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das fortklingende Getöse des Stadtgetümmels, das seinem dorf abgegangen war, getröstet....

Viktor erwartete also vorher die Ankunft Klotildensach, er hätt' es auch ohne den Blinden getan. – Musst' er nicht seine gute Mutter noch einmal sehen, seine unvergessliche Geliebte noch einmal hören? – Ich kann es übrigens nicht verheimlichen, dass ihm nicht bloss die Rettung Flamins, sondern eigentlicher Lebensekel die Hand bei seinem Todesurteil führten. Im Urteil des mörderischen Ekels standen als Entscheidgründe der Sonnenuntergang EmanuelsViktors geläufige Nachtgedanken über unser Lukubrieren des Lebensseine gänzliche Umstürzung seiner bürgerlichen Verhältnissedas ähnliche vergangene oder künftige Muster des Lordssein Lechzen nach einer Tat voll Stärkeund am meisten die Todeskälte um seine nackt gelassene Brust, die sonst von so vielen warmen Herzen zugedeckt wurde. Man kann Liebe und Freundschaft nur so lange entbehren, als man sie noch nicht genossen hataber sie verlieren und ohne Hoffnung verlieren, dies kann man nicht, ohne zu sterben. Seinem Gewissen macht' er den optischen Betrug und Teaterstreich vor, dass er es fragte, ob er nicht seinen Freund aus dem wasser mit Gefahr des Lebens holen, ob er nicht vom Brette, das nur einen trüge, in die Wellen stürzen dürfe, um den Tod zum Kaufschilling eines andern Lebens zu machen. – Zwei sonderbare Vorstellungen versüsseten ihm seinen Todes-Entschluss am meisten.

Die erste war, dass er am Todestage (nach der Entdeckung beim Fürsten) hingehen könnte ins Gefängnis zu Flamin und seine Hand anfassen und sagen dürfte: "Komm herausheute sterb' ich für dich, damit ich dir beweisen kann, dass Klotilde deine Schwester war und ich dein Freundich lösche das schwarze Wort, das erst am Todestage vergeben werden kann, mit meinem unschuldigen Blute aus, und der Tod drückt mich wieder in deinen Arm. – O ich tu' es gern, damit ich dich nur noch einmal recht lieben und zu dir sagen kann: mein guter, teuerer, unvergesslicher Jugendfreund!" – Dann wollt' er ihm mit tausend Tränen um den Hals fallen und ihm alles vergeben: denn neben dem tod und nach einer grossen Tat kann und darf der Mensch dem Menschen alles, alles verzeihen.

Die weichere Seele errät leicht die zweite Versüssung seines Todes. – Diese, dass er noch einmal zur Geliebten hingehen und es vor ihr denken, obwohl nicht sagen konnte: ich falle für dich. Denn er fühlte es jetzt doch, dass die beschlossene Scheidung durch das Leben zu schwer sei und nur eine durch Sterben leicht – o recht leicht und süss, empfand er, ist es, vor der Geliebten das nasse Auge zu schliessen, dann nichts mehr weiter anzusehen auf der Erde, sondern mit den hohen Flammen des Herzens und mit dem an die Brust gedrückten teuren Bilde, wie die eingesargte Mutter mit dem toten Liebling, blind an den Rand dieser Welt zu treten und sich hinabzustürzen ins stille, tiefe, dunkle, kalte Totenmeer... "Du bist", sagt' er oft, "in mein Ich gemalt, und nichts macht dein Bild von meinem Herzen los; beide müssen, wie in Italien Mauer und Gemälde darauf, miteinander versetzet werden." – Und da er jetzt nichts mehr nach seinem Körper zu fragen brauchte: so durft' er die Tränen, die ihn zerrütteten, absichtlich vorreizener wollte ordentlich etwas von seinem Leben Klotilden bringendaher macht' er einige Tage hintereinander die Proberolle der blutigsten Abschiedszene bis zur Erschöpfung und zeichnete seinen Schmerz mit Dinte ab und sagte zu sich, wenn ihn darüber Kopfschmerzen und Herzklopfen befielen: "So kann ich doch etwas für sie leiden, wenn sie es auch nicht weiss." –

Hier ist ein solches Trauerblatt: "O du Engel! Tät' es dir nur nicht zu wehe, so ging' ich zu dir und füllete vor deinen Augen mein Herz so lange mit Tränen an, mit Bildern der schönern Zeit, mit den bittersten Schmerzen, bis es zersprengt wäre und sänkeoder ich erlegte mich in deiner Gegenwart, ach es wäre süss, wenn ich mein Herz mit Blei zerschlitzte, indem es an deinem Busen lehnte, und wenn ich mein Blut und Leben an deiner Brust abrinnen liesse. – Aber o Gott! nein, nein! Sondern, Gute, lächelnd will ich zu dir gehen, wenn du wiederkömmstlächelnd will ich vor dir weinen, als wär' es bloss vor Freude über deine Wiederkehrnur die Federnelke mit dem roten Tropfen werde' ich von dir bitten, damit mein geschmücktes Herz unter der letzten Blume des Lebens verwese. – Ich werde wohl so nah vor dir bluten, himmlische Mörderin, wie die Leiche vor der Mörderin, aber doch nur innerlich, und jeder Bluttropfe wird bloss von einem Gedanken auf den andern fallen. – Dann endlich werde' ich lange verstummen und gehen und auf immer und nur sagen und mehr nicht: 'denke' an mich, Geliebte, aber sei glücklicher als bisher.' – – Wo werde' ich dann gehen nach einer Stunde? Ich werde gehen auf dem öden stummen Wege zum giftigen Buo-Upas-Baum119, zum einsam stehenden tod, und dort ganz allein sterben, ganz allein. – – Die Toten sind Stumme, sie haben Glocken, und ein Stummer wird im Blauen schweben und die Totenglocke läuten... O Klotilde, Klotilde, dann ist unsere Liebe