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, hab' ich schon gesagt im Anfange, um ihn zu retten; und jetzt ist er gerettet." – Jenner sann zurück, begriff nichts und bat: "Noch deutlicher!" Mattieu mit der absichtlichen Miene eines Menschen, der Versilberungen seines Vortrags zurechtmacht: "aus Grossmut würde' er für den gestorben sein (für Matzen), der für ihn gesündigt hatte, wenn ihn nicht seine Freunde retteten." Jenner schüttelte ungläubig den Kopf. "Denn", fuhr jener fort, "da er seinen höhern Stand nicht kennt, so nahm er einige französische Grundsätze leichter an, die ihm seinen Tod ebensosehr erleichtert hätten, als einige Engländer sie würden beim volk genutzt haben, um ihn zu verhüten." Zum Beweis führt' er den angezündeten Pulverturm nebenher an.

Jenner sah staunend ein Licht in eine dunkle Höhle gleiten und sah weit in die Höhle hinein.

Man tut dem vortrefflichen Evangelisten unrecht, wenn man denkt, es tu' ihm genug, bloss seinen Freund gerettet zu haben; sein gutes Herz war auch noch darauf aus, dem Lord eine Ehrensäule zu setzen und ihn unter die Säule als Grundstein zu legen. Er quartierte gern (wie in Hamlet) in dem Schauspiel wieder eines ein und zog zwei Teatervorhänge auf. Wir wollen uns in die erste Loge setzen. Sein bisheriges Betragen gegen den Regierrat zeigt genug, wie weit er wahre Freundschaft zu treiben fähig war, ohne andere Freunde, z.B. die Fürstin, vor den Kopf zu stossen; denn für die letzte war der Wiederfund des verlornen Sohns des Fürsten ohne sonderlichen Nachteil, da der Sohn als jakobinischer Logenmeister und als Rebell gegen den Stief- und den Vater zugleich präsentiert wurde, und da noch dazu der Lord so entsetzlich dabei verlor. Aber weil Mattieu sich nichts dabei vorzuwerfen hatte als sein Übermass an Menschenliebe: so suchte er diesem Übermass durch ein entgegengesetztes in der Bosheit zu begegnen, weil Bako schreibt: Übertreibungen werden am besten durch entgegengesetzte kuriert. Nach seinen zu feurigen Begriffen von der Freundschaft konnte' er auch kein echter Freund des Lords sein, da man nach Montaigne nur einen echten, wie einen Liebhaber, haben kann, und der Lord schon einen dergleichen an Jennern aufzeigte.

Man vergönne mir, mit drei Worten kurz zu sein und angenehm: wenn die Araber 200 Namen für die Schlange haben, so sollten sie gar den 201sten dazulegen, den eines Höflingsferner erlaube man mir zu sagen, dass ein Mann von Einfluss und Ton durch sogenannte Blutschuld ebensogut blühe als ein ganzer Staat durch elendere metallische. –

Jenner war jetzt vorbereitet, alles zu glauben, was die vorigen sonderbaren Dinge erklärte. Eine Lüge, die einen Knoten löset, ist uns glaublicher als eine, die einen knüpft. Mattieu fuhr fort: "er habe allen republikanischen concerts spirituels beigewohnt, um Massregeln gegen Flamins Ansteckung zu nehmen; und er übertreibe die Freundschaft gegen die drei Engländer und den Lords-Sohn (Viktor) nicht, wenn er jene und diesen mehr für Arbeitzeug irgendeiner andern verborgnen Hand ansehe als für Arbeiter an einem Plane selber. – Das bestätige der bisher vom unschuldigen Flamin gemachte Missbrauch." – Um Viktor zu entschuldigen, sagt' erwobei er ihn immer den Hofmedikus benamsete, so dass Jenner in dieser Verfassung an einen Hofvergifter eher dachte als an etwas anderesum also ein vorteilhaftes Licht auf diesen zu werfen, sagt' er, selbiger liebe bloss das Vergnügen und führe nur gehorsam das aus, was sein Vater entworfenViktor habe sich in einen Italiener verkleidet, um die Prinzessin zu beobachten, und um es nachher dem Lord, auf dessen Befehl er es vermutlich getan, in einer geheimen Zusammenkunft auf einer Insel zu berichten. – Als Italiener hab' er der Fürstin eine Uhr überreicht, in die er ein Blättchen versteckt, worin er den höhern Rang vergessen, um dem seinigen zu schmeicheln.

Der Fürst, der seine Gemahlin mit grösserer Eifersucht liebte als seine Braut, fegte mit dem schlagenden Puterhahns-Flügel den Boden und machte den Nasen-Zapfen lang und fragte stolz: wie er das wisse? – Mattieu versetzte ruhig: "von Viktor selber denn die Fürstin wiss' es selber nicht"....

Mir verdankt es der Leser, dass er tausend Dinge besser weissAgnola wusste den Inhalt der Uhr gewiss recht gut; ja ich stelle mir sogar vor, sie habe, da ihr die erzürnte Joachime Viktors gerades Geständnis seines concepit hinterbrachte, Matzen oder Joachimen erlaubt, den gegenwärtigen Gebrauchzettul zu entwerfen, nach welchem hier der Eheherr das Sebastiansche billetdoux einzunehmen bekömmt. –

– "sie habe vielmehr" (fuhr er fort) "seiner Schwester lange dar auf die Uhr mit dem Blättchen geschenktJoachime hab' es in Viktors Gegenwart herausgezogen, und der hab' es für schicklich gehalten, ihr eben dieses frei zu bekennen, was sie und er selber aus Ehrfurcht noch nicht der Fürstin entdeckt hätten. – Inzwischen sei ihm seine Schwester darauf ausgewichenworauf er sich Klotilden genähert, vielleicht nach einer väterlichen Instruktion, um den Bruder in nähern Verhältnissen zu haben. – Aber allemal misch' er in väterliche Plane des Ehrgeizes eigne des Vergnügens und sei gutgesinnt, so wie die Engländer, die er für verkappte Franzosen halte."

Der Fürst versteckte unter dem ganzen Vorhalten dieser artigen Schlangenpräparate seine Furcht unter Zorn; Mattieu, der die Maske und das Gesicht sah, schnitt bisher alles nach jener zu und