Aber welche Hand, welchen Zweig konnte' er dem sinken den Flamin hinunterreichen ins Gefängnis? – Alles, was er vermochte, war, zum Fürsten zu gehen mit einer nackten Bitte um dessen Begnadigung. Tausend Aufopferungen unterbleiben, weil man nicht ganz gewiss ist, dass sie ihre rechten Früchte bringen. Aber Viktor ging doch; er hatte sich die goldne Regel gemacht: für den andern euch dann zu handeln, wenn der Erfolg nicht gewiss zu hoffen ist. Denn wollten wir erst diese Gewissheit abwarten: so würden Aufopferungen ebenso selten als unverdienstlich werden.
Er ging zum Fürsten nach langer Zeit zum erstenmal – hatte den Nachteil wider sich, eine lange Abwesenheit mit einer Bitte zu endigen – sprach mit dem Feuer des einsamen für seinen Flamin – flehte den Fürsten um den Aufschub des Schicksals desselben an, bis der Lord wiederkehrte – erhielt die Entscheidung: "Ihr Herr Vater und ich müssen es bloss der Justiz überlassen" und wurde kalt und stolz verabschiedet.
jetzt, gerade am 5. September dieses Jahres, wo eine grosse Sonnenfinsternis die Seele wie die Erde trübe und bange machte, jetzt hatte das Wasserrad des Schicksals den ersten Tränenkrug in seiner Brust gefüllt – es wälzte sich weiter, und der zweite floss über: Klotildens Brief kam den 22. September zu Herbstes-Anfang an.
"Teurer Freund!
Ihr Herr Vater war in London noch zu Anfang des Februars und hatte viel französischen Briefwechsel; dann ging er ab nach Deutschland, und seitdem weiss meine Mutter nichts von ihm. Das Schicksal wache über sein wichtiges Leben. An drei Eiden116, die seine Abwesenheit unauflöslich macht, hängen viele Tränen, viele Herzen und, o Gott! ein Menschenleben. – Ich lege ein Blatt von Ihrem Herrn Vater bei, das er bei meiner Mutter geschrieben und worin eine Philosophie ist, die meinen Geist und meine Aussichten immer trüber macht. Ach, ob Sie gleich einmal sagten: weder die Furcht noch die Hoffnungen des Menschen treffen ein, sondern immer etwas anders: so hab' ich doch das traurige Recht, meiner Bangigkeit und allen Träumen der Angst zu glauben, da ich mich bisher in nichts irrte als in der Hoffnung. – Wie ungenügsam ist der Mensch! – Aber wenn auch alles einträfe und ich zu unglücklich würde: so würde' ich doch sagen: wie könnt' ich jetzt zu unglücklich sein, wär' ich nicht einmal zu glücklich gewesen? – –
Sie werden mir es gern vergeben, dass ich über London und über den Eindruck schweige, den es auf ein so zerstreutes Herz wie meines machen konnte. Das tätige Gewühl der Freiheit und der Schimmer des Luxus und des Handels beklemmen eine kummerhafte Seele bloss und machen nicht froher, wenn man es nicht vorher ist. Sei glücklich, geliebte Vaterstadt, sagte mein Herz, sei es lange und sehr, wie ichs in dir gewesen bin in meiner Jugend! – Aber dann eil' ich lieber mit meiner Mutter auf ihr Landhaus zu, wo einmal drei gute Kinder117 so fröhlich grünten, und da werde' ich unaussprechlich erweicht, und dann bild' ich mir ein, ich sei hier glücklicher als unter den Glücklichen. Ich bilde mir es wohl nur ein; denn wenn ich da das gesammelte Spielzeug dieser guten Kinder, ihre Exerzitienbücher und ihre engen Kleider anschaue; wenn ich mich unter drei aneinandergesäete Kirschbäume setze, die sie scherzend in dem zu engen Kindergarten eingelegt hatten; und wenn ich dann denke, auf dieser Bühne zogen sie ihre Herzen für ein glücklicheres Leben gross, als sie gewonnen, für eine höhere Tugend, als die Verhältnisse zugelassen, und für bessere Menschen, als sie gefunden haben: dann werde' ich sehr betrübt, und dann ist mir, als müsst' ich weinen und dürft' ich sagen: auch ich bin in England geboren und wurde in Maiental von Emanuel erzogen.
Ach ich kann mein Herz nicht verbergen, wenn ich den Namen dieser grossen Seele schreibe. – Er war hier oft auf einem Berge, wo eine auseinandergefallene Kirche liegt, und wo er auf eine noch nicht umgeworfene Säule stieg, um sein Auge zu den Sternen zu erheben, über denen er nun wohnt. – Ich wollte Ihnen jetzt das schreiben, was mir meine Mutter von seinem Abschied erzählte; aber es tut mir zu wehe, und ich werde' es Ihnen mündlich sagen. Ich besuche diesen Berg sehr oft, weil man die ganze Ebene nach Osten hinuntersehen kann: hier hängt noch der alte Baum mit seinen Wurzeln und Zweigen in den Steinbruch hinunter, der voll zerstückter Tempelsäulen liegt; Emanuel nahm oft abends das Kind dahin, das er am meisten liebte118 und das, wenn er auf der Säule betete, mit dem einen Arm um den Baum geschlungen, sehnsüchtig und singend über die weite Gegend hinüberblickte und sich hinauslehnte und, ohne es zu wissen, in süsser Beklommenheit über die eignen Töne und die entlegnen Gefilde weinte und über das blasse Morgenrot, das von der Abendröte zurückglimmte. Einmal, da der Lehrer das Kind fragte: 'Warum bist du so still und singest nicht mehr?' – gab es zur Antwort: 'Ach, ich sehne mich in die Morgenröte, ich möchte darin liegen und dadurch gehen und in die hellen Länder dahinter hineinschauen.' – Ich setze mich oft unter jenen Baum und lehne den Kopf an ihn und verfolge stumm die Entfernung bis an den Horizont, der vor Deutschland steht, und niemand stört mein Weinen und mein stilles Beten.