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machte den scheinbaren Mangel an Furcht zum Deckmantel seiner Kühnheit, sie zu erregen. – Und so ging er vom Fürsten weg in einen unbestimmten spasshaften Arrest für den Mord; Jenner fing aber an, die Sachen und Zeugen zu untersuchen.

Vor dem Berichte des Erfolges lasset mich es gern gestehen, dass Matz, der Edle, schon lügen kann, um so mehr, da er die Wahrheit als Sparrwerk seines Lügen-Mörtels hinsetzt. Wie im polnischen Steinsalzbergwerk lässt der gute Lügner beim Untergraben immer so viele Wahrheiten zu Säulen stehen, als gegen das Einbrechen des Gewölbes nötig sind. Überhaupt ist jede Lüge ein glückliches Zeichen, dass es noch Wahrheit in der Welt gibt; denn ohne diese würde keine geglaubt und also keine versucht. Bankerutte machen dem Rechtschaffenen Freude als neue Belege des unerschöpften Religionfonds von fremder Ehrlichkeit, die vorhanden sein musste, wenn sie sollte betrogen werden. Solange noch Krieg- und Friedentraktate schändlich gebrochen werden, so lange ist noch Hoffnung genug da, und so lange fehlt es Höfen an echter Redlichkeit nicht; denn jeder Bruch eines Vertrags setzet voraus, dass man einen gemacht hatund gemacht könnte keiner mehr werden, wenn kein einziger mehr gehalten würde. Es ist mit den Lügen, wie mit den falschen Zähnen, die der Goldfaden nur an ein paar echte hinterbliebene schliessen kann. –

Jenner fing die Münzprobationtage des Mattäischen Evangeliums an.

1) Der Pfarrer wurde vorgeladen, um in Gegenwart der landesherrlichen Hoheit zu bekennen, was er für Zusammenrottungen im Priesterhause geduldet. Der schlug in Oemlers Pastoralteologie nach, um zu ersehen, wie sich ein Pfarrer zu benehmen habe, der gehenkt werden soll. Ohne Murren legte er jetzt den Hals vor kleinern mässigen Unglückfällen auf den Block und unter das Beil, vor dem Rattenkönig, der durch seine Behausung sausete, vor dem Strumpfband, das unter dem Gehen langsam über die Kniescheibe abglitt, und vertauschte die Ängstlichkeit des Glücklichen gegen die Angst des Unglücklichen. Im Verhöre sagt' er, er habe an heiliger Stätte und an anderer auf die Klubs so gut als einer geschmälet und sich deswegen den Girtanner gekauft. Auf die Frage: ob Flamin sein Sohn sei? versetzte er traurig: er hoffe, seine Frau breche seine und ihre Ehe nie. – Als er wieder nach haus kam, nahm er, um nur nicht in der Angst der Verhaftung zu sein, einen Bündel alter Predigtmanuskripte in einen Steinbruch hinein und lernte sie da auf drei bis vier Sonntage vorher auswendig.

2) An demselben Tage stattete der Minister von Schleunes (aus gefälligkeit gegen die Fürstin) einen Besuch in Le Bauts haus ab und teilte der Lady und Klotilden aufrichtig die laufenden Gerüchte über Flamins Abkunft mit. Beide Damen mussten glauben, Viktor habe die letzte dem Fürsten entdeckt, um den Unglücklichen zu retten. Wie hätten sie ihm nicht nachahmen sollen, da ihnen die eiserne Birn des Schwurs von der Zunge und aus dem mund genommen war, und da man ein Geheimnis verletzen darf, wenn man sonst die Wahrheit verletzen müsste, und da die zarten Seelen sich nun so herzlich über diese offne Jubeljahrtür im Gefängnis ihres Lieblings freueten? – Mit einem Wort: der Minister brachte nichts zurück als Bekräftigungen der Hypotesen seines Sohnes.

3) An demselben Tage wurde der Kaufmann Tostato vom Grafen O über seinen Buden-Mitarbeiter und Viktor vom Pater über den Verfasser des Hirtenoder Schäferbriefes in der Uhr erforscht und dann vernommen. Auch hier hatte Mattieu, wie zu erwarten, die Wahrheit ganz auf seiner Seite; Viktor war jetzt zu stolz, zu fromm, zu resigniert, um zu verhehlen.

4) Alle Sünden-Kerbhölzer in Kussewitz und überall griffen ineinander ein; sogar aus Viktors vorigem Mittleramt, das er sonst beim Fürsten für Agnola versah, aus seinen kleinen Unbesonnenheiten, aus seinen Satiren, aus seiner Hosen-Einkleidung der Soldatenjungen, aus seiner Reise mit dem Fürsten wurde nun lauter Zugwerk und Grundstriche einer gegen den Tron entworfenen Schlachtordnung zusammenbuchstabiert. Überhaupt war es notwendig, Jenner musste, je mehre Sehröhre er auf diese Lufterscheinung der Lüge richtete, sie nur desto grösser erblicken. –

Ich habe die Fürstin vergessen, die sich bei Jenner über das Billet sehr beleidigt und unwissend anstellte und kaum mit der Strafe zufrieden war, dass dem Helden der Hundposttage der Hof verboten wurde. – Der Hof- dir, guter Viktor! der du bald die Erde dir verbieten willst!

Jenner übersah leicht vergangne Beleidigungen, aber er rügte streng zukünftige. Und da noch dazu Matz wie eine Klapperschlange so arg klapperte, nicht um zu warnen, sondern um, wie auch die Nevern an der andern fanden, den Raub steif und scheu zu machen: so war der Lord so über alle Tronstufen aus Jenners Herzen herabgepurzelt, dass es ihm nicht einmal etwas helfen konnte, wenn er sogleich aus der Luft herausgetreten wäre. Flamin war ohne ihn gefunden. – Den drei Engländern schickte man die Erlaubnis in das Haus, nach ihrer Insel (England) abzusegeln, wenn sie wollten. Sie liessen zurücksagen, sie brauchten nur einen Tag, um auf ihrer Insel anzukommen, und warteten nur auf ihren Reisegefährten. Unter der Insel meinten sie aber die Insel der Vereinigungund unter dem Reisegefährten den gefesselten Flamin, den sie mit bereden wollten.

Es gefällt mir, dass meinem Viktor der Hof verboten wurde. Das Hof-Verbot ist sonst eine Wohltatdiesen Namen verdient nun wohl eine Befreiung von den Hofdiensten –, die sonst nicht immer an den Würdigsten erteilt