– sagte mit dem Todesurtel, das Matz längst in sein Gesicht hineinhaben wollte: "Ich werde Ihnen morgen die Namen der Elenden abfodern lassen, die ihr Leben preisgeben wollen, um die Gerechtigkeit zu stören" Hier fiel dieser vor ihm nieder und sagte schnell: "Mein Name ist der erste – jetzt ist es meine Pflicht, unglücklich zu werden – mein Freund hat niemanden getötet, sondern ich – er ist nicht der Sohn eines Priesters, sondern der erstgeborne Sohn des getöteten Herrn Le Baut"...
Solang' es noch Pfeilerspiegel gab, so sah nie ein so bestürztes auseinandergefahrnes Gesicht aus ihnen als heute. Jenner liess ihn abtreten, um sich wieder zusammenzulesen.
Wir wollen jetzt in dem Vorzimmer drei Worte über den Abwesenden reden. Mir sagte einmal ein feiner Mann, er habe einmal zu einem grossen Weltkenner gesagt: "der Fehler der Grossen wäre, sich selber nichts zuzutrauen, und daher würden sie von jedem gelenkt"; und der Weltkenner habe geantwortet: er treff' es. – Jenner war Matzen gram, und das bloss seines satirischen und wollüstigen Gesichts wegen – aber nicht etwa seiner Laster wegen. Ich setze voraus, der Leser wird doch Höfe genug gesehen haben – auf dem Teater, wo die höheren Stände ihre Begriffe von Landleuten und wir unsere von ihnen abholen –, um zu wissen, was man da hasset – – keine Lasterhaften, nicht einmal Tugendhafte, sondern beide liebt man wirklich (gerade wie dasige Bratschisten, Handwerker, Wetzlarer Prokuratoren, Intendanten), sobald man sie nötig hat. – –
Der Junker kam wieder vor. Jenner hatte das süsse väterliche Wallen über die Neuigkeit, da er bisher alle seine Kinder verloren gegeben, gestillt, aber er begehrte jetzt den Beweis, dass Flamin der (angebliche) Sohn des Kammerherrn sei. Ums Duell kümmerte er sich gar nicht. Der Beweis war der aufrichtigen Seele leicht zu führen: die Seele berief sich geradezu auf die Mutter, die eben gerade aus London eingetroffen, um den Sohn zu retten, und auf die Schwester selber. – Die Seele hatte wieder den Vordersatz, dass beide Kenntnis davon hätten, zu erweisen; – Mattieu berief sich auf den Brief der Mutter, den er vor einigen Jahren dem blinden Lord mit der angenommenen stimme Klotildens vorgelesen, und auf der Schwester Ausruf unter dem Duell im Maientaler Park: "Es ist mein Bruder" – und zuletzt führt' er noch einen Hauszeugen in der Sache auf, den Nachsommer, der jetzt bald erscheinen und das Äpfel-Muttermal, das Le Bauts Sohn auf der Schulter trage, neu aufmalen werde.
Mattieu hatte zu viel Hochachtung gegen seinen Fürsten und Herrn, um den Herrn des Sohns den Vater des Sohns zu nennen. Jetzt hörte er damit auf: "er wisse nicht, aus welchen Gründen der Lord Horion bisher Flamins Abkunft verborgen habe – welche es aber auch seien, alle Entschuldigungen desselben wären auch seine, warum er selber bisher geschwiegen – um so mehr, da ihm der Beweis dieser Abstammung schwerer fallen müssen als dem Lord. – Nur jetzt durch die Ankunft der Mutter sei die Leichtigkeit des Beweises so gross wie die notwendigkeit desselben. – Alles, was er tun können als ein Hausfreund des Kammerherrn, sei gewesen, Flamins Vertrauter zu werden, um sein Wächter zu werden."
Dadurch wurde notwendig der Fürst auf die Materie des Duells zurückgeführt, die jener anfangs nach wenigen Winken fallen lassen. Es war sein Geschäftgang, von einer ihm wichtigen Angelegenheit bald abzubrechen, über andere Dinge ebenso lange zu sprechen, dann jene wieder vorzuholen und so das Wichtige unter ebenso grosse Lagen von Unwichtigem zu verpacken, wie die Buchhändler konfiszierte Bücher bogenweise unter weisses oder anderes Papier verschlichten. Auch war jetzt Flamins Unschuld am Mord für Jenner wichtiger; dieser fragte also natürlicherweise, warum er seinen Freund dem Scheine des Zweikampfes preisgegeben habe.
Mattieu sagte, es werde lange, und es sei kühn, Se. Durchlaucht um so viel Aufmerksamkeit zu flehen. Er hob an zu berichten, was – die Hundposttage bisher berichtet haben. Er log wenig. Er hinterbrachte, er habe, um Flamins Liebe für seine unbekannte Schwester Klotilde zu brechen – wenigsten mehren wollt' er sie –, ihn eifersüchtig machen wollen, aber er habe ihn mit niemand entzweien können als mit dem Liebhaber; ja, es habe nicht einmal etwas gefruchtet, dass er ihn selber den Ohrenzeugen der sehr verzeihlichen Untreue Klotildens werden lassen, sondern jener habe noch zuletzt über die Verlobung der Schwester eine Wut geäussert, die er durch nichts als durch die Vorspiegelung eines verkappten Duells mit dem Vater befriedigen können – denn um einen zweiten Kampf zwischen Vater und Sohn, den das Schweigen des Lords angezettelt, abzuwenden, hab' er ihn selber unternommen, aber leider zu unglücklich.
So weit der Edle. Die uns bekannten wahren Einschiebsel unterschlag' ich. Jenner, der nun dem Evangelisten für die Wegnahme einer Furcht gewogen wurde, in die er ihn selber gesetzt hatte, tat die natürliche Frage: "warum Flamin den Mord auf sich nehme?" – Mattieu: "Ich flüchtete sogleich, und es stand nicht bei mir, seine Unwahrheit, deren ich mich nicht versehen konnte, zu verhüten; aber es stand bei mir, sie zu widerlegen." – Jenner: "Fahren Sie in Ihrer Freimütigkeit fort, sie ist Ihre Schutzschrift, weichen Sie nicht aus!" – Mattieu mit einer freiern Miene: "Was ich zu sagen wusste