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. Sie musste aber fast; – eine Frau errät leicht die menschliche, aber schwer die göttliche (oder teuflische) natur eines Mannes, schwer seinen Wert und leicht seine Absichten, leichter seine innere Farbengebung als seine Zeichnung. – Mattieu gab Anlass zu ihrem Irrtum, aber auch (wie ich sogleich berichten werde) zur Zurücknahme desselben. Dieser Evangelist, der ein viel grösserer Satirikus war als sein Namenvetter im Neuen Testament, stellte fast ganz Flachsenfingen auf seine Privat-Pillory, den Fürsten, den Hof bis zu Zeuseln niedernur den Minister (seinen Vater) und seine vielen Schwestern musst' er leider auslassen, desgleichen die Personen, mit denen er gerade sprach. Was man Verleumdung an ihm nannte, war im grund übertriebne Herrnhuterei. Denn da der heilige Makarius befiehlt, dass man sich aus Demut zwanzig Unzen Böses beilegen müsse, wenn man dessen fünf habedas Gute aber umgekehrt –, so suchen redliche Hofseelen, weil sie sehen, dass keiner diese bescheidne Sprache führen will, in jedes Namen sie zu reden; und schreiben dem, dessen Demut sie repräsentieren wollen, allezeit funfzehn Unzen mehr Böses und weniger Gutes zu, als er wirklich hat. Hingegen bei gegenwärtigen Personen haben sie diese stellvertretende Genugtuung nicht nötig. Daher ist das Leben solcher Hof-edlen ganz dramatisch; denn da nach Aristoteles die Komödie die Menschen schlechter, und die Tragödie sie besser malt, als sie sind, so lassen gedachte Edle in jener nur Abwesende, in dieser nur Gegenwärtige agieren. Ich weiss nicht, ob diese Vollkommenheit hinreicht, einen wirklichen Fehler des Evangelisten gutzumachen, welches der war, dass er, wie die Römer an Luperkalien, zu oft nach dem weiblichen Geschlecht Hiebe führte. So sagte er heute z.B.: Mädchen und Himbeere hätten schon Maden, eh' sie nur reif wärendie weibliche Tugend wäre das glühende Eisen, das eine Frau (wie auch sonst bei den Ordalien) vom Taufstein (Tauftag) bis zum Altar (Trautag) zu tragen hätte, um unschuldig zu sein u.s.w.

Nichts fiel Klotildenund so hab' ichs allemal bei den Besten ihres Geschlechts gefundenempfindlicher als Satire auf ihr ganzes Geschlecht; aber Viktor erstaunte über ihre dem Geschlecht und der Welt-Erfahrenheit gleich sehr eigne Kunst, es zu verbergen, dass siedulde und verachte.

Des Evangelisten Beispiel machte, dass auch Viktor anfing zu phosphoreszieren auf allen Punkten seiner Seeleder Funke des Witzes umlief den ganzen Kreis seiner Ideen, die einander wie Grazien bei der Hand fassten, und sein elektrisches Glockenspiel übertraf des Junkers Entladungen, welche Blitze waren und nach Schwefel stanken. Klotilde, die sehr beobachtete, misstrauete den Lippen und dem Herzen Sebastians.

Der Hofjunker hielt ihn für seinesgleichen und für verliebt in Klotilde; und das aus dem grund, "weil der lustigere oder ernstere Ton, worin ein Mann in einer Gesellschaft verfalle, ein Zeichen sei, dass ein weiblicher Zitteraal darin in seinen Busen eingeschlagen". Ich muss es gestehen, Viktors überwallende Seele liess ihn nie jenen Ausdruck der achtung für Weiber treffen, der sich nicht in unzeitige Zärtlichkeit verirrt, und den er oft gebildeten Weltleuten beneidete; seine achtung sah leider allemal wie eine Lieberklärung aus. – Die Kammerherrin hielt ihn für so falsch wie ihren Cicisbeo; Leute wie sie begreifen kein anderes Wohlwollen als höfliches oder einfädelndes.

Man behielt unsern Helden den ganzen Tag und den halben Abend drüben.

Den ganzen Tag war er nicht imstandeobgleich die unsichtbaren Augen seines inneren Menschen voll Tränen standen über Klotildens edle Gestalt, über ihre verborgne Trauer um die kalte hinabgesenkte Freundin, über ihre rührende stimme, wenn sie bloss mit Agaten sprachgleichwohl war er nicht imstande, nur ein ernstaftes Wort zu sagen: gegen Fremde zwang ihn seine natur allemal im Anfang einige satirische und andere Hasensprünge zu machen. Aber abends, da man im feierlichen Garten war, da sein gewöhnlicher Schauer vor der Leerheit des Lebens durch die Lustigkeit heftiger wurdedas wurde jener dadurch allezeit; hingegen durch ernstafte, traurige, leidenschaftliche gespräche nahm er abund da Klotilde ihm bloss eine sehr kalte, gleichsam von seinem Vater auf ihn angewiesene Höflichkeit gewährte und den Unterschied zwischen ihm und dem Mattieu, der keine zweite Welt und keinen dafür organisierten inneren Menschen annahm, nicht in seiner ganzen Grösse erriet: so wurde' ihm beklommen ums sehnende Herz, zu viele Tränen schienen seine ganze Brust anzufüllen und durchzudrücken, und sooft er zu dem grossen tiefen Himmel aufblickte, sagte etwas in seiner Seele: schier dich gar nichts um den feinen Cercle und rede heraus!

Aber es gab für ihn nur eine Seele, an der jene Erhöhtritte wie an Pedalharfen geschaffen waren, die jedem Gedanken einen höhern Sphärenton erteilen, dem Leben einen heiligen Wert und dem Herzen ein Echo aus Eden; diese Seele war nicht sein sonst so geliebter Flamin, sondern sein Lehrer Dahore in England, den er ach schon lange aus seinen Augen, aber nie aus seinen Träumen verloren. Der Schatten dieses grossen Menschen stand, gleichsam an die Nacht geworfen, flatternd und aufgerichtet vor ihm und sagte: "Lieber, ich sehe dein inneres Weinen, dein frommes Sehnen, dein ödes Herz und deine ausgebreiteten bebenden arme; aber alles ist umsonst: du findest mich nicht und ich dich nicht." Er schaute an die Sterne, deren erhebende Kenntnis sein Lehrer schon damals in seine junge Seele angeleget hatte; er sagte zu