste, da seine Treue gegen den eifersüchtigen Flamin jetzt ans Licht gekommen war. O sie sah so müde und kränklich aus, so rotgeweint und verblutet und veraltet! Ihn dauerte es, dass er erst ein gleichgültiges Wort sagen musste, um sie in die Laube zu rufen. Als sie hineintrat: erhob er sich und bückte