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Klotilden: "Die Topographie des himmels sollte ein Stück unserer Religion sein; eine Frau sollte den Katechismus und den Fontenelle auswendig lernen." Er beschrieb hier die astronomischen Stunden seines Dahore und diesen selber. –

Aus Klotildens Angesicht brach eine grosse Verklärung, und sie zeichnete mit Worten und Mienen ihren eignen astronomischen Lehrer im Stifte abdass er ebenso edel sei und ebenso stilldass seine Gestalt so gut besser mache wie seine Lehredass er sich Emanuel nenne und keinen Geschlechtnamen führe, weil er sage: "am verfliegenden Menschen, an seinem so eilig versinkenden Stammbaum sei zwischen dem Geschlechtnamen und Taufnamen der Unterschied zu klein"- dass leider seine veredelte Seele in einem zerknickten Körper lebe, der schon tief ins Grab einhänge dass er nach der Versicherung ihrer Äbtissin der sanfteste und grösste Mensch sei, der noch aus Ostindien (seinem vaterland) gekommen, wiewohl man über einige Sonderbarkeiten seiner Lebensart in Maiental wegzusehen habe. –

Mattieu, dessen Witz die Schönheitlinie, den Giftzahn, den Sprung und die Kälte den Schlangen abborgte, sagte leise und unbefangen: "Es ist gut für seinen siechen Körper, dass er hier nicht Astronom und Nachtwächter zugleich wurde; er suchte vor einigen Jahren darum an, um ein Sehrohr und ein Horn."– Klotilde wurde zum ersten Male von einer zürnenden Röte überflogen, wie der Morgen vor dem Regen: "Wenn Sie ihn" (sagte sie schnell) "bloss aus meiner Schilderung kennen, so können Sie diese Sonderbarkeit unmöglich unter den seinigen suchen." Aber der Kammerherr trat dem Junker bei und sagte, Emanuel sei wirklich vor fünf Jahren mit diesem Gesuche abgewiesen worden. Klotilde sah den einzigen, dessen Aufmerksamkeit nicht ironisch war, unsern Viktor, den der Widerschein ihrer Verklärung schmückte, wie um hülfe an und fragte mehr hoffend als behauptend: "Sollte man so etwas einem solchen kopf zutrauen?" – "Meinem Kopf eher" (versetzte er, um auszuweichen; denn er, der dem jetzigen Papste widersprochen hätte, konnte oft unmöglich schönen Lippen widersprechen, zumal einer mit so vieler Hoffnung auf sein Nein vorgelegten Frage derselben) – "sooft ich nachts durch Dörfer gehe: so hör' ich den leiblichen Nachtwächter lieber als den geistlichen. In der horchenden stillen Nacht, unter dem ausgebreiteten Sternenhimmel liegt im homiletischen Eulengesang des Nachtwächters etwas so Erhabnes, dass ich mir hundertmal ein Horn wünschte und sechs Verse." –

Der Kammerherr und sein Associé hieltens für verfehlte Persiflage; letzter setzte die seinigevielleicht um Klotilden, zum Vorteil seiner mit UnterziehBusen und Unterzieh-Steiss bewaffneten HerzensZarin, zu missfallenunverschämt fort und führte an: das beste Mittel, den namhaften Namenlosen traurig zu machen, sei ein sehr lustiges, eine Komödiefreilich rührte ihn noch stärker ein Possenspiel, wie er selber an ihm in Goetes moralischem Puppenspiel oder Jahrmarkt gesehen.

Da flog dem betroffenen Viktor ein neues Gesicht und eine neue Stellung an; denn er war gerade wie Emanuel. Ein Jahrmarkt mit seinen hinab- und hinauflaufenden Menschen-Bächenmit dem Vor- und Zurückspringen der Gestalten wie an einer Bilderuhrmit der fortsummenden Luft, in der Geigengeschrei und Menschengezänk und Viehgeblök zu einem einzigen betäubenden Brausen zusammenfliessenund mit den Buden-Warenlagern, die ein musivisches Bild des kleinen, aus Bedürfnissen zusammengeflickten Lebens reichen – – ein Jahrmarkt machte durch alle diese Erinnerungen an die grosse frostige Neujahrsmesse des Lebens Viktors edlen Busen schwer und voll; er versank süssbetäubt in das Getöse, und die Menschen-Reihen um ihn schlossen seine Seele in ihre stillern Phantasien ein. Das war die Ursache, warum ihn Goetes hogartisches Schwanzstück eines Jahrmarkts (so wie Shakespeare) immer melancholisch zurückliess; so wie er überhaupt gerade im Niedrigkomischen das hohe Ernstafte am liebsten fand – (Weiber sind nur zum umgekehrten Funde fähig) und ein komisches Buch ohne jeden edlern Zug und Wink (z. B Blumauers Äneis) konnte' er so wenig wie La Mettries ekelhaft lachendes Gesicht ertragen, oder die Gesichter auf den Titelkupfern des Vademekums. – –

Er vergass sich und die Nachbarschaft wie ein wahrer Jüngling, breitete die arme halb aus und sagte mit einem Auge, in dem man die sehnsüchtig an einem Bilde Emanuels arbeitende Seele sah: "Nun kenn' ich dich, du Namenloser! du bist der hohe Mensch, der so selten ist. – – – Ich versichere Sie, Herr v. Schleunes, an Herrn Emanuel ist was! ... Nein, unter diesem Leben im Flug sollte doch das Ding, das so prestissimo hinschiesst aus einem Regenschauer in den andern und von Gewölke zu Gewölke, doch nicht in einem fort den Schnabel aufsperren zum Gelächter... Ich las heute wo: der Mensch hat nur drittalb Minuten, und nur eine zum Lächeln " Er war ganz in seine Gefühle verirrt: sonst hätt' er mehr zurückbehalten, besonders die letzte Zeile aus dem im Garten gefundnen Blättchen. Klotilde wurde über irgend et was betroffen. Er hätte jetzt gern das Blättchen hinausgelesen. Sie erzählte ihm nun diejenigen Sonderbarkeiten von ihrem Lehrer, in die sie sich besser zu finden wusste: dass er ein Pytagoräer seinur in weissen Kleidern gehemit Flöten sich einschläfern und wecken lassekeine Hülsenfrüchte und Tiere esseund oft die halbe Nacht unter den Sternen gehe.

Er ruhte, in stummes Entzücken über den Lehrer verloren, mit entusiastischen Augen auf den freundschaftlichen Lippen der Schülerin, die der Geschmack an einem erhabnen Sonderling adelte.