wird, sondern oft einem Teufel wie Louvois so gut als einem Apostel wie Tessin. heisst aber das nicht einer vorzüglichen Gnade, einem Orden pour le mérite allen Wert benehmen, wenn man sie Schelmen zuwirft, da sie doch nur für den rechtschaffensten, freimütigsten, ältesten Mann am hof als die grösste und letzte Belohnung, als ein Treff- und Spiessfolgedank, als eine Ovation sollte aufgehoben bleiben? –
Im nächsten Kapitel kann man sich auf einen Lärm gefasst machen, dergleichen man in wenig deutschen Kapiteln hört; die Lärmkanonen der Hofpartei, das Herabpoltern der Bühnen und das Umschmeissen der Stühle nach gehegtem peinlichen Gericht werde' ich bis in meine Insel herüber hören können. Der schwarzhaarige und schwarzherzige Hofjunker wird, wenn er aus dem Arreste los ist, mit seiner ironischen Miene und mit der eignen leisen stimme – die Ripienstimme seines boshaftesten Hohns, wie sie bei andern die des erhabensten Entusiasmus ist – überall herumstreichen und sagen: er wünsche, der Lord erschiene, er habe bisher in seinen Sachen nach Vermögen gearbeitet. Am hof ist man zuweilen erhaben durch eine vorstehende Bosheit, wie nach Burke kein Geruch erhaben ist als der allerstinkendste und kein Geschmack als der bitterste. Und ebenso verbirgt allda jeder die mitleidige Teilnahme am fallenden Günstling leicht, ähnlich dem weisen Vater, der beim Fall eines Kindes das mitleidige Gesicht unter ein lustiges versteckt.
Den 21. Oktober kommt Mattieu los und darf zu Flamin gehen – er hat sichs ausgebeten – und ihm die Freiheit und die Standerhöhung miteinander ansagen In wenig Tagen könnten die begebenheiten und mein Protokoll derselben aus einem Zeit-Stundenglase rinnen, wenn der Hund ordentlich käme; aber er kommt, wenn er will.
44. Hundposttag
Die Bruderliebe – die Freundliebe – die Mutterliebe –
die Liebe – –
Der Hund ist da, aber der Lord nicht – der Lärm ist klein, aber die Freude nicht – alles ist vorbereitet, aber doch unerwartet – das Laster behauptet das Schlachtfeld, aber die Tugend die elysischen Felder. – Kurz es ist recht närrisch, aber recht hübsch. –
Ich denke, das ist das letzte Kapitel dieses buches. Ich schaue ordentlich den Postund – meinen pommerischen Boten124– der Schwanz ist sein Botenspiess – mit Rührung an, und mich ärgerts, dass er mit Adam gefallen und einen Knochen unter dem verbotenen Baum gefressen hat: denn im Paradies leuchteten die ersten Hundeltern wie Diamanten, und man konnte durch sie sehen, wie Böhme behauptet. – Eben darum, da der Berghauptmann bald ausgeschrieben hat, verzeih' mans ihm, dass er in diesem Kapitel der Liebe feuriger und angenehmer ist als je und überhaupt jetzt schreibt, als wär' er besessen.
Anfangs ziehen den Himmelwagen noch Trauerpferde.... Sehr früh den 21. Oktober 1793 war es, wo der Hofjunker ins Stockhaus Flamins lief aus dem eigenen und diesem darin büssenden Bruder alles verkündigte, seine Entlassung – seine Verschwisterung mit Klotilden – seine Einkindschaft ins fürstliche Haus – seine aufsteigende Laufbahn und zugleich die Amnestie des mörderischen Boten, die eigne nämlich. O wie glühte die Freude über Mattieus Lossprechung und Vorsprache und über die eigne Standerhöhung seine stockenden Adern an. Denn Flamin bestieg den höhern Stand als eine Anhöhe, um seine Wohltaten und Entwürfe weiter zu werfen; Viktor hingegen war über seinen Standes-Bankerutt froh gewesen, weil er Stille begehrte, wie jener Getöse. Viktor wollte mehr sich, jener mehr andere umbessern. Flamin stiess lebendiges Schiffvolk über den Bord ins Meer und nagelte den staates-Bucentauro mit Rudersklaven voll, um ihn schneller gegen Winde anzutreiben. Viktor aber erlaubte sich nur eine Leiche zur Erleichterung des Kaperschiffs zu machen – seine eigne. Er sagte zu sich: "Wenn ich nur den Mut allezeit heilig aufbewahre, mich selber aufzuopfern: dann brauch' ich keinen grösseren; denn der grössere opfert doch gestohlne Güter. – Das Schicksal kann Jahrhunderte und Inseln opfern, um Jahrtausende und Weltteile zu beglücken125; der Mensch aber nichts als sich."
Jubelnd lief Flamin mit seinem Erlöser nach St. Lüne, um die treue Schwester in der untreuen Geliebten dankend und abbittend zu umfassen – ach als die hohe Warte in seine Augen aufstieg: so zog sich blutig und schmerzhaft wie ein Augenfell die Decke von ihnen herab, die bisher die Unschuld seines besten Freundes, Viktors, verfinstert hatte. "Ach wie wird er mich hassen! O hätt' ich ihm mehr getrauet!" seufzete er, und nichts freuete ihn mehr; denn den Schmerz eines guten Menschen, der ungerecht gewesen, auch in der Meinung der vollesten Gerechtigkeit, kann nichts trösten, nichts als viele, viele Aufopferungen. Er schlich sich seufzend nicht zur neuen Mutter, sondern sank den treuen Drillingen sanft an das unbeleidigte Herz. Die redlichen Seelen bewillkommten alle den Evangelisten als einen helfenden Freund; und diese bunte Spinne kroch mit ihren unreinen Spinnwarzen auf allen diesen edlen Gewächsen einer offenen Liebe herum; die Spinne hörte alles, sogar die Abrede, dass die Engländer den Befehl, nach der Insel abzugehen, nach dem Buchstaben nehmen und sich in die englische Insel des Lords so lange einsperren wollten, bis Flamin und die Lady mit ihnen allen in ihre grössere Insel – ins Werkhaus der Freiheit – in den klassischen Boden aufgerichteter Menschen abzuschiffen imstande wären.
Denselben Morgen zog der Kaplan in seinen Steinbruch und legte sich da vor Anker, weil er vom Neuesten noch nichts wusste. Draussen versass er die Angst, und nachts zog er wieder ein. Er ging da mit niemand um als mit