blutigen Kelch-Tropfen liegen... Und da noch eine Lerche, die letzte Sängerin der natur, über dem Garten zitterte und allen Frühlingen des Lebens mit zu heissen Tönen nachrief und das Herz mit einem unendlichen tödlichen Sehnen durchschnitt: so weinte mein Viktor laut hinauf, und als er oben auf dem grab die grossen düstern Tränen abgewischt hatte, stand – Klotilde vor ihm.
Er erzitterte einmal und verstummte.... Sie kannte kaum die abgebleichte Gestalt und fragte zitternd: "Sie sinds? Sehen wir uns wieder?" – Seine Seele war auseinandergetrieben, und er sagte, aber in anderem Sinn: "Wir sehen uns wieder." Sie blühte, durch die Reise genesen. Aber Blut war in ihrem Schnupftuch – es war das Blut, das Emanuel unter dem Duell in der Allee aus seinem Busen vergossen. Er starrte fragend das Blut an – sie wies auf das Grab und verhüllte ihr weinendes Auge. – Mit der Frage: "Ist Ihr Herr Vater gekommen?" wollte die Gute sanft ablenken – aber sie lenkte ihn an sein Grab – sein Auge suchte wild den Raum zur letzten kühlen Grotte des Lebens – sie hatte ihren sanften Geliebten niemals so gesehen und wollte seine Seele mildern durch stilles Erinnern an Emanuel – sie füllte die leere Stelle ihres Briefes aus und erzählte, wie gefasst und still der Tote aus England gegangen und vorher beim Abschiede in eine ausserordentlich tiefe Höhle des verfallnen Tempels alle seine ostindischen Blumen, drei Bilder, beschriebene Palmblätter und geliebte Aschensammlungen hinabgesenkt habe....
Viktor war ausser sich – er stemmte seine Hand aufs taukalte nasse gelbe Grab – er weinte in einem fort und konnte die Geliebte nicht mehr sehen – er stürzte an ihren bebenden Mund und gab ihr den Abschiedkuss des Todes. Er durfte sie küssen, denn Tote haben keinen Rang. Er fühlte ihre strömenden Tränen, und eine harte sehnsucht ergriff ihn, diese Tränen hervorzureizen; aber er konnte nur nicht reden. Er erstickte ihre Worte durch Küsse und seine durch Qual. Endlich konnte er sagen: "Lebe wohl!" Sie wand sich erschrocken los und blickte ihn an mit grösseren Tränen und sagte: "Wie ist Ihnen? Sie brechen mir das Herz!" – Er sagte: "Nur meines muss brechen!" und riss das Herz von Wachs heraus und quetschte es auf dem grab auseinander und sagte: "Ich opfre dir mein Herz, Emanuel, ich opfre dir mein Herz." Und als Klotilde fürchtend entflohen war: konnte' er ihr nur mit erschöpften Tönen noch nachrufen: "Lebe wohl, lebe wohl!"
43. Hundposttag
Mattieus vier Pfingsttage und Jubiläum
Es ist ein Kunstgriff, dass ich wahre Spitzbuben-Szenen in den höhern Ständen vorher französisch niederschreibe und dann verdolmetsche, wie Boileau seine welken Verse vorher in Prose aufsetzte. – Da mir am 43sten Hundtage gelegen ist – weil der edle Matz darin seinen Flamin sogar mit Aufopferung seiner Tugend und des Lords zu retten sucht –: so gedenk' ich ihn aus dem Französischen, worin ich ihn geschrieben, so getreu ins Deutsche zu übersetzen, dass mein französischer Autor selber mir seinen Beifall schenken soll.
Kaum hörte Mattieu, dass Klotildens und Flamins Mutter aus London gekommen: so marschierte dieser Reineke aus seinem Fuchshau nach Flachsenfingen, weil er sich die Ehre, Flamin zu erlösen, von niemand nehmen lassen wollte. Er griff, seines Feuers ungeachtet, dem Zufall selten vor, sondern er passte und schob nur da oder dort nach; – wie in einem Roman, so häkeln sich im Leben tausend leise zusammengerückte Geringfügigkeiten endlich fest ineinander, und ein guter Matz zwirnet aus zertragenen Spinngeweben des Zufalls zuletzt einen ordentlichen – Seidenstrick für seinen Nebenmenschen. – Er liess sich kühn beim Fürsten eine geheime Audienz auswirken, "weil er lieber der Strafe (wegen der Foderung zum Duell) entgegenkommen, als über einige wichtige Dinge länger schweigen wolle". Wichtige und gefährliche waren längst bei Jenner verwandt, jetzt aber gar identisch, weil ihn die Fürstin an jedem Morgen mit einigen Strophen aus dem Buss – und Eulenliede über Aufruhr, Ankerströme und Propagandisten ansang. Sie und Schleunes bliesen in ein Horn, wenigstens aus ihm eine Melodie.
Mattieu trat ein und langte das grosse Wichtige hervor – die kahle Bitte um Flamins Leben. Jenner sagte ein ebenso kahles Nein; denn der Mensch ist ebenso unwillig auf den, der ihn in eine ungegründete Furcht, als auf den, der ihn in eine gegründete jagt. Mattieu wiederholte kalt sein Gesuch: "Ich bitte Ew. Durchlaucht bloss, nicht zu glauben, dass ich jemals die blosse Freundschaft für eine hinlängliche Entschuldigung einer solchen kühnen Bitte halten würde – die Pflicht eines Untertanen ist meine Entschuldigung." – Jenner, den das unhöfliche Zurückziehen verdross, brach es ab: "Der Schuldige kann nicht für den Schuldigen bitten." "Gnädigster Herr," sagte der Evangelist, der ihn in Furcht und Harnisch zugleich zu jagen suchte – "zu jeder andern Zeit als in der unsrigen würde' es ebenso sträflich sein, gewisse Dinge zu erraten oder zu weissagen, als sie zu beschliessen – aber in unserer sind diese drei Dinge leichter. Auf den Tag, wo der Regierrat sein Leben verlieren sollte, ist ein Plan berechnet, den einige zur Erhaltung des seinigen auf Kosten des ihrigen gemacht haben." Der Fürst – entrüstet über die Kühnheit, die sonst nicht in der Schneelinie123 der Höfe, sondern nur in der demokratischen Gleicherlinie wohnt