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auf der Erde vorüber!"

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Kennst du, Leser, noch die stimme, die in seinem inneren allzeit unter dem Weinen der Musik im Tonfall der Verse erklang? Hier klingt sie wieder. – Aber sein Orkan des Entschlusses machte bald sanfteren Taten und Stunden Platz, so wie der Herbststurm der Tag und Nachtgleiche sich in stille Nachsommertage auflösete. Der Gedanke: "In einigen Wochen flüchtest du unter die Erde" machte ihn zum Freigebornen und zum Engel. Er verzieh jedem, sogar dem Evangelisten. Er füllte seine kleine Sphäre mit einem LebensNachflor von Tugenden; und widmete seine kurzen Stunden nicht süssen Phantasien, sondern dürftigen Kranken. Er untersagte sich jeden Aufwand, um seinem Julius das väterliche Vermögen ungeschmälert zu lassen. Er war weder eitel noch stolz. Er sprach freimütig über und gegen den Staat; – denn was ist so nahe neben dem Sturm- und Wetterdache des Sargdeckels wohl zu fürchten? – Aber eben weil er bloss die Liebe zum Guten und keine Leidenschaften und keine Feigheit in seinem inneren spürte: so widerstand er sanft und ruhig; denn sobald nur der Mensch für sich selber überführt ist, dass er Mut für den Notfall verwahre: so sucht er nicht mehr ihn vor andern auszukramen. Der Gedanke des Todes machte ihn sonst zu humoristischen Torheiten geneigt; jetzt aber nur zu guten Handlungen. Ihm war so wohl, ihm erschienen die Menschen und die Szenen um ihn in dem milden stillenden Abendlichte, worin er beide allemal in den Krankheiten seiner Kindheit erblickte. Es schien, als wollt' er (und es gelang ihm) durch diese Frömmigkeit sein Gewissen zur leserlichen Unterschrift seines eigenhändigen Todesurteils bestechen. Wie dem verewigten Emanuel kamen ihm die Menschen wie Kinder vor, das Erdenlicht wie Abendlicht, alles sanfter, alles ein wenig kleiner, er hatte keine Angst und Gier; die Erde war sein Mond: jetzt erriet er erst die Seele seines Dahore....

Und du, mein Leser, fühlest du nicht, du würdest dich so nahe vor der Klosterpforte des Todes ebenso veredeln? Aber ich und du stehen ja schon davor; ist unser Tod nicht so gewiss als Viktors seiner, wiewohl in einem längern Zwischenraum? O wenn jeder nur gewiss glaubte, nach Jahren an einem bestimmten Tage führte ihn die natur auf ihren Richtplatz: er wär' anders; aber wir alle werfen das Bild des Todes aus unserer Seele, wie die Schlesier es am Lätare-Sonntag aus den Städten werfen. Der Gedanke und die Erwartung des Todes bessern so sehr als die Gewissheit und Wahl desselben.

jetzt zogen die schönen blauen Nachsommertage des heurigen Oktobers auf zarten Phalänenflügeln von Spinnengeweben über den Himmel. Viktor sagte zu sich: "Schöner Erdenhimmel, ich will noch einmal unter dir wandeln! Gutes Mutterland, ich will dich noch einmal mit deinen Bergen und Wäldern überschauen und dein Bild in die unsterbliche Seele heften, eh' dein gelbes Grün mein Herz überwächset und darin einwurzeltich will dich sehen, St. Lüne meiner Kindheit, und meine schönen Pfingstwege und dich, du seliges Maiental, und dich, du guter alter Bienenvater120, und will dir deine FreudenstundenUhr zurückgeben – – und dann werde' ich genug gelebt haben."

Er fragte sich: "Bin ich denn reif für die Obstkammer des Kirchhofs? – Aber ist denn irgendein Mensch reif? Ist er nicht im 90sten Jahr noch unvollendet wie im 20sten?" – Jawohl! der Tod nimmt Kinder ab und Feuerländer; der Mensch ist Sommerobst, das der Himmel brechen muss, eh' es zeitigt. Die andere Welt ist keine gleichgestellte Allee und Orangerie, sondern die Baumschule unserer hiesigen Samenschule.

Ehe Viktor mit Küssen und Weinen vom Blinden ging: beschied er abends vorher die arme Marie ins Kabinett und empfahl ihr (wie dem italienischen Bedienten) die Pflege des Blinden. Aber seine Absicht war, der zerbrochenen kraftlosen Seele die Hoffnung einiger 100 fl. – soviel durft' er schon als Erbschaft von seinem bemittelten Vater Eimann begehrenvorauszugeben und anzukündigen. Der Eigennutz dieser Erniedrigten, der andere kalt gemacht hätte, rührte gerade sein Innerstes; schon längst hatte' er gesagt: "man sollte mit keinem Menschen Mitleid haben, der philosophisch oder erhaben dächte, am wenigsten mit einem Gelehrtenbei einem solchen gingen die Wespen-Stiche des Schicksals kaum durch den Strumpfhingegen mit der armen Pöbelseele leid' er und wein' er unendlich, die nichts Grösseres kenne als die Güter der Erde, und die, ohne Grundsätze, ohne Trost, bleich, hülflos, zuckend und erstarret niederfalle vor den Ruinen ihrer Güter." – Es verdoppelte daher bloss sein Mitleiden, da diese Marie in sinnloser Dankbarkeit vor ihm mit abgerissenen DanksagungenAusrufungenFreudengüssenmit Rockkuss, einfältigem lachen und Niederknien wechselte.

Als er den andern Morgen gingzuerst auf St. Lüneund vor dem Marienkloster vorüberkam, wo einmal die angenommene Tochter des Italieners Tostato einen sechsten Finger opfern wollte: so kam Marie aus einer Glieder-Bude121 heraus und hatte zwei wächserne Herzen erhandelt. Viktor brachte durch langes und künstliches fragen aus ihr heraus: sie wolle das eine, das ihres vorstelle, der heiligen Marie umhenken, weil ihres ihr nicht mehr so wehe tue und nicht so eingepresset sei wie vorige Woche. – Über das zweite wollte sie lange nicht heraus; endlich gestand sie: es sei Viktor seines, das sie der heiligen Mutter Gottes opfern wollte, weil sie dachte, es tu ihm auch