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recht weh', da er so bleich aussehe und so oft seufze. – – "Gib mir es, Liebe," (sagte er zu tief bewegt) "ich will mein Herz selber opfern."

"Ja," wiederholt' er unter dem stillen Himmel draussen, "das Herz hinter der Brust will ich opfernes ist auch von Wachsund der Mutter Erde will ichs geben, damit es heileheile...."

Lasset ihn immer weinen, meine Freunde, jetzt da er lächelnd die stille blasse Erde anblickt, hinauf bis zu ihren Bergen voll Duft. – Denn Weichheit der Empfindung verträgt sich gern mit Versteinerung und Passauer Kunst gegen das verletzende Geschick. – Lasset ihn immer weinen, da er diese blumenlose, gleichsam in die Seide des fliegenden Sommers sich einspinnende Erde ansieht und ihm ist, als müss' er niederfallen und die kalte Aue wie eine Mutter küssen und sagen: blühe früher wieder auf als ich, du hast mir Freuden und Blumen genug gegeben! – Das stille Auseinander gehen der natur, auf deren Leiche die vollblühende Zeitlose gleichsam wie ein Totenkranz stand, legte durch dieses auf lösende Reiben seine Kräfte sanft auseinanderer war ermüdet und gestilltdie natur ruhte um ihn, er in ihrdie Erschöpfung floss beinahe in eine süsse kitzelnde Ohnmacht überdie Tränendrüse schwoll und drückte nicht mehr, eh' sie übertrat, sondern ihr wasser lief wie Tau aus Blumen leicht und ohne Stocken nieder, wie das Blut durch seine Brust.

Er sah jetzt St. Lüne liegen, aber gleichsam entrückt von ihm, in einem Mondschein. Er ging nicht hindurch, um nicht die Wachsstatue zu erblicken, deren Leichenpredigt er gehalten und zu der er auch ein Herz aus Wachs besass, sondern er ging aussen herum: "Werde immer breiter und lauter, schöner Ort, nie umzingle dich ein Feind!" Mehr sagt' er nicht. Denn als er vor dem Kirchhof vorüberging, dachte' er: "Haben denn nicht diese auch alle von dem Orte Abschied genommen; und tu' ichs allein?" -Bloss der Zurückblick nach dem Pfarr-Schieferdach entzündete noch einen Blitz des Schmerzens durch den Gedanken an die mütterlichen Tränen über seinen Tod; aber er sagte sich bald den Trost, dass das an Flamin gewöhnte Mutterherz der Pfarrerin den Kummer über das Opfer heilen werde durch die Freude über den geretteten Liebling.

Er ging nun auf Maiental zu und zog mit Fleiss seine träumenden Gedanken von dessen erhabnen Stellen ab, um (abends bei der Ankunft) desto mehrSchmerz zu geniessen. Aber nun spann sich sein Ich in ein neues Gedankengewebe ein: er überdachte das Vergnügen, ohne alle Krankennächte hell und gerade, nicht liegend, sondern aufgerichtet wie der Riese Cänäus122 in die Erde einzusinkener fühlte sich geschirmet gegen alle Unfälle des Lebens und gereinigt von der stets in jedem Herzen fortnagenden Furchtalles dieses und die Freude an erfüllten Pflichten und an bezwungnen Trieben und die Lichter des blauen, gleichsam im Blumenstaube stehenden Tages klärten seinen umgerüttelten Lebensstrom so auf, dass er zuletzt länger (wenn es ihm nicht sein Beschluss verböte) im hellen Strome hätte spielen wollen... So gross wird durch die Verachtung des Todes die Schönheit des Lebensso gewiss ist jeder, der mit kaltem Blut sich das Leben abspricht, vermögend, es zu ertragenso wahr rät Rousseau, vor dem tod eine gute Tat zu unternehmen, weil man jenen dann entbehren kann.... – Als Viktor so dachte: trat das Schicksal vor ihn und fragte ihn zürnend: "Willst du sterben?"- Er antwortete: "Ja!" – da er vor Sonnenuntergang in Obermaiental Klotildens Wagen, den er da bei der Abreise gesehen, wieder erblickte. jetzt fiel die Todeswolke über die Gegend nieder. Er eilte vorüberam Fenster sah er seine Mutter und die Lady, die Mutter Flaminssein Inneres brausteseine Augen glühten trockendenn er wählte unter den Waffen des Todes. – Warum ging er so spät, im Dunkeln, mit einem stürmenden inneren, das alle süssen Träume verfinsterte, noch nach Maiental? – Er wollte zu Emanuels grab: nicht um da zu trauern, nicht um da zu träumen; sondern um sich da eine Höhle zu suchen, nämlich die letzte. Der reissende Gram hatte ein Gemälde seines Sterbens entworfen, und er hatte den Riss gebilligt: er wollte nämlich, sobald das Verhängnis die notwendigkeit seines Todes durch das Verschwinden seines Vaters und durch die Gefahr Flamins entschieden hätte, neben der Trauerbirke sein Grab aushöhlen, sich hineinlegen, sich darin töten und sich dann von dem blinden Julius, der nichts wissen und sehen kann, mit Erde überschütten lassen und so, verhüllt, unbekannt, namenlos aus dem Leben fliehen an die modernde Seite seines Emanuels....

Schwarze Leichenzüge von Raben flogen langsam wie Gewölk durch den sonnenlosen Himmel und senkten sich wie Gewölk in die Wälder niederder halbe Mond hing über der Erdeein kleiner fremder Schatten, so gross wie ein Herz, lief fürchterlich neben ihm, er sah auf, es war der Schatten eines langsam schwebenden Geiers. – Er riss sich durch Maiental, er sah nicht den entblätterten Garten und Dahores verschlossenes Haus, sondern lief durch die Kastanienallee der Trauerbirke entgegen. – –

Aber unter den Kastanien am Orte, wo ihn Flamin töten wollte, sah er Klotildens welke Federnelke mit dem